Wann ist eine Frau eine Frau?

Der Welt-Leichtathletikverband hat neu geregelt, wer in der Frauenkategorie starten darf. Weil er sich dabei auf bloss wenige Studien stützen kann, scheint klar: Intersexuelle werden klagen.

Caster Semenya ist über 800 m meist allen weit voraus (hier beim WM-Titel 2017). Das soll nun anders werden. Foto: Toby Melville (Reuters)

Caster Semenya ist über 800 m meist allen weit voraus (hier beim WM-Titel 2017). Das soll nun anders werden. Foto: Toby Melville (Reuters)

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Wir haben gelernt, dass Mann und Frau entweder einen Buben oder ein Mädchen zeugen. Der Alltag aber ist komplizierter. Es existiert nämlich ein drittes Geschlecht. Als Intersexuelle bezeichnet man diese Menschen. Sie können aus genetischen, hormonellen und/oder anatomischen Gründen nicht eindeutig dem weiblichen oder dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden. Der Leistungssport jedoch hat für solche entscheidenden Nuancen keine Alternative anzubieten. Er teilt seine Teilnehmer schliesslich in nur zwei Kategorien ein: Mann und Frau. Wozu aber zählen Intersexuelle?

Der Internationale Leichtathletik-Verband IAAF beantwortete diese Frage in der vergangenen Woche: Intersexuelle dürfen zwar in der Frauenkategorie starten. Sie müssen aber, wenn sie über körperliche Vorteile verfügen, Medikamente nehmen und so ihren Testosteronspiegel unter eine von der IAAF festgelegte Marke bringen. Die Reaktionen in diesem sensitiven Thema folgten rasch und wuchtig, auch innerhalb der IAAF. Ein Mitglied der Regelkommission, ein südafrikanischer Rechtsprofessor, verliess sein Ehrenamt unter Protest, seine Regierung sprach von «Diskriminierung», ja gar «Rassismus» und bezeichnete die Regel als «Lex Semenya».

Denn die Debatte dreht sich wesentlich um die Olympiasiegerin aus Südafrika. Caster Semenya (27) ist eine solche Intersexuelle, zweifache Olympiasiegerin über 800 m und Weltmeisterin. Weil sie von Beginn ihrer Karriere an auffiel, hinterfragten Gegnerinnen, Funktionäre sowie Zuschauer ihr Geschlecht. 2011 regelte der Weltverband den Umgang mit Intersexuellen. Sein Vorgehen war fast das gleiche wie jetzt: Wer als Intersexuelle mehr als eine bestimmte Menge Testosteron aufweist, darf nicht bei den Frauen starten, es sei denn, diese Person lässt sich operieren oder nimmt Medikamente zur Reduktion.

Als Folge der Medikamente wurde die dominante Semenya zur Hinterherläuferin.

Caster Semenya entschied sich für das Zweite, und aus der Dominatorin wurde eine Hinterherläuferin. Statt in Bestzeiten über 800 m von 1:55 Minuten kam sie jeweils nach 2:00 bis 2:01 Minuten ins Ziel. IAAF wie die kritischen Gegnerinnen sahen ihre Ansicht bestätigt und die Chancengleichheit hergestellt.

Der Internationale Sportgerichtshof CAS aber stoppte den Verband vor drei Jahren. Nachdem eine andere intersexuelle Athletin vor dem CAS geklagt hatte, setzten die obersten Sportrichter diese Regel aus. Es war nun an den Leichtathletik-Funktionären, ihren Entscheid wissenschaftlich besser abzusichern. Denn man wusste zwar um die enorme Bedeutung von Testosteron zur Leistungsentfaltung. Daten im Umgang mit Intersexuellen in der Leichtathletik allerdings existierten keine.

Der seltsame Entscheid

Die IAAF bzw. ihre Mediziner versuchten diese Wissenslücke nach dem Urteil also zu füllen. Sie haben primär zwei (Beobachtungs-)Studien hervorgebracht, aus denen hervorgeht: Inter­sexuelle, die deutlich mehr Testosteron als Frauen aufweisen, haben in fünf Disziplinen einen Leistungsvorteil von bis zu fünf Prozent: 400 m, 400 m Hürden, 800 m, Stabhochsprung und Hammerwerfen. Hinzu kommt, dass im Normalfall auf 1000 Leichtathletinnen sieben intersexuelle kommen. Diese Quote ist 140-mal höher als in der Durchschnittsbevölkerung und der Hauptgrund, warum sich Wissenschaft und Sport derart intensiv mit diesem vermeintlichen Nischenthema befassen. Intersexuelle, die gegen Frauen antreten, sind schliesslich sehr erfolgreich und entscheiden sich auch darum für ein Leben als Profi. Entsprechend findet man sie zu einem erhöhten Anteil im Sport.

Zum Politikum wurde der IAAF-Entscheid nun aber auch, weil er in seinem zweiten Regelungsversuch mit Intersexuellen bloss die Laufdisziplinen behandelt. Bei Hammerwerferinnen und Stabhochspringerinnen mit zu viel Testosteron interveniert er nicht. Dafür integrierte er auch die 1500 m und die Meile – obschon beide Distanzen in der massgebenden Arbeit nicht untersucht wurden.

Afrikaner seien aufgeschlossener

Warum die IAAF handelte, wie sie handelte, erklärt sie nicht. Für ihre Kritiker zum Thema ist es wiederum leicht, die Leichtathletik-Funktionäre anzugreifen. Denn die dominanten Intersexuellen aus dem Laufbereich stammen ausschliesslich aus Afrika. Darum erklärten jüngst im «Guardian» zwei renommierte europäische Wissenschaftlerinnen, der IAAF-Entscheid richte sich primär gegen Afrikaner.

Die Aussage ist richtig wie falsch. Denn Intersexuelle werden in Ländern mit Spitzenmedizin schon im Kindesalter erkannt – und in eine der beiden ­dominanten Geschlechterkategorien «gelenkt». In vielen afrikanischen Ländern fehlt diese frühe medizinische Betreuung. Zahlreiche Afrikaner sagen zudem, sie seien diesem dritten Geschlecht gegenüber aufgeschlossener als im Westen.

Frau mit Penis

Insofern prallen anhand des IAAF-Urteils auch zwei Ansichten aufeinander. Die Funktionäre betrachten den Fall biologisch. Sie konzentrieren sich dabei auf das, was in der englischen Sprache als «sex» bezeichnet wird. Also das «biologische Geschlecht». Ihre Kritiker stützen sich oft auf das «gender»-Konstrukt – und damit das «soziale Geschlecht». Es besagt stark verkürzt: Man ist, was man fühlt, kann in diesem Selbstverständnis also auch eine Frau mit Penis sein.

Diese Debatte in der Debatte ist für die Leichtathletik sekundär, das Inter­sexuellen-Thema an sich aber dürfte sie weiter beschäftigen. Denn klar scheint, dass mindestens eine der betroffenen Intersexuellen vor dem Sportgerichtshof CAS klagen wird. Schliesslich stellt sich die Frage, ob ein derart fundamentaler Entscheid auf einer so dünnen Faktenbasis getroffen werden kann. Die neue Regel soll am 1. November eingeführt werden. Es bleibt also ausreichend Zeit für Gegenargumente.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.05.2018, 23:48 Uhr

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