Nach einer langen Saison brannten seine Beine

Die Saison begann für Julien Wanders mit einem Europarekord – endete an der WM in Doha aber niederschmetternd.

Das Selbstvertrauen verloren: Julien Wanders müsse auch mental noch dazulernen, glaubt sein Trainer. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Das Selbstvertrauen verloren: Julien Wanders müsse auch mental noch dazulernen, glaubt sein Trainer. Foto: Walter Bieri (Keystone)

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Er war einer von 41 auserlesenen Pacemakern, als Eliud Kipchoge am Samstag in Wien als erster Mensch den Marathon unter zwei Stunden lief. Es war Balsam auf die geschundene Seele von Julien Wanders. Der Genfer Langstreckenläufer hatte eine Woche unter den weltbesten Läufern verbracht, solchen, wie auch er einer werden will. Danach verreiste der 23-Jährige in die Ferien, und mit sich nahm er auch die schlechten Erinnerungen an die WM-Rennen in Doha über 5'000 und 10'000 m, die er «völlig verpatzt» hat, wie er sagt.

Der längere der beiden Wettkämpfe war sein zweites grosses Saisonziel gewesen – nach dem Europarekord im Frühjahr im Halbmarathon von Ras Al Khaimah. Doch: Wanders gab den WM-Lauf nach rund der Hälfte auf. «Mein Körper hat nicht mehr geantwortet», sagt er, «meine Beine brannten, ich war am Explodieren. Ich hasse es zwar, ein Rennen aufzugeben, aber noch viel schlimmer ist, es als Überrundeter zu beenden.» Dieser Schmach ist er so entgangen, und von den Medien hat er sich ­unauffindbar fortgestohlen.

Wanders ist bekannt geworden als herausragender Strassenläufer, als Rekordbrecher in jungen Jahren schon, als einer, der auf diesem Terrain nur den Vorwärtsgang kennt. Wanders ist aber auch bekannt geworden als Bahnläufer, der dort erstaunlicherweise nicht an seine Erfolge auf der Strasse anknüpfen kann. Vielleicht ist es aber auch gar nicht so erstaunlich, weil da ­seine Taktik eben nicht verfängt.

Zu viele Wettkämpfe

Für seinen Trainer Marco Jäger ist klar: «Wir müssen über die Bücher.» Er habe die Welt nicht mehr verstanden, als er die Aufgabe mitten im Rennen habe mit ansehen müssen, «zumal das Rennen für ihn gelaufen ist». ­Jäger meint damit, dass Wanders in einem relativ schnellen Lauf ohne grossen Aufwand einfach habe mitgehen können. «Dass ihm dann schon nach drei Kilometern die Beine brannten, habe ich nicht begriffen.»

Der Moment der Ernüchterung: Julien Wanders gibt das WM-Rennen über 10'000 m in Doha auf. (Bild: Keystone)

Sie versuchten, Gründe für den eklatanten Leistungsabfall zu finden – der nicht erst in Doha eingesetzt, sondern sich schon in Zürich bemerkbar gemacht hatte. Der Blutuntersuch nach dem misslungenen 10000-m-Rennen an der WM «hat sehr gute Werte ­ergeben», sagt Jäger. Wanders glaubt, die Ursache liege wohl darin, dass er nach der Rückkehr nach Kenia Ende August krank geworden sei – Fieber, eine starke Erkältung, da blieben noch vier Wochen bis zur WM. «Seine Trainingswerte fielen zehn Tage vor dem Abschlusstraining aber viel besser aus als im letzten Jahr vor der EM», sagt Jäger.

Einig sind sich Trainer und Athlet bis zur abschliessenden Analyse nach den Ferien erst in einem Punkt: Wanders hat in diesem Jahr zu viele Wettkämpfe bestritten. «Physisch sollte das Programm eigentlich kein Problem sein, aber mental war das nicht so einfach», glaubt Jäger. So habe Wanders bereits am Europacup Anfang August gesagt, er sei «müde» – und meinte damit: mental müde.

Frust bei Trainer und Athlet

Wanders lief in der ersten Saisonhälfte von Rekorden zu Bestleistungen in Serie – nicht nur auf der Strasse. Als mit der WM jedoch der Saisonhöhepunkt des Herbstes nahte, kam ihm – auch wegen des Rennens in Zürich – das Selbstvertrauen abhanden.

«Er muss taktisch noch dazulernen, aber auch mental», sagt Jäger und gibt zu, dass nicht nur der Athlet frustriert ist wegen der zweiten Saisonhälfte. Mit einer gewissen Strenge hält er fest: «Er muss einsehen, dass es auf diesem Level nicht die absolute Sicherheit gibt. Dass er am Tag X trotz super Training schlechte Beine haben kann. Dass er dann aber trotzdem Gas geben muss.» Wanders beginne zu schnell, an sich und der Form zu zweifeln, sich Fragen zu stellen. So auch nach dem 5000-m-Rennen, als er sich an die Spitze vorgearbeitet und danach wieder zurückfallen lassen habe – und damit die Finalqualifikation vergab. «Vielleicht war seine Form nicht so top wie gewünscht, aber im Rennen über die lange Distanz hätte es auch damit zu mehr ­reichen müssen», sagt Jäger.

Er wird sich noch diese Woche mit Louis Heyer treffen, dem Nationaltrainer Mittel-/Langdistanz. Auch dieser vermutet, dass «der Wettkampfblock Juli/August inklusive Reisen mehr Energie kostete als erwartet». Mit den Spielen in Tokio steht der Saisonhöhepunkt nächstes Jahr schon Anfang August an. Eine Anpassung des Programms ist also ohnehin nötig.

Wanders’ Gedanken sind aber noch nicht dort. Er sagt: «Nun wartet die Strasse, wo ich mich viel wohler fühle und auch nicht an meinem Potenzial zweifle.»

Mitarbeit: Guillaume Laurent

Erstellt: 17.10.2019, 08:56 Uhr

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