Schweizer Sternstunden

Nie waren die Leichtathleten erfolgreicher an Titelkämpfen als in den vergangenen Tagen in Amsterdam. 5 Medaillen und 8 Top-8-Plätze sind das nachhaltige Vermächtnis der EM 2014.

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Es gibt Tage im Schweizer Sport, die in die Geschichtsbücher eingehen. Am Sonntag war ein solcher. An diesem warmen, schwülen Sonntag feierten die Leichtathleten in Amsterdam den Abschluss ihrer erfolgreichsten EM – je. Mit dem Gewinn von zwei Gold- und drei Bronzemedaillen sowie 8 weiteren Top-8-Plätzen übertrafen sie die bisherige Bestmarke (3/5) aus dem Jahr 1969 (!) klar.

Die Schweiz hatte 2014 Europameister Kariem Hussein, seit gestern hat sie mit Tadesse Abraham einen neuen – im Halbmarathon. Mit ihm hat das Land einen Goldgewinner bekommen, der eritreische Wurzeln und nach seiner Flucht 2004 in die Schweiz eine erfolgreiche Integration hinter sich hat. Mit zwei Jahren Verspätung konnte er sich mit seinem Sturmlauf durch Amsterdams Strassen, wie er sagt, doch noch «für meine Einbürgerung bedanken». Das wollte er schon an der Heim-EM in Zürich, scheiterte aber am zu grossen Druck. Mit seiner souveränen, taktisch klugen Leistung und einem komfortablen Vorsprung führte der 33-Jährige gleich auch noch das sechsköpfige Team zu Gold. Ein Podestplatz, der im Gegensatz zu Zürich auch in die Medaillenbilanz einfliesst und die Schweiz damit auf Rang 11 befördert. Man stelle sich das vor: Traditionell starke Laufnationen wie Spanien und Italien, aber auch Grossnationen wie die Briten und die Deutschen hatten im Halbmarathon das Nachsehen.

Kaum war der Schweizer Psalm auf der Medal Plaza vor dem Olympiastadion verklungen, ging der Schweizer Jubel im Innern weiter: In ihrem erst zweiten Jahr und zwölften Rennen in dieser Disziplin kämpfte sich Hürdenläuferin Lea Sprunger auf den letzten Metern dank Sprinterqualitäten zu Bronze, nachdem sie zuvor erst spät den gewohnten Rhythmus gefunden hatte. Die 26-Jährige ist erst die siebte Schweizerin, die eine EM-Medaille gewinnt – und die zweite nach Anita Protti (1990) über die lange Hürdendistanz.

«Swiss Athletics at its best»

Die Schweiz hat mit dieser Erfolgsbilanz in Holland eine Breite und in gewissen Disziplinen auch Tiefe demonstriert, die so vor zehn Jahren noch absolut unvorstellbar war. Es war «Swiss Athletics at its best», die Schweizer Leichtathletik von ihrer besten Seite, wie Christoph Seiler die Sternstunden von Amsterdam mit einem Superlativ und einem höchst zufriedenen Gesichtsausdruck beschrieb. Der Berner Oberländer ist seit gut einem Jahr der Präsident, der 47-jährige einstige Langstreckenläufer übernahm mit dem Verband auch den Schwung der Titelkämpfe in Zürich.

Die grosse, 49-köpfige Delegation von der 18-jährigen Stabspringerin Angelica Moser bis zur 39-jährigen Halbmarathonläuferin Laura Hrebec hat selbst die ambitionierte Forderung von Leistungssportchef Peter Haas (3 Medaillen, 8 Top-8-Ränge) übertroffen. Haas war in seiner 13-jährigen Amtszeit nie bekannt für vollmundige Ankündigungen. Das war im Vorfeld dieser EM anders. Seine Vorstellungen tat er zwar auch diesmal nicht vollmundig kund, sondern dem neuen Mut und dem gestärkten Selbtbewusstsein bei Swiss Athletics entsprechend.

Es lässt sich leicht feststellen, dass die Schweiz in den vergangenen zwei Jahren zu einem schlagkräftigen Team mit einem Leader, Kariem Hussein, und einem Dutzend Athletinnen und Athleten mit Siegchancen auch auf internationaler Ebene geworden ist. Ein Team mit Winning Spirit, das den Leistungsgedanken verinnerlicht hat. Dabei sein ist nicht mehr alles – zuvorderst dabei sein, ist die Maxime. Die Zeiten, als man wie in den Nullerjahren auf einen perfekten Tag eines Ausnahmekönners wie André Bucher oder Viktor Röthlin angewiesen war, scheinen vorläufig vorbei. Verletzt sich mit Hürdensprinterin Noemi Zbären die erfolgreichste WM-Teilnehmerin des vergangenen Jahres in Peking, oder muss Stabspringerin Nicole Büchler kurzfristig auf den EM-Start verzichten, stehen andere für Spitzenleistungen bereit. Sowohl Zbären als auch Büchler hätten in Amsterdam zu den Mitfavoritinnen in ihrer Disziplin gezählt. Der Aufschwung kommt nicht aus dem Nichts – oder eben gerade doch: Es brauchte den Beinahe-Konkurs des Verbandes 2004, den resultatmässigen Crash an den Olympischen Spielen von Athen im gleichen Jahr, als kein einziger Halbfinalrang erreicht wurde, sowie dramatisch schwindende Lizenz-Zahlen, damit ein Umdenken in Gang kam. Und es brauchte die starke Hand und die Visionen von Patrick Magyar, dem späteren Direktor von Weltklasse Zürich, zur Sanierung des maroden Verbandes. Er war es, der ihn öffnete und mehr Gelder von Sponsorenseite hineinpumpte.

Der Wert eines Debakels

Den Ausschlag für den heutigen Erfolg gab allerdings erst die Gründung eines Nachwuchsteams, der Swiss Starters. Es war jenes Förderprogramm, das bereits auf eine EM in der Schweiz ausgerichtet war. 2009 kandidierte Zürich für die Austragung 2014, der Zuschlag für die Titelkämpfe war mangels anderer Bewerber Formsache. Entscheidend jedoch: Die jungen Schweizer Athletinnen und Athleten hatten damit einen Orientierungspunkt und ein Ziel, und der Verband profitierte von jährlichen Unterstützungsgeldern des Bundes hinsichtlich des Grossanlasses.

Die EM in Zürich grenzte dann finanziell an ein Debakel, sportlich jedoch ist sie – wie sich nun zeigt – von fast unschätzbarem Wert und grosser Nachhaltigkeit. Mit den jungen, erfrischenden Gesichtern von Hussein und der unbekümmerten Sprinterin Mujinga Kambundji wurde in der Schweiz das leicht angestaubte Image einer Sportart korrigiert, deren Hauptprobleme weltweit in der Dopingproblematik liegen. Swiss Athletics bewies nach der Lancierung der Swiss Starters auch eine neue Flexibilität im Trainingsbereich. Kambundji folgte 2013 dem Beispiel von Hürdensprinterin Lisa Urech. Sie schloss sich in Deutschland, unterstützt vom Verband, einer Leistungssportgruppe an – weil sie dort auf grössere Konkurrenz traf. Und nach der EM, als ein redimensioniertes Budget reichen musste, wurden mit Verbandstrainern budgetschonende Lösungen und Synergien mit Clubs gesucht.

Umdenken im Laufsport?

Dass in der Schweiz mittlerweile viele Wege akzeptiert sind und an die Spitze führen können, beweist das Beispiel von 800-m-Läuferin Selina Büchel. Sie gehörte zu den Mitfavoritinnen auf einen Podestplatz, erlebte am Samstagabend aber mit dem 4. Platz eine Enttäuschung. Sie zieht es vor, in ihrem heimischen Umfeld im Toggenburg zu trainieren, von Auslandaufenthalten hält sie wenig. Mit ihrem Hallen-Europameistertitel und einem herausragenden Schweizer Rekord hat sie Argumente genug für ihre Herangehensweise.

Last but not least: Dass ein relativ junges Schweizer Team von Strassenläufern Gold gewinnen konnte, ist auch ein Produkt des boomenden Laufsports in der Schweiz, der vielerorts mangels Sponsorengeldern allerdings um seine Existenz kämpft. Vielleicht vermag eine solche Auszeichnung auch in diesem Bereich ein Umdenken auszulösen.

Erstellt: 10.07.2016, 22:49 Uhr

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