Leistungsasthma: «Die Kritiker irren»

Sprechstunde beim höchsten Schweizer Sportarzt Patrik Noack: Der St. Galler beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema Leistungsasthma.

Chris Froome wurde während der Vuelta eine hohe Konzentration eines Asthmamittels nachgewiesen. Foto: Tim De Waele (Getty)

Chris Froome wurde während der Vuelta eine hohe Konzentration eines Asthmamittels nachgewiesen. Foto: Tim De Waele (Getty)

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An Chris Froome hat sich eine ohnehin schon hitzige Debatte intensiviert: Lässt sich mit Mitteln gegen Leistungsasthma illegal die Leistung steigern? Im Urin des besten Rundfahrers der Gegenwart war eine viel zu hohe Dosis gemessen worden. Letzte Woche ­sickerte diese ­Nachricht durch. Zeit also, das kontroverse Thema möglichst umfassend zu beleuchten. In der Schweiz ist Patrik ­Noack einer der kompetentesten ­Ansprechpartner. Der St. Galler ist Chief Medical Officer von Swiss Olympic und damit quasi offiziell der «höchste Schweizer Sportarzt».

Was ist Leistungsasthma?
Unter körperlicher Belastung erweitern sich die Luftwege, damit sie mehr Sauerstoff aufnehmen können. Bei Sportlern mit Leistungsasthma passiert das Gegenteil: Die Luftwege gehen zu, wie man im Jargon sagt. Dass wir in Bezug auf ­Leistungsasthma primär über Topathleten reden, liegt daran, dass viele ­Menschen nicht wissen, dass sie unter Leistungsasthma leiden. Dafür müssten sie sich sportlich intensiv betätigen, also ihre Lunge stark belasten.

Was muss man unter «die Luftwege gehen zu» verstehen?
Die Bronchialmuskulatur verkrampft sich, die Schleimhaut schwillt an, es wird mehr Schleim produziert. Nach 8 bis 10 Minuten sportlicher Aktivität nehmen diese leistungsmindernden Körperreaktionen ab, weil das Adrenalin eine Gegenreaktion einleitet (sogenanntes «running through»).

Wie unterscheidet sich Leistungsasthma vom normalen?
Die Körperreaktionen bzw. Mechanismen sind die gleichen – der Auslöser aber ein anderer: Ein Asthmatiker kann schon im Ruhezustand einen Anfall erleiden. Die Reizschwelle ist bei ihm also ungemein tiefer als bei einem Sportler mit Leistungsasthma.


Gänsehaut mit Federer, leiden mit Seferovic

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Wie viele Schweizer Topathleten sind von Leistungsasthma betroffen?
Das ist stark abhängig von der Sportart. Im Schnitt dürften es zwischen 10 bis 20 Prozent sein. Ausdauersportler leiden im Schnitt mehr an Leistungsasthma als Kraftathleten. Bei den Schweizer Mountainbikern oder Bahnfahrern sind zum Beispiel circa 20 Prozent betroffen.

Wie stark beeinträchtigt ein solches Asthma die Leistung?
Wiederum gilt: Jeder reagiert anders. Die Medizin unterscheidet drei Schweregrade: leicht, mittel, schwer. «Leicht» ­bedeutet eine Leistungseinbusse von 5 bis 10 Prozent, «mittel» heisst 10 bis 20 Prozent, «schwer» über 20 Prozent.

Worin besteht der Unterschied für Sommer- und Wintersportler?
Erst zu den Sommersportarten: Allergiker reagieren etwa auf Pollen. Sie beginnen oft schon im Winter auszufliegen. Sie stammen von Bäumen oder Gräsern. Bei Athleten, die auf Pollen allergisch ­reagieren, führen wir eine präsaisonale Desensibilisierung durch. 7 Wochen vor dem Pollenflug werden sie mit der entsprechenden Polle gereizt, damit der Körper sein Immunsystem hochfährt. Ist Pollenzeit, erhalten solche sportlichen Allergiker jede Woche eine Spritze mit den positiv getesteten Baum- oder Gräserpollen in ansteigender Konzentration.

«In der Schweiz leiden bis zu 20 Prozent der Athleten an Leistungsasthma.»

Sind nur Spritzen gut genug?
Man kann das Problem teilweise auch mit Tabletten oder Tropfen behandeln.Mit Tabletten wird der Grenzwert für Sportler aber rasch überschritten. Zu den Auslösern gehört im Sommer auch ­hohes Ozon, wie es in bestimmten Städten wie Peking oft gemessen wird. Darf ich dazu noch etwas anfügen?

Bitte.
Vor den Sommerspielen von 2008 in Peking war immer wieder zu lesen und zu hören, man würde den Schweizer Athleten quasi prophylaktisch Asthmamittel verabreichen. Das ist falsch. Richtig war, dass in Peking hohe Ozonwerte gemessen wurden – ein Sportler zu jener Zeit aber eine sogenannte Ausnahmebewilligung benötigte, um Leistungsasthma behandeln lassen zu können. Dafür musste sein Arzt belegen können, dass der Athlet tatsächlich unter Leistungsasthma litt. Einen solchen Nachweis kann man jedoch nicht innert Kürze vor den Spielen durchführen. ­Darum testeten die Ärzte die Schweizer Athleten lieber zweimal, um abzuklären, ob sie nicht doch unter Leistungsasthma litten. So hatte man auch die notwendigen Belege zusammen, falls man eine Ausnahmebewilligung brauchte. Es ging dem Ärzteteam also darum, vorgesorgt zu haben. Während der Spiele war dann kein Smog vorhanden, da die chinesische Regierung die Hälfte der Fabriken geschlossen und nur die Hälfte der Autos hatte fahren lassen.

Nun zum Leistungsasthma von Wintersportlern. Was sind bei ihnen die weiteren Auslöser neben der hohen Belastung?
Luft und Temperatur. Am ungünstigsten ist trockene, kalte Luft. Ab circa minus 10 Grad bekommen viele dieser Sportler die ­beschriebenen Probleme. Allerdings ­reagieren Sensible auch schon bei wärmeren Temperaturen.

Lässt sich mit Asthmamitteln die Leistung steigern?
Jetzt muss ich aufpassen, was ich sage (lacht). Erst einmal: Bei meinen Aussagen beziehe ich mich auf die aktuelle Studienlage und damit die Erkenntnisse, die von den meisten Sportmedizinern geteilt werden. Bezüglich Ausdauerleistung scheint mir die Situation eindeutig: Die Verwendung der erlaubten Asthmamittel bringt keinen Vorteil – selbst in hoch dosierter Menge. Gleichzeitig zeigen Studien, dass sehr hohe Dosen einen leichten anabolen Effekt haben können und damit die Erholung beschleunigen.

Ist darum eine maximale Dosis pro Tag festgelegt?
Genau. Noch eine Erklärung, warum sich der Grenzwert mit den Jahren verändert hat, phasenweise gar jeder Athlet mit Leistungsasthma eine Ausnahmebewilligung benötigte: Man hat anhand von Studien erst Fakten schaffen müssen. Dabei handelt es sich aber oft um Arbeiten mit relativ kleinen Fallzahlen. Denn die Pharmafirmen haben kein Interesse, in diesem Gebiet zu forschen. Es lohnt sich für sie in finanzieller Hinsicht nicht. Also werden solche Arbeiten primär von Universitäten oder anderen Institutionen geleitet. Sie aber brauchen dafür erst einmal die notwendigen Gelder. Trotzdem kann man sagen: Wenn also Kritiker behaupten, mit den erlaubten Asthmamitteln werde im Ausdauersport erlaubt gedopt, irren sie.

Warum wird solches dann immer wieder auch von Experten gesagt?
Ich formuliere jetzt sehr neutral: weil sie zu stark verallgemeinern. Dass Asthmamittel in sehr hohen Mengen wie gesagt anabol wirken können, wissen wir. Aber noch einmal: Davon profitiert kein Ausdauerathlet in seiner Ausdauerfähigkeit. Nimmt er ein Asthmamittel zu sich, stellt er schlicht sicher, dass er seine maximale körperliche Fähigkeit ausschöpfen kann.

«Mit einem Asthmamittel kann ein betroffener Athlet sein maximales Potenzial ausschöpfen.»

Warum werden dann immer wieder Athleten mit viel zu hohen Dosen erwischt – unter ihnen Langläufer Martin Johnsrud Sundby oder Radfahrer Chris Froome?
Bei Sundby sprachen seine Ärzte von einem Versehen, das heisst, die vorgegebene Inhalationslimite wurde als Re­­sorp­tionslimite (10 Prozent der Inhalation, die Red.) interpretiert. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Grundsätzlich verarbeitet der Körper die Einnahme eines Asthmamittels unterschiedlich schnell. Im Extremfall – Hitze, andere Medikamente etc. – verstoffwechselt ein Athlet die Menge so langsam, dass er einen auffälligen Test abgibt. Allerdings muss er dann belegen können, dass extreme Bedingungen vorlagen und sein Körper anders als der durchschnittliche reagiert.

Und bei Froome?
Dürfte sein Team wohl darauf hinweisen, dass es bei der damaligen Vuelta-Etappe sehr heiss war – und Froome dehydriert. Anhand einer etablierten Studie weiss man, dass man den Grenzwert bei starker Dehydrierung überschreiten kann, selbst wenn man sich an die Mengenvorgabe hielt. Allerdings muss man diesen besonderen Fall entsprechend dokumentieren können. Zudem lässt sich eine hohe Grenzwertüberschreitung damit auch nicht rechtfertigen.

Noch einmal: Wie erklären Sie sich, dass immer wieder Athleten mit zu hohen Restmengen von Asthma­mitteln im Urin erwischt werden?
1. Die Sportler litten unter derart starkem Asthma und/oder Leistungsasthma, dass ihre Ärzte an oder eben über das erlaubte Limit dosierten.
2. Die Athleten verhielten sich unvorsichtig, also dumm. Sie fanden, dass sie trotz der abgesprochenen Menge doch noch ein bisschen mehr benötigten, um sich wirklich gut zu fühlen – und überschritten das Limit.
3. Die Ärzte handelten fahrlässig oder ­befürworteten aus mir unerklärlichen Gründen zu hohe Dosen.

Lassen sich die Grenzwerte mit den erlaubten Sprays bzw. Masken denn so leicht überschreiten?
Bei den Vorschaltkammern, also beim Einatmen eines Asthmamittels über eine Maske, lassen sich schon relativ rasch hohe Mengen in den Körper führen. Die Inhalationszeit ist so relativ lang. Beim Spray braucht es dafür relativ viele Stösse – ist aber möglich. Was in der Diskussion allerdings oft vergessen geht: Hohe Dosierungen können Nebenwirkungen mit sich bringen – und zwar unerwünschte wie Zittern oder Krämpfe. Nur schon aus diesem Grund muss man bezüglich der Behandlung von Leistungsasthma vorsichtig sein.

Im Spitzensport sollten sich die gesündesten Athleten durchsetzen. Wie passt dieses Selbstverständnis damit zusammen, dass viele Sportler auf Asthmamittel zurückgreifen?
Ein Athlet mit Leistungsasthma sorgt mit der Einnahme eines Mittels ja nur dafür, dass er sein maximales Potenzial ausschöpfen kann. Er schafft sich also keinen Wettbewerbsvorteil. Darum ist etwa das Argument, ein Athlet mit ­tiefem Hämoglobinwert könne sich folglich ans erlaubte Maximum «herandopen», wenig sinnvoll. Erstens lassen sich tiefe Hämoglobinwerte mit Höhentraining auf natürliche Weise steigern, zweitens bringen Medikamente in diesem Fall sehr wohl eine Leistungssteigerung über den Normalfall hinaus. Kurz: Man vergleicht Äpfel mit Birnen.

Wann empfehlen Sie einem Athleten, ein Asthmamittel einzunehmen?
Immer nur, wenn Asthma in standardisierten Tests nachgewiesen wird. Ich kenne keinen Schweizer Kollegen, der diesbezüglich anders handelt. Dass in anderen Ländern allenfalls anders ­gedacht wird, mag sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.12.2017, 22:53 Uhr

Patrik Noack
Der Ostschweizer (43) arbeitet als Verbandsarzt für die Leichtathleten, Langläufer, Bobpiloten, Triathleten und Radfahrer. Noack ist Chief Medical Officer von Swiss Olympic. (Bild: Keystone Peter Klaunzer)

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