Neue Player im Schweizer Triathlon

Sven Riederer in Davos und Fabian Cancellara in Rorschach haben mit ihren Wettkämpfen grosse Pläne.

Die Wahl der Qual: Triathleten haben in der Schweiz immer mehr Möglichkeiten, sich zu fordern. Foto: Doris Fanconi

Die Wahl der Qual: Triathleten haben in der Schweiz immer mehr Möglichkeiten, sich zu fordern. Foto: Doris Fanconi

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Es sind ungewohnte Fragen, die Sven Riederer derzeit umtreiben. Etwa: Was zur Hölle mache ich mit 1800 Badetüchern?

Der Triathlet hat sein Leben neu ausgerichtet. Nach den Olympischen Spielen in Rio, den vierten für den 36-Jährigen, verabschiedete er sich von der Kurzdistanz, neu fokussiert er sich auf die doppelt so lange Mitteldistanz. Viel entscheidender aber: Der Spitzensport, so seriös er ihn auch ausübt, ist nur noch ein Standbein. Einst begann er klein mit der Organisation des ­Walliseller Triathlons in seiner Wohngemeinde. 2015 übernahm er auch den Uster ­Triathlon. Dieser steht am Sonntag wieder an, und für die Teilnehmer sind die 1800 Badetücher als ­Erinnerungsgeschenk gedacht. Doch in Rotterdam wurde die Lieferung durch einen Streik aufgehalten, weshalb sich Riederer nun fragt: Was mache ich mit 1800 Badetüchern, wenn diese nicht bis zum Wochenende ankommen?

Der Helfer im Renndress

Riederer ist in diesem Jahr von der Neben- zur Hauptfigur des Schweizer Triathlons aufgestiegen. Nicht als Athlet, sondern als Veranstalter. Riederer erhielt vom Schweizer Verband das Mandat zur Vermarktung der Breitensporttriathlons. Er fand neue Sponsoren für die Tri-Circuit-Serie, wie er den Verbund von elf Rennen nennt. Er organisiert sie nicht selber, stellt den lokalen Organisatoren aber Infrastruktur zur Verfügung: den digitalisierten Zielbogen, die Rennverpflegung oder die Badekappen für die Teilnehmer. Und seine Hände. Kürzlich in Nyon, er war eben Schweizer Meister geworden, streifte er sich nach der Siegerehrung ein Helfer-T-Shirt übers Renndress – und half beim Abbau.

Riederer ist nicht das einzige prominente Gesicht unter den Schweizer ­Triathlonveranstaltern. Da gibt es auch zwei Neulinge, Ex-Radprofi Fabian Cancellara und seinen Manager Armin Meier. Sie veranstalten in Rorschach Anfang September den Tristar, ein vom Österreicher Georg Hochegger erfundenes Rennformat. Dieser bringt auch das Fachwissen ein, Cancellara ist finanziell engagiert und gibt das Aushängeschild. Als solches wird er selber sein Triathlondebüt geben. Meier und Cancellara haben grosse Pläne, wollen die Bekanntheit des Olympiasiegers im Ausland ausnützen. Weitere Tristar-Rennen in Dubai und Spanien könnten schon 2018 folgen.

«Ab 1000 wird es lustig»

Das sind ambitionierte Ziele, denn es braucht Zeit, um mit einem Sportevent zu reüssieren. Dessen sind sich die Triathlonneulinge bewusst, ebenso, dass sie mit der Premiere nichts verdienen. Erst im April kommunizierten sie ihr neues Rennen: zu einem Zeitpunkt, zu dem viele Hobbysportler ihre Saisonziele bereits definiert hatten. Meier hofft beim Debüt auf 400 bis 500 Teilnehmer, «das werden wir knapp schaffen», glaubt er. Um Geld zu verdienen, muss der ­Tristar aber ein schönes Stück wachsen. «Das Ziel sind 1000 bis 1500 Teilnehmer. Dann wird es lustig», sagt Meier. Seine Rechnung geht so: Die Startgelder finanzieren den Event, die Gelder der Sponsoren stellen den Gewinn dar.

Das Tristar-Format (1 km Schwimmen/100 km Rad/10 km Laufen – oder 0,5/50/5) zielt auf Triathloneinsteiger ab, die sich mit dem Schwimmen noch schwertun. «Wir sehen das als spannende Nische», sagt Meier, der generell an Ausdauersportevents Gefallen gefunden hat. Jüngst hat er mit seiner Agentur den Zürich Marathon übernommen.

Der gesperrte Flüela als Trumpf

Auf der Mitteldistanz tut sich derzeit ­einiges. Während die Kurzdistanz praktisch komplett von Riederers Tri-­Circuit-Rennen abgedeckt ist, gibt es hier verschiedene Player. Allen voran die Schweizer Ironman-Veranstalter in Rapperswil (und auf der Langdistanz in Zürich), die die teilnehmerstärksten und professionellsten Wettkämpfe ­anbieten.

Neu betritt nicht nur Tristar dieses Feld, sondern auch die Challenge Davos, ebenfalls von Riederer organisiert. Er arbeitet dabei mit dem deutschen Veranstalter Challenge Family zusammen, der mit der Ironman-Serie konkurriert. Vom Challenge-Status erhofft sich Riederer vor allem internationale Ausstrahlung. Sein Trumpf ist die innovative Strecke: Mit dem Rad geht es Mitte September zweimal über den für den Verkehr gesperrten Flüelapass.

«Wir wollen etwas Grosses schaffen. Kein Triathlönchen mit ein paar 100 Teilnehmern»Sven Riederer

Auch die erste Challenge-Veranstaltung in der Schweiz verfolgt keine bescheidenen Ziele. «Wir wollen etwas Grosses schaffen. Kein Triathlönchen mit ein paar 100 Teilnehmern», sagt Riederer. Auch wenn es beim Debüt genau das sein wird. «500 Teilnehmer wären ein gutes Ziel im ersten Jahr.» Wie viele davon den Triathlon bestreiten werden, lässt Riederer offen. Er kombiniert diesen mit einem Bergrennen auf den Flüela, mit Rollski, Velo und zu Fuss. Auch er spricht von bis zu 1000 Triathleten, die sich einst in ­Davos messen sollen, dazu weitere 1000 in der erwähnten Flüela-Challenge.

Damit nicht genug, auch Branchenkrösus Ironman will expandieren. Man ist in Abklärungen für einen neuen Halbironman in Thun, holt derzeit Bewilligungen bei den Gemeinden ein, Erstaustragung wäre frühestens 2019. «Wir beobachten die neuen Events gelassen», sagt Ironman-Schweiz-Chef Nico Aeschimann. «Und sind gespannt, wie sie sich etablieren werden.»

Er betont, dass die Aussage nicht überheblich klingen solle. «Letztlich ist es sogar positiv, Mitstreiter zu haben, die Mitteldistanzrennen organisieren.» Natürlich fällt es Aeschimann auch leichter, entspannt zu sein, weil die Neulinge ­Tristar Rorschach und Challenge Davos im Vergleich zu seinen Rennen noch Zwerge sind.

Es droht ein Überangebot

Das könnte sich ändern, wenn die sich so entwickeln, wie sich das ihre Chefs erhoffen. Wobei den Neulingen bewusst ist, dass sie auf harte Konkurrenz treffen. «Ich habe das Gefühl, dass nun ein Überangebot entsteht. Gerade im September, wenn Rennen in Rorschach, Murten, ­Locarno, Zofingen, Davos und Yverdon stattfinden», so Riederer.

Generell sieht er aber nicht die anderen Triathlons als grösste Herausforderer: «Wir stehen nicht nur mit ihnen in Konkurrenz. Sondern mit den Laufveranstaltungen, mit allem, was mit Ausdauersport zu tun hat.» Armin Meier gibt sich diesbezüglich entspannt. Er will dank Cancellaras Namen mit Tristar vor allem international reüssieren.

Erstellt: 21.08.2017, 23:04 Uhr

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