So weit die Hände und Füsse tragen

Der New York Marathon durch die fünf Bezirke ist ein Spektakel – 50'000 Läufer werden wie Könige behandelt.

Der Start auf der Verrazano Bridge. Bild: Getty Images

Der Start auf der Verrazano Bridge. Bild: Getty Images

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Was hat das verrückte Marathonjahr 2017 noch zu bieten? Das Jahr, in dem früh schon ­Eliud Kipchoge im Autodromo von Monza versuchte, die Geschichte der Königsdistanz neu zu erfinden und die 42,195 km in einer Art ­Laborversuch als Erster unter zwei Stunden zu laufen.

Das Jahr, in dem sich drei der grössten Läufer – Kipchoge, Wilson Kipsang und Kenenisa Bekele – ausnahmsweise nicht aus dem Weg gingen, sondern Ende September in Berlin einen Weltrekordversuch unter ­regulären Bedingungen unternahmen.

Das Jahr, in dem sich die Erkenntnis festigte, dass schon ein bisschen Regen ein solches Vor­haben scheitern lassen kann und das Zwei-Stunden-Ziel deshalb erst recht unwahrscheinlich ist.

Das Jahr bietet am Sonntag (15.15 Uhr, Eurosport) den 47. New York ­Marathon. Das prestigeträchtigste Rennen des Jahres, mit über 50'000 Läuferinnen und Läufern der grösste der sechs Major-Events. Weltrekorde sind des ­relativ schweren Parcours wegen nicht möglich, Aufgabe ist aber kaum eine Option, weil das die 1,5 Millionen ­Zuschauer, verteilt über alle fünf Stadtteile, nur schwer zulassen.

Start auf Staten IslandAtemberaubende Aussicht

Es gibt es tatsächlich: das Rennen vor dem Rennen. Denn wer sich mit einem Car ins Startgelände auf Staten Island bringen lässt, muss bis 7 Uhr die Verrazano Bridge passiert haben. Sie wird dann ­geschlossen und später von den Läufern überquert – auf zwei Stockwerken. Wer oben laufen darf, hat Glück, denn rechts liegt das offene Meer, und links bietet sich der atemberaubende Ausblick hinüber nach Manhattan und zu Miss Liberty.

All dies macht das stundenlange Warten auf den Start vergessen, es ist ein Geduldspiel, das niemand trainiert hat. Aber: Mit Frank Sinatras «New York, New York» geht es dann los. Bläst der Wind auf der Brücke zu stark, ist die Gefahr für den zweifachen Sieger Marcel Hug und seine Gegner im Rollstuhl zu gross. Aus ­Sicherheitsgründen wird ihr Start dann ennet die Brücke verlegt.

Verführerisches BrooklynSchnell und schick

Und schon sind wir in Brooklyn, jenem Bezirk, der in den letzten Jahren erst hip und, wie die «New York Times» schreibt, jetzt schick geworden ist. So schick, dass es sich langjährige Einwohner nicht mehr leisten können, dort zu leben. Grund ist wohl die Nähe zu Lower Manhattan, dort, aber nicht nur dort, wo Läuferinnen beim Shoppen auf Händen getragen werden («Oh my God! Sie laufen den Marathon?») und High Heels deshalb nur die Hälfte kosten.

Die Veranstalter haben errechnet, dass in Brooklyn durchschnittlich am schnellsten gelaufen wird. Wen wunderts? So kurz nach dem Start, auf so flacher Strecke? Ein zu ­hohes Tempo ist gefährlich, die Quittung folgt auf dem zweiten Abschnitt.

Halbzeit in QueensTückischer Bergpreis

Halbzeit! Aber mit der Queensboro Bridge über den East River geht es jetzt erst richtig los: Wohl im Gegensatz zu den meisten Hobbyläufern fürchtet Tadesse Abraham, der Schweizer Rekordhalter im Elitefeld, die Brücke mit einigen Steigungsmetern und entsprechendem Gefälle nicht. «Wenn man Hügeltraining gemacht hat, ist das kein Problem», sagt er lapidar. Was übrigens auf Roosevelt Island ­hinüberschwebt, ist eine echte Schweizer Gondel. In Brooklyn war es schon laut, jetzt aber, eingangs First Avenue und weiter hinauf, wird die Ausdauerleistung der Zuschauer ohrenbetäubend.

Messungen haben Höchstwerte von 128 Dezibel ergeben, was ­annähernd einem Rockkonzert entspricht. Wir sind jetzt auch im Rayon des Schweizer Starkochs und Marathonläufers Daniel Humm angekommen. Ginge ihm jetzt die Kraft aus, wäre es linker Hand nicht weit heim zum Eleven Madison Park.

Blitzbesuch in der Bronx16'804 Einheimische dabei

Schnurgerade und herausfordernd für den Geist führt die First hinauf in die Bronx – doch den Zuschauern sei Dank, auch hier trägt einen der Sound der Stadt. 16 804 der 8,5 Millionen New Yorker sind am Start, unter ihnen auch 629 aus der Bronx. Wohl die Schnellste unter ihnen: die Boston-Siegerin von 2014, Buzunesh Deba (ETH).

Energie bis ManhattanDer einzige Schweizer Sieg

Eiserne Regel im Marathon: Man darf nie zu früh meinen. Meinen, man habe es geschafft. Schon bei Kilometer 38 beispielsweise, da, wo man in den Central Park einbiegt. Und am südwestlichen Ende das Ziel liegt. Zwar lassen es die Zuschauer jetzt gar nicht mehr zu, dass jemand aussteigt, zum Glück! New York weist eine Traumquote von jeweils 98,5 bis 99 Prozent ­Finishern auf. Das ist unerreicht. Obwohl am Ende der Energie noch der finale Anstieg wartet. Den Elitesiegern locken 100'000 Dollar plus ein Bonus, je nach gelaufener Zeit, die Hobbysportler erwartet eine Folie, die nicht wärmt, aber immerhin gegen Zugluft schützt.

Es sind die Minuten der Leere, später des Stolzes. Und der Erinnerung. 20 Jahre sind vergangen, seit Franziska Rochat-Moser hier triumphierte. Als bisher einzige Schweizerin. 5 Jahre später wurde sie von einer Lawine verschüttet und erlitt tödliche Verletzungen.

Erstellt: 05.11.2017, 13:28 Uhr

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