«Die Leute hörten auf, Eishockey zu schauen, und jubelten mir zu»

Er gehört über 200 m jetzt zu den Weltbesten: Alex Wilson spricht über Familie, Fans und seinen grossen Knackpunkt.

Alex Wilson (28) weiss, wie er die Leute glücklich machen kann: Mit Witz und Leistung. Foto: Nicole Pont

Alex Wilson (28) weiss, wie er die Leute glücklich machen kann: Mit Witz und Leistung. Foto: Nicole Pont

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Alex Wilson, Sie wurden und werden als Plagööri, Schnurri oder auch Plapperi bezeichnet. Wie gehen Sie damit um?
Ich habe nie auf solche Bezeichnungen reagiert, die von negativ denkenden Leuten kommen. Die Kritiker werden mich immer kritisieren, ich kann es ihnen nie recht machen.

Wenn Sie das alles nicht sind, wer sind Sie?
Ein ganz normaler Mensch. Aber ich bin ausserhalb des Sports ein völlig anderer als im Sport.

Wie sind Sie denn?
Ich bin zurückhaltend, ruhiger, überlege mir vieles, ich bin umsorgend und ein grüner Mensch.Ich habe einen grünen Daumen und bin sehr gern in der Natur. Ich ziehe mich auch gern zurück. Vielleicht können Sie sich das nicht vorstellen, aber ich stehe gar nicht gern im Mittelpunkt.

Die Leute hörten am Spengler-Cup auf, Eishockey zu schauen, und jubelten mir zu. Das hatte ich nie erlebt.

Also haben wir ein komplett falsches Bild von Alex Wilson?
Genau. Ich suche den Mittelpunkt nicht, ich stehe nur wegen meiner Leistungen dort. Aber kaum jemand kennt mich privat, dieses Leben schütze ich auch. Man kennt mich nur als Sprinter und nicht als Alex Wilson.

Dann spielen Sie in der Öffentlichkeit eine Rolle?
Nein, gespielt ist es nicht. Ich bin schon so, witzig und so weiter. Und ich sage immer, was ich denke, ich bin sehr ehrlich. Viele Leute haben ein Problem damit, aber das ist ihres und nicht meines.

Es gibt Situationen, da lachen die Leute, kaum beginnen Sie zu reden. Stört Sie das?
Nein, es ist zum Glück so! Immerhin bringe ich sie zum Lachen. Ich weiss auch, dass ich die Menschen mit meinen Leistungen glücklich machen kann. Sie sehen mich im Fernsehen und schreiben mir dann und bedanken sich. Der kleine Alex von der Basler Schützenmatte ist plötzlich ein Grosser geworden.

Sie sind mit 15 aus Jamaica in die Schweiz gekommen, mussten sich integrieren. Geniessen Sie diesen Zuspruch deshalb besonders?
Nein. Aber seit der EM-Medaille im letzten Jahr in Berlin ist es schon anders. Das war der Moment, als ich es geschafft hatte. Extrem gemerkt habe ich das am Spengler-Cup. Ich dachte, dort kennt mich sowieso niemand. Aber als ich ins Stadion kam, flippten die Zuschauer aus. Das hätte ich nie erwartet! Ich dachte, ich hätte nur in der Leichtathletik Fans, aber in Davos merkte ich, dass ich in der ganzen Schweiz Menschen habe, die mich lieben. Sogar im Winter! Die Leute hörten auf, Eishockey zu schauen, und jubelten mir zu. So etwas hatte ich noch nie erlebt.

Das Gehabe der Sprinter ist wie das der Boxer mit Trashtalk und so. Im Training ist es am schlimmsten.

Welchen Bezug haben Sie noch zu Jamaica?
Ich bin dort geboren. Ich werde immer beides sein, Jamaicaner und Schweizer. Du darfst nie vergessen, wo du herkommst. Sonst weisst du auch nicht, wo du hin- gehst. Ich mache einmal jährlich Ferien dort, und alle Verwandten kommen im August an die Meisterschaften nach Basel.

War es Ihr Glück, dass Sie Ihr einstiger Lehrer förderte und zur Leichtathletik schickte?
Ja, schon. Aber alles passiert aus irgendeinem Grund und hat seinen Sinn. Ich habe schon immer gesagt, dass Gott einen Plan hat für mich. Mein Weg ist vorbestimmt, davon kann ich nicht abkommen. Ich kann also nicht behaupten, es sei ein riesiges Glück gewesen, dass er mich dorthin schickte – es war vorgezeichnet.

Sie sind also gläubig, schicksalsgläubig?
Ja, klar, mein Leben ist vorbestimmt.

Sie starteten am Sonntag in La Chaux-de-Fonds die Saison auf höchstem Niveau und haben gleich zwei Schweizer Rekorde erzielt. Die 200 m sind Sie in 19,98 gesprintet. Wo beginnt für Sie die Weltklasse?
Bei Sub-Twenty! (lacht) Über 100 Meter muss ich noch unter 10 Sekunden kommen, es fehlt nicht mehr viel. Mit dem Schnelligkeitstraining aber habe ich noch gar nicht begonnen.

Alex Wilsons Rekordlauf über 200 m. Video: Youtube/Swiss Athletics

Kokettieren Sie, oder wie muss man sich das vorstellen?
Bei der Analyse bin ich auf den ersten 150 Metern noch zu langsam. Mir fehlt nach dem Start der nötige Speed, ich laufe noch zu wenig aggressiv, dafür muss ich im August noch ein bisschen Muskeln zulegen.

Sie galten früher als trainingsfaul...
... so denken die Leute über mich...

...selber behaupteten Sie aber, Sie hätten hart trainiert.
Das habe ich noch nie verstanden, wieso man das von mir denkt. Das stimmt einfach nicht.

Sie wechselten nach dem Neustart 2016 in eine Trainingsgruppe nach London zu den Trainern Clarence Callender und Lloyd Cowan. Was haben sie Ihnen zuerst beigebracht?
Dass ich härter arbeiten muss, immer an die Grenze gehe. Es ist jetzt zwei Jahre, seit ich begriff, was sie meinten. Ich war im März 2017 an einem Wettkampf und lief die 100 m grottenschlecht – 10,40 mit 4,8 Meter Rückenwind. Und am gleichen Tag die 200 m noch in 20,95. Ich war so hässig und sagte, dass dies gar nicht möglich sei. Callender schaute mich an, sagte, dass jeder andere eine persönliche Bestzeit gelaufen sei, nur ich nicht. Und zwar, weil ich einen Monat lang nur reklamiert und gestänkert hätte. Einen Monat lang hätte ich mich beklagt, dass ich dies und das nicht machen wolle, jetzt hätte ich das Resultat. Ich habe mich dann entschuldigt für meine negative Einstellung und gesagt, dass ich ihnen voll vertraue, dass ich nicht mehr diskutiere und hinterfrage. In meinem Kopf hat es Bamm! gemacht. Von da an ging es aufwärts.

Wer sind Ihre wichtigsten Bezugspersonen?
Im Training natürlich sie beide. Aber ich habe ein grosses Umfeld mit Leuten, mit denen ich auch über anderes als Sport diskutieren kann. Politik, Umwelt, das Leben.

Verfolgen Sie politische Entwicklungen?
Ja, klar. Wenn ich monatelang in Amerika trainiere . . . das ist die Katastrophe dort drüben. Ich nehme beispielsweise so viel ­Essen wie möglich mit, wenn ich nach Florida gehe.

Wieso denn das?
Weil sie auch genveränderte Produkte verkaufen, bei Gemüse und Früchten weiss man nicht genau. Mich graust auch vor verunreinigtem Fleisch, es hat schon Fälle gegeben, bei denen Athleten in Dopingproben hängen blieben. Deshalb lebe ich in den USA jeweils schon fast vegan. (lacht)

Sprinter seien nicht die einfachsten Menschen, sagten Sie einmal. Wieso?
Ich gehöre nicht dazu (lacht). Ich halte mich komplett aus allen Spielchen raus, die unter Sprintern laufen. Ihr Gehabe ist ein bisschen wie jenes der Boxer mit Trashtalk und solchen Sachen. Im Training ist es am schlimmsten – provozieren, destabilisieren, damit will ich nichts zu tun haben. Momentan bin ich der Beste der Gruppe, da muss ich mich auch entsprechend verhalten. Immer korrekt und fleissig.

Alex Wilson, das Vorbild?
Ja, genau.

Sie haben mehrfach mit Justin Gatlin trainiert. Nach seinen Dopingaffären ist er nicht überall gern gesehen. Machen Sie sich Gedanken darüber?
Ich kann nur sagen: Er hat seine Strafe abgesessen, er muss selber wissen, was er tut. Und ich kann nicht ewig auf jemanden hässig sein. Ich profitierte im Training von seinen Tipps, das ist das Wichtigste für mich.

Sie sind im Frühling zum zweiten Mal Vater geworden, haben Sie sich verändert?
Nein, aber ich trage jetzt nicht nur für mich, sondern für eine Familie die Verantwortung. Und die Familie ist mein Rückzugsort geworden. Zu Hause bin ich nicht der grosse Wilson, der Rekorde läuft. Zu Hause bin ich stinknormal, stehe früh auf und wechsle Windeln.

Wollen Sie Ihren Kindern eine bessere Kindheit bieten als Sie sie hatten?
Ja, ich kenne meinen Vater nicht einmal und habe ihn auch nie gesucht. Ich habe aber immer gesagt: Wenn ich Kinder habe, will ich für sie da sein.

Erstellt: 05.07.2019, 20:22 Uhr

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