Wie ein Vater drei Wunder-Läufer grosszog

Gjert Ingebrigtsen coacht drei seiner Söhne zu erstklassigen Athleten – mit Methoden, die den Norwegern suspekt sind.

Mischen die Leichtathletik auf: Die Brüder Henrik (links), Jakob (Mitte) und Filip Ingebrigtsen. Foto: Sven Simon

Mischen die Leichtathletik auf: Die Brüder Henrik (links), Jakob (Mitte) und Filip Ingebrigtsen. Foto: Sven Simon

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Wer wissen will, wie jeder der Brüder Henrik, Filip und Jakob zum Europameister über 1500 m werden konnte, muss mit den Zimtschnecken beginnen. Die Episode offenbart beispielhaft, wie die Familie tickt. Darum also die Zimtschnecken-Episode: Es weihnachtet, Vater Gjert, Mutter Tone und ihre sechs Kinder – Nachzügler William ist da noch in den Sternen – backen Zimtschnecken.

Das Beisammensein mündet in einen Wettkampf, Gjert erteilt das Startkommando und gibt die Zeit vor, in der jeder Ingebrigtsen seine Zimtschnecke kreieren darf. Danach wird geurteilt. Viel mehr Ehrgeiz ist unmöglich.

Ein paar Jahre später – im Juli 2019 – begrüssen drei der Zimtschnecken-Wettkämpfer den Journalisten artig, und Vater Gjert plaudert über die letzten (Trainings-)Tage seiner Buben. Sie haben es als Familie weit gebracht: Henrik (28) stürmte 2012 zu EM-Gold über 1500 m und 2014 in die Weltklasse.

Vater Gjert Ingebrigtsen

Mit ihm beginnt der Aufstieg der Ingebrigtsens. 2016 wurde Henrik von Filip (26) als Europameister abgelöst, der 2017 an der WM als Dritter nachdoppelte. 2018 übernahm Jakob (18) das Gold – und siegte über 5000 m vor Henrik.

Gecoacht werden die Brüder seit je vom Vater, einem Autodidakten und Freund klarer Worte. Darum stellt er kurz nach der Begrüssung klar: «Wir sind selbst für norwegische Verhältnisse direkt. Blabla gibts bei uns nicht.»

Der Vorteil des Kleinen

Direktheit und gnadenloser Ehrgeiz, der vom Vater befördert wird, generieren aber noch keine Ausnahmeathleten. Es braucht dafür auch viel Trainingswissen. Henrik – der zurzeit mal wieder seinen geliebten Schnauz trägt – sagt darum von sich: «Ich war das Versuchskaninchen. Jeden Fehler, den Papa bei mir und später auch bei Filip machte, konnte er bei Jakob vermeiden.»

Es ist vor allem Jakob, dieser 1,84 m grosse Schlaks mit dem Ring im linken Ohr, der die Leichtathletik-Welt beschäftigt. Nie war ein Youngster in seinem Alter schneller über die 1500 m – also auch kein Afrikaner. Dabei prägt der Kontinent der Läufer diese Distanz. Oder eher: prägte.

Denn die Ingebrigtsens sagen es jedem, der ihnen zuhört: Diese Ära endet mit ihnen. Das ist vollmundig und doch deutet sich diese neue Konstellation an. In dieser Saison musste sich vor allem Jakob meist nur noch knapp geschlagen geben. Überhaupt Jakob: Er ist der Wunderknabe der Superfamilie, der schon als Kleiner sagte: «Ich will Läufer wie meine Brüder werden – aber viel besser.» Während Henrik bis ins Teenageralter vor allem Langläufer war und Filip relativ spät zur Leichtathletik fand, spulte Jakob bereits als 10-Jähriger fast täglich seine Kilometer ab.

Wir sind selbst für norwegische Verhältnisse direkt. Blabla gibt es bei uns nicht.»Gjert Ingebrigtsen

Er wählte den kenianischen Ansatz. Dort rennen die Kinder (mangels Alternative) oft viele Kilometer bis zur Schule und zurück. Jakob tat freiwillig dasselbe, immer resultatorientiert. Das fand man in Norwegen schlecht: Im norwegischen Jugendsport existieren keine Ranglisten, betont wird das Spielerische.

Diese Haltung könnte den ­Ingebrigtsens kaum fremder sein. Entsprechend stark hat man sie kritisiert. Das aber hat die enge Familienbande nur weiter gestärkt, ihr zuweilen auch das Image von Betonköpfen eingetragen. Manche Norweger halten Gjert und seine Buben schlicht für verschroben.

Die norwegischen Sportwissenschaftler aber interessierten sich früh für diesen sportlichen Glücksfall. Seit Jakob 12 ist, wird er jährlich vermessen. Schon damals staunte man über seine Werte, die selbst die erfahrensten norwegischen Experten noch nie gesehen hatten. Alle Zahlen bestätigen allerdings bloss, was man beim Rundendrehen auf der Bahn sofort sieht: einen Läufer wie Jakob Ingebrigtsen gab es in der Leichtathletik in diesem Alter noch nie.

Die Sonderstellung aller Ingebrigtsens führte rasch zu Gerüchten: Der Vater sei Arzt, die Brüder gedopt und vom norwegischen Staat geschützt.

Interesse an Trainingserfolg grösser als Angst

Es zählt zu den Vorzügen der Familie, dass man mit ihnen über solche Gerüchte reden kann. Filip findet sie gar logisch: «Es ist immer auffällig, wenn jemand so schnell rennt. Und wenn es dann gleich drei Brüder sind, fallen die Leistungen weiter auf. Zumal Norwegen vor uns keinen einzigen Weltklasseläufer über 1500 m hatte.»

Henrik zückt derweil sein Handy. Antidoping Schweiz sei jüngst vorbeigekommen. Er hält dem Gast das Protokoll hin. In seinem meistkontrollierten Jahr habe man ihn 28-mal aufgesucht, immer wieder auch in Norwegen. Die Zahl ist sehr hoch. Vater Gjert witzelt darum: «In Norwegen haben die Kontrolleure einen Schlüssel zu unserem Haus.» Und Jakob sagt: «Erstmals hat man mich mit 15 Jahren getestet. Wir sind es uns also gewöhnt, ständig überprüft zu werden.»

Trotzdem sind die Ingebrigtsens keineswegs erfreut. Die Schweizer Tester holten sie knapp vor 1 Uhr nachts aus den Betten. Sie finden: Ein bisschen mehr Respekt hätte man ihnen schon entgegenbringen können und vor der Nachtruhe klingeln.

Und dass sie bis heute nicht wissen, wie die Resultate ausgefallen sind, finden sie geradezu ärgerlich. Sie fürchten sich nicht vor einem positiven Bescheid, sie hätten schlicht gerne gewusst, ob sich ihre Blutwerte in der Höhe von St. Moritz wunschgemäss entwickelt haben. Sie nutzen die Kontrolle quasi als Gratis-Standortbestimmung.

Ein Leben als Globetrotter

Weil es in Norwegen verboten ist, in Höhenzimmern künstlich das Blut zu mehren, müssen sie ins Ausland in die Höhe. 220 Tage sind sie pro Jahr unterwegs, im Sommer gerne in St. Moritz.

Dieses Leben als Globetrotter prägt. Henrik wurde vor sechs Monaten zum zweiten Mal Vater. «Ich habe die Kleine acht Wochen gesehen und muss sie beim Skypen daran erinnern, dass ich ihr Daddy bin», sagt er nur leicht ironisch.

Vater Gjert sagt dazu nüchtern: «So ist nun einmal unser Leben.» Wobei er sich immer wieder davon löst. Er arbeitet zu 100 Prozent als Logistiker, wollte nie Profi-Trainer werden. «Ich mag mein normales Leben dafür viel zu sehr, zumal das Coaching stressig ist», sagt er. Denn so sehr sich die Ingebrigtsens mögen und aufeinander angewiesen sind: Abseits des Trainings halten es die vier ganz gut ohne einander aus.

Erstellt: 25.07.2019, 12:25 Uhr

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