Unpopulärer Entscheid löst bei Leichtathleten Proteststurm aus

Die Serie in der Diamond League wird grösser statt kleiner, und die 200 m, 3000 m Steeple, Diskus und Dreisprung haben kaum mehr Platz.

Will den Athleten eine Stimme geben: Christian Taylor. Foto: Getty

Will den Athleten eine Stimme geben: Christian Taylor. Foto: Getty

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Es geht gerade einiges in der olympischen Kernsportart, wie sich die Leichtathletik ihrer Tradition an den Spielen wegen gerne bezeichnet. Kaum ist die WM im Wüstenstaat Katar abgefeiert, kämpft World Athletics, wie der Weltverband seit dieser Woche heisst, an neuen Fronten:

Um beim Olympiamarathon im Sommer nicht das nächste Hitzedebakel wie eben in Doha zu erleben, wurde das Rennen von Tokio nach Sapporo verlegt.

Gefordert wird von Präsident Sebastian Coe auch ein Entscheid in Sachen Laufschuhe. Das neueste Modell aus dem Hause Nike, mit dem Weltrekordhalter Eliud Kipchoge als erster Mensch die 42,195 km unter zwei Stunden lief, scheint gemäss mehreren Studien in die Sparte «leistungssteigernde Mittel» zu fallen. Zulässig oder nicht?

Und dann sind da gegen den einstigen Trainer-Guru des Oregon Projects, Alberto Salazar, wieder frische Anschuldigungen aufgetaucht, die nicht zum vorteilhaften Image der Sportart beitragen. Diesmal geht es darum, dass er mindestens eine junge Athletin übel beschimpft haben soll, was ihr Gewicht betrifft.

Hat der Weltverband ungeschickt kommuniziert?

Geradezu einen Proteststurm unter Athletinnen und Athleten hat aber in den letzten Tagen die Bekanntgabe der Diamond-League-Disziplinen von 2020 ausgelöst. Nicht mehr dazu gehören: die 200 m, 3000 m Steeple, Diskus und Dreisprung – auf den ersten Blick. Die Meetings der höchsten Serie werden nur noch 90 Minuten dauern, das Programm wird gestrafft, 24 Disziplinen (je 12 der Männer und Frauen) statt wie bisher 32 bilden den Kern. Umfragen bei Zuschauern, Online-Klickraten und -Untersuchungen sollen gegen die vier Disziplinen gesprochen haben.

Ein zweiter Blick auf den Entscheid lässt allerdings vermuten, dass der Weltverband die Veränderung wenig clever kommuniziert hat. Denn sowohl die 200m als auch die 3000m Steeple figurieren an 10 von 14 Meetings (je 5 der Männer und Frauen) im 90-Minuten-Programm, das Preisgeld bleibt sich gleich, aber es gibt kein finales Rennen. Die Techniker trifft es härter als die Sprinter und Läufer: Ihre Disziplinen kommen im Rahmen der Diamond League nur einmal zur Austragung. Weitere Startgelegenheiten erhalten sie in einer neu geschaffenen Continental Tour auf zweithöchster Stufe – also eine Degradierung. Dass jedoch jährlich neu debattiert wird, welche Disziplinen den höchsten Status erhalten, scheint bisher ebenfalls nicht allen klar.

«Klar, dass alle ihre Disziplin die attraktivste finden»

Christoph Joho und Andreas Hediger, die Co-Direktoren von Weltklasse Zürich, geben zu, dass solche Feinheiten «schwierig zu vermitteln» sind. Auf die Frage, ob Athleten bei den Entscheiden einbezogen worden seien, gibt Hediger zu bedenken, dass «dieses Feedback wenig zielführend» sei. «Es ist klar, dass jeder seine Disziplin als die attraktivste empfindet.» Joho, der dem Board der Diamond League angehört, sagt: «Es haben auch organisatorische, logistische und fernsehtechnische Faktoren mitgespielt.» Man verzichtete auf die 200 m als Diamond-League-Disziplin, «weil ein Sprinter meist über 100 m und 200 m startet und 2020 unmöglich alle Meetings, die nationalen Meisterschaften, Olympia-Trials und teilweise noch Kontinental-Titelkämpfe mit Vorläufen, Halbfinals und Finals bestreiten kann».

«Wir wollen eine Stimme, und die Zeit der wirklichen Veränderungen ist jetzt.»Christian Taylor, Dreispringer

Christian Taylor hat sofort reagiert. Der überragende Dreispringer, zweifache Olympiasieger und vierfache Weltmeister hat umgehend «The Athletics Association» gegründet. Bis gestern haben sich ihr bereits mehrere Hundert Athletinnen und Athleten weltweit anschlossen, wie er auf Twitter schreibt. Er sagt: «Die Botschaft ist klar. Wir wollen eine Stimme, und die Zeit der wirklichen Veränderungen ist jetzt.» Man wolle für die Rechte der Athleten kämpfen, einen Platz am Diskussionstisch haben und mitbestimmen, welche Lauf die Sportart nehme.

Hediger respektiert die Proteste, die Aufregung versteht er allerdings nicht ganz. Vor einiger Zeit, als die Prestige-Serie noch «Golden Four» und dann «Golden League» geheissen habe, sei immer im Herbst bestimmt worden, welche zwölf Disziplinen in der nächsten Saison dazugehörten. «Jetzt aber, da alle dabei sind, haben auch alle das Gefühl, man nehme ihnen etwas weg.»

Statt 12 nun doch 14 Meetings plus Final

Zwar werden die Meetings 2020 gestrafft, nicht aber die Serie. Aus dem Plan «12 plus ein Final» ist nun «Status quo (14) plus ein Final» geworden. Mit der chinesischen Wanda Group hat die Diamond League nach langer Zeit einen Titelsponsor gefunden. Dessen Bedingung ist ein zweites Meeting in China – neben Shanghai. Deshalb kommt es zu zwei «englischen Wochen» mit je drei Diamond-League-Meetings in sieben Tagen. Joho gibt zu, dass dies nicht ideal sei, und Hediger sagt: «Seit 20 Jahren versucht man, den Kalender zu strukturieren. Ab der Saison 2020/21 sollte es eine Vereinheitlichung mit Fenstern für nationale Meisterschaften geben.»

Dass die Proteste der Athleten bis dann verhallt sind, ist wenig wahrscheinlich. Weil es jede Saison wieder andere trifft.

Erstellt: 15.11.2019, 15:38 Uhr

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