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Skandal mit falschen Schlagzeilen

Die Weltleichtathletik wurde von Kriminellen gelenkt – und ist doch besser als ihr Ruf, sagt ein Bericht.

Christian Brüngger
Der ehemalige Olympiasieger und jetztiger Präsident Sebastian Coe. Foto: Reuters
Der ehemalige Olympiasieger und jetztiger Präsident Sebastian Coe. Foto: Reuters

Der Ort passte zur Veranstaltung. Im kleinen Unterschleissheim nahe München informierte ein Trio der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) gestern zu den Verfehlungen der Weltleicht­athletik und ihres Verbands IAAF. Das Gremium um Dick Pound, Sportfunktionärsgrösse aus Kanada, hatte im November einen ersten Report ver­öffentlicht und darin der russischen Leichtathletik systematisches Doping nachgewiesen – und eine Welt­verbandsspitze entlarvt, die gedopte Athleten erpresste.

In Unterschleissheim also folgte der zweite Teil. Die Brisanz des Inhalts war von Pound gesteigert worden, als er im Vorfeld sagte, seine Kommission könne einige «Dreckskerle» entlarven. Nach der rund einstündigen Präsentation inklusive Journalistenfragen aber wusste man, was dieses Unterschleissheim bot: deutlich weniger Griffigkeit als erwartet.

Dabei hatte es die Spannung erhöht, dass einzelne Passagen des Berichts an die grosse Agentur AP durchgesickert waren. Immerhin deutete diese an, dass Pound und Kollegen der ohnehin schon angeschlagenen olympischen Kernsporart den Gnadenstoss geben würden – und mit ihm dem neuen Präsidenten. Der heisst Sebastian Coe und ist früherer Lauf-Olympiasieger. Coe galt bislang als Saubermann im Funktionärs­sport. Statt Dauerkritik konnten Coe und sein Sport von Pound dann aber Lob vernehmen, sich sportlich gesprochen als Gewinner sehen. Keineswegs jedoch als Sieger.

Die Erpresser und das Geld

Das liegt an Vorgänger Lamine Diack. Der Senegalese, IAAF-Präsident bis im letzten August, baute gemäss Wada-Kommission eine Parallelregierung auf, dank der er das Council, die eigent­liche Exekutive, aushebelte. Zum informellen Gremium gehörten zwei seiner Söhne, sein Hausanwalt, der Finanzchef und der Anti-Doping-Verantwort­liche der IAAF. Sie sind mittlerweile gesperrt, die Mehrheit ist zudem von der französischen Justiz angeklagt.

Die Diack-Familie ging dreist vor. Ab 2011 platzierte Lamine Diack seinen Anwalt in der Anti-Doping-Abteilung der IAAF, was er niemals hätte tun dürfen. Dieser nahm sich des Russen-Dossiers an, weil die ­Dopingbekämpfer eine hohe Zahl an wahrscheinlichen russischen Betrügern ausmachten. Der Anwalt liess sich darum eine Liste mit verdächtigen Russen zusammenstellen und flog mit ihr – auf Verbandskosten – nach ­Moskau. Dort halfen ihm der IAAF-Schatzmeister und Präsident des russischen Verbandes sowie dessen Chefcoach beim Erpressen von Athleten. Zumindest kann die Wada den Fall der inzwischen gesperrten Marathongrösse Lilja Schubokowa (3-fache Siegerin von Chicago) faktenreich belegen. Für 450'000 Euro kaufte sie sich frei – glaubte sie.

Die 89 Seiten des Wada-Reports lesen sich mitunter wie eine Posse. Wer wen wie betrog, ist dabei unklar

Bloss wurden Mitarbeiter im Anti­Doping-Ressort der IAAF misstrauisch. Sie kannten die auffälligen Blutdaten von Schubokowa und mussten doch erkennen, dass sie munter weiter Wettkämpfe bestritt. Irgendjemand innerhalb der IAAF spielte also falsch. Daraufhin wurde Schubokowa ­fallen­ gelassen und gesperrt. Gar 300 000 Euro zahlten ihr die Erpresser zurück, sagen sie. Gemäss der Läuferin hat sie diese Summe nie erhalten. Die 89 Seiten des zweiten Wada-Reports lesen sich darum mitunter wie eine Krimi-Posse. Wer wen wie betrog, ist dabei unklar.

Ebenso undurchsichtig ist das Verhalten der IAAF-Spitze ausserhalb des Diack-Kreises. Alle wollen von den Machenschaften nichts geahnt haben, besonders Sebastian Coe. Dabei war er einer von fünf Vizepräsidenten unter Diack und sass im ­Council. Coe geriet auch deshalb ins Zwielicht, weil die Pound-Kommission ein langes E-Mail des damaligen Kommunikationschefs Nick Davies in ihrem Bericht aufführt.

Davies mailte einem der Diack-Söhne, man könne positive Fälle «kleiner russischer Athleten» vor der WM 2013 in Moskau doch aus der Öffentlichkeit herauszuhalten. Coe machte den Briten nach seiner Wahl zum General­sekretär. Dieser sistierte den Job nach Zirkulation des Mails bis auf weiteres.

Obschon all diese Fakten im Wada-Text nachzulesen sind, hält Dick Pound diesen Sebastian Coe für die «geeignetste Person», die Weltleichtathletik aus ihren Problemen zu führen. Er antwortete auf eine Frage gar, dass er Coe glaube, wenn dieser sage, von allem nichts gewusst zu haben. Gleichzeitig kritisieren Pound und Kollegen im Bericht, dass die IAAF weit über den klandestinen Zirkel hinaus um das Gebaren von Diack und Mittätern gewusst haben müsse. Den Widerspruch dieser ­Aussagen konnte oder wollte Pound nicht auflösen.

Der Knüller, der keiner ist

Bei einem anderen Teil dieses facettenreichen Skandals wählte die Kommission deutlichere Worte. ARD und «Sunday Times» hatten kurz vor der WM im letzten August behauptet, viele Medaillengewinner an Spielen oder WMs von 2001 bis 2012 seien gedopt gewesen – mit Wissen der IAAF. Diese Aussagen stützten die Journalisten auf 12 000 Blutpässe von 5000 Athleten. Sie waren ihnen zugespielt worden. Dieser Datensatz analysierten zwei renommierte Anti-Doping-Experten.

Das Problem dabei: Die Wada-­Kommission kann aufzeigen, dass die angeblich lupenreinen Daten lückenhaft sind und teilweise gar nicht von der IAAF stammen. Juristisch hätte mit diesen Informationen kein Athlet gesperrt werden können. Die IAAF habe in den letzten Jahren im Gegenteil einen der professionellsten Doping-Kämpfe geführt, berichtete die Kommission. Das aber klang in den Ohren vieler Zuhörer zu unspektakulär. Sie liessen diesen Teil des Reports in ihrer Berichterstattung darum weg.

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