Mann, Frau, intersexuell: Plant der Weltverband die Revolution?

Intersexuelle Läuferinnen wie Caster Semenya sorgen seit Jahren für Unmut. Nun kündigt ein offizieller Arzt eine eigene Kategorie an.

Caster Semenya in Berlin: Wird sie bald in einer neuen Kategorie laufen?

Caster Semenya in Berlin: Wird sie bald in einer neuen Kategorie laufen? Bild: Henrik Schmidt/Keystone

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Was ist in Ihren Augen fair? Dass Leichtathletinnen mit gewöhnlichen Testosteronwerten über die Mittelstrecken chancenlos sind? Oder dass jene, die wegen ihrer erhöhten Werte bereits in der Gesellschaft nicht vollends akzeptiert sind, auch vom Leistungssport ausgeschlossen werden?

Die Frage lässt sich schwierig beantworten und wohl nie ganz klären. Was aber umso klarer ist: Für Athletinnen wie Caster Semenya ist der neuste Entscheid aus dem Hause IAAF ein weiteres Hindernis auf ihrem alltäglichen schmalen Grat zwischen Verehrung und Verachtung. Denn Semenya ist intersexuell, sie hat für Frauen ungewöhnlich hohe Testosteronwerte. Das veranlasst den internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF) zum Handeln. Semenya und andere hyperandrogene Läuferinnen müssen ihren Überschuss des männlichen Hormons ab 1. November medikamentös verringern.

Doch es gibt auch Hoffnung. Sie kommt in Person von Stéphane Bermon. Der Franzose ist beim internationalen Leichtathletik-Verband IAAF als Arzt tätig und gab in diesen Tagen dem «Guardian» einen ausführlichen Einblick in seine Arbeit. Und er macht dabei eine Prophezeiung. Gemäss Bermon wird es neben Männern und Frauen nämlich bald eine dritte Kategorie geben: intersexuelle Rennen, «wahrscheinlich in fünf oder zehn Jahren». Die Aussagen des Arztes sind der bisher letzte Akt in einem fortwährenden Drama um Sexualität, Zweifel und Anerkennung.

Hexenjagd gegen 18-Jährige

Der erste Akt ist schon einige Jahre her. An den Weltmeisterschaften in Berlin 2009 betritt eine junge Südafrikanerin die grosse Bühne der Leichtathletik mit einem grossen Kawumm. Caster Semenya, 18 Jahre jung, Gold über 800 m an der WM in Berlin, über zwei Sekunden Vorsprung, Weltjahresbestzeit. Die Leichtathletik hat eine neue Heldin gefunden, den zukünftigen Star der Szene. Vermeintlich.

Während der jungen Frau in ihrer Heimat ein grossartiger Heldenempfang gewährt wird, startet ausserhalb der Landesgrenzen eine regelrechte Hexenjagd. Die Gesichtszüge, die Statur, die Stimme, die fast schon surreale Leistungssteigerung von über 15 Sekunden in nur einem Jahr. Die Schlagzeilen sind schnell geschrieben: Semenya hätte niemals starten dürfen, die Resultate des 800-m-Laufes seien verfälscht.

Die Konkurrenz ist unzufrieden

Neun Jahre später hat sich einiges geändert in der Leichtathletik. Rekorde fielen, Champions traten ab, und neue Stars wurden geboren. Aber etwas blieb gleich, von WM zu WM, von Olympia zu Olympia: die Diskussionen um Semenyas Geschlecht. Nicht nur um das ihre, die heute 27-Jährige ist bei weitem nicht mehr die einzige intersexuelle Läuferin. Auch die zwei Frauen, die 2016 in Rio neben ihr auf dem Podest standen, gelten als hyperandrogen: Francine Niyonsaba aus Burundi und Nyairera Wambui aus Kenia. Das sorgte für Unmut, auch bei der Konkurrenz. Die geschlagene Amerikanerin Brenda Martinez forderte Veränderungen seitens der Verantwortlichen.

Und nun reagiert die IAAF also. 5 Nanomol – höher darf der Testosteronwert nicht sein, wenn eine Athletin bei internationalen Wettkämpfen starten will. Der Verband beruft sich dabei auf eine Studie vom letzten Juli, die besagt, dass Frauen mit Werten wie Semenya einen Wettbewerbsvorteil hätten. Sebastian Coe, der Präsident des Weltverbandes, sagt, die neuen Regeln würden ausschliesslich dazu dienen, für Chancengleichheit zu sorgen.

Silber auch mit weniger Testosteron

Neu ist das nicht, bereits nach Semenyas Sieg in Berlin wurde die Südafrikanerin zuerst ausgeschlossen, elf Monate danach wurde die Sperre aufgehoben mit der Auflage, dass Semenya ihren Testosteronspiegel medikamentös senken muss. Tatsächlich liessen ihre Leistungen nach. Es reichte trotzdem für Silber bei der WM 2011 und bei den Spielen 2012. Später wurden daraus zwei Goldmedaillen, weil die Siegerin Marija Sawinowa des Dopings überführt wurde.

Der französische Arzt Stéphane Bermon empfindet die neue Regel des IAAF als unfair. Sie ziele auf Frauen ab, die (im Falle von Profisportlerinnen) mit natürlichen Vorteilen geboren wurden. Ähnlich wie Usain Bolt mit seiner Grösse und schneller zuckenden Muskelfasern. «Der Grund, warum wir Männer und Frauen in Kategorien unterteilen, ist, dass Frauen sonst nie Medaillen gewinnen würden», sagt Bermon. Der wichtigste Faktor sei dabei das Testosteron.

Semenya hat sich nicht ausgesucht, anders zu sein. Es wird vermutet, dass sie eine Vagina hat, aber keinen Uterus. Dafür Hoden, die im Bauchraum liegen. In der Öffentlichkeit redet sie nicht viel, sie litt in den letzten Jahren vermehrt im Stillen, Interviews über ihr Geschlecht sind rar. Dafür schreibt sie, vornehmlich auf Twitter: «Ich bin mir zu 97 Prozent sicher, dass ihr mich nicht mögt. Aber ich bin zu 100 Prozent sicher, dass es mir egal ist.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.04.2018, 12:17 Uhr

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