Livesport à discrétion

Von Eisklettern bis Unihockey: Immer mehr wird im Internet via Livestream übertragen. Vor allem Randsportarten versuchen sich selbst in Szene zu setzen.

Das Kabel wird gekappt: Der Livestream auf dem Computer ersetzt immer mehr das herkömmliche Fernsehbild. Foto: Urs Jaudas

Das Kabel wird gekappt: Der Livestream auf dem Computer ersetzt immer mehr das herkömmliche Fernsehbild. Foto: Urs Jaudas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Livestreaming in der Schweizer Sportwelt steckt noch in Kinderschuhen: Einmal, da befindet sich der Co-Kommentator beim Anpfiff einer Futsal-Partie noch im Stau. Er komme daher ein bisschen später, sagt sein Kollege. Ein andermal fehlt an einem Unihockeyspiel das ­richtige Kabel, nur der Ton wird übertragen.

Und doch, es tut sich was.

Es gibt Wochenenden, da werden 17 Schweizer Sportanlässe per Stream übertragen, abseits von SRF, direkt auf den Computer, weitestgehend gratis. Handball, Judo, Telemark, Unihockey, Futsal, Eisklettern – die Zahl der Sport­arten ist gross, eines ist ihnen gemein: Ihre Popularität ist klein, das grosse ­Publikum anderswo. Doch auch sie ­wollen Aufmerksamkeit. Am liebsten vom grossen Sender, dem SRF. Dieser verwehrt ihnen jedoch die Bericht­er­stattung, wegen zu tiefer Quoten. Also werden Veranstalter und Sportverbände selbst aktiv.

Kampf um Aufmerksamkeit

Beispiele gibt es zuhauf: Die Leichtathleten etwa übertrugen ihre Schweizermeisterschaften im Internet, ebenso das internationale Meeting in Bellinzona. Die Unihockeyclubs der Nationalliga A produzieren ihre Spiele selber, abrufbar im Internet.

Die Ziele sind überall ähnlich. «Das ist ein Dienst an allen Leichtathletik­interessierten», sagt Beat Freihofer vom Verband, «und natürlich, wir wollen mehr wahrgenommen werden.» 2500 Personen hätten etwa die Übertragung aus Bellinzona geschaut. Beim Uni­hockeyverband spricht man von ein paar Hundert Zuschauern pro Spiel und einem jungen Zielpublikum: «Dieses ist sehr empfänglich für Online-Inhalte», sagt Petra Kropf. Geld verdienen wollen und können beide Verbände damit nicht. «Falls wir aber den Sponsoren einen Mehrwert bieten und beispielsweise eine Werbung einblenden können, dann nutzen wir diese Chance gern», sagt Freihofer. Kropf fände es schön, wenn daraus irgendwann ein Markt entstehen würde.

Einer, der dieser Bewegung auf die Beine hilft, ist Dominik Meier von der Produktionsfirma Upstream Media. Vor acht Jahren hat er begonnen, Anlässe zu übertragen, heute bietet er Interessenten das komplette Paket an: Aufnahme, Schnitt, Livestream. Damit ist Upstream Media in der Schweiz der einzige private Produzent, der die ganze Palette abdeckt.

Trifft Meiers Firma an einem Anlass auf das Kamerateam von SRF, arbeiten die beiden Crews zusammen, Bilder werden voneinander übernommen – Upstream Media blendet dafür auch ­einmal das Logo von SRF ein.

5000 Franken für einen Stream

«Noch immer haben viele Leute – gerade Sport-Funktionäre – das Gefühl, es müsse Kabel-TV sein», sagt Meier. Doch es finde ein Umdenken statt, das merke er. Früher musste er Veranstalter für ­Streams anfragen, heute kommen sie auf ihn zu. Wichtigstes Gesprächsthema: der Preis. Weil es möglichst wenig kosten soll, bietet die Firma verschiedene Angebote an. Eine hochwertig produzierte, dreistündige Live-Sendung mit vier Kameras kostet knapp 5000 Franken, den Kommentator muss der Veranstalter selbst stellen.

Für die Schweizer Unihockeyclubs war das zu viel, also zeigte man sich ­innovativ. Upstream stellt das Material, die Streaming-Infrastruktur und bildet die Leute aus. Produziert wird aber die Sendung von den Vereinen selbst. So kommt es, dass Köniz eine überaus professionelle Sendung mit mehreren Kameras produziert – samt Vorprogramm, Spielkommentar und technischen Einblendungen. Andere Clubs wiederum beschränken sich auf eine Schmalspur­variante: eine Kamera, kein Kommentar. Daher muss der Unihockeykonsument je nach Aufwendigkeit der Produktion 3 oder 6 Franken zahlen – das Spiel der Runde ist jeweils gratis.

Auch das SRF setzt darauf

Dass im Übertragen von Randsportarten Potenzial steckt, zeigt ein Blick über die Grenze: In Deutschland hat kürzlich die Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe die Mehrheit des Online-Senders sportdeutschland.tv übernommen. Dieser konzentriert sich auf jene Sportarten, zu denen sich nur selten Kamerateams verirren.

Das Ziel ist klar: Geld verdienen. Die Übernahme sei eine logische Fortsetzung der Onlinestrategie, schreibt die Mediengruppe. Geld soll «über Werbung und Abozahlungen» hereinkommen. ­Etwas, das sich auch Meier vorstellen kann: Auf www.swiss-sport.tv sind alle Übertragungen abrufbar, die Seite könnte sich zum Treffpunkt der Randsportarten entwickeln.

Auch die SRG ist sich der zunehmenden Digitalisierung bewusst. Seit 2013 darf sie zusätzlich Sport im Internet live übertragen: Erst waren es gemäss «NZZ am Sonntag» rund 100 Anlässe, im ­vergangenen Jahr 360 – darunter Tennismatches, weil etwa die Nationalmannschaft gleichzeitig spielte, oder neuerdings auch Fussball-Cupspiele, die ohne Kommentar laufen. So entwickelt sich die Online-Plattform neben SRF 2 immer mehr zu einem zweiten Sportkanal.

Etwas, das die Verantwortlichen nie sagen würden. SRF-Sportchef Roland Mägerle erklärt, man habe «in den vergangenen Monaten im Bereich Live­streaming sehr wichtige Erfahrungen ­gemacht». Wie viele Leute diese Dienste benutzten, was die Erkenntnisse waren; ja, wie überhaupt die Strategie aussieht, ob etwa vermehrt in die Breite gegangen wird, dazu will und kann Mägerle nichts sagen: Wegen der Sparmassnahmen und der noch unklaren Sportausrichtung «benötigen wir noch etwas Zeit».

So müssen die kleineren Verbände und Veranstalter vorerst für sich selbst schauen. Risiken gibt es für sie kaum. Ab und an wird die Qualität bemängelt – eine Folge des rigiden Kostenmanagements. Und manchmal, da lauert die Gefahr der Kannibalisierung: Als 2014 die Faustball-EM in der Schweiz stattfand und ein Livestream geschaltet wurde, rümpfte der Organisator die Nase: «Viele haben sich deswegen die Anreise erspart.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.10.2015, 00:41 Uhr

Livestream

Entsteht das Netflix des Sports via Schweiz?

Es ist eine Tendenz, die mit dem Begriff «Cord Cutting» beschrieben wird: Das Fernsehkabel wird gekappt. Die jüngere Generation wächst mit Youtube auf, ­Serien und Filme werden auf Netflix ­gestreamt, Fernsehprogramme bleiben unbeachtet – auch in der Sportwelt: Das NHL-Gamecenter ist beispielsweise hochprofessionalisiert, für 115 Dollar können alle NHL-Spiele via Livestream geschaut werden. Nicht nur das: Der Konsument entscheidet, ob er den Heim- oder Gästekommentar hört; ob er die Kamera nur auf den Goalie gerichtet haben will; ob das Resultat ausgeblendet wird. Ähnliches bieten die NBA, die NFL oder auch die Tennistour an.

In Europa blieben die Kabelbetreiber in der Welt des Sports bislang grösstenteils unbedrängt. Das könnte sich ändern: Die Firma Perform wähnt sich vor einem Coup, sie will sich als Netflix des Sports positionieren. Ab 2016 sollen in Japan, Deutschland, Österreich und der Schweiz via Livestream Sportsendungen aus aller Welt übertragen warden. Verträge mit der deutschen, spanischen, italienischen und französischen Fussballliga wurden bereits abgeschlossen, ebenso mit der NFL. Preis für das ­Monatsabo: rund 10 Franken.

Vorerst gilt das Projekt als Versuchsballon, 2017 sollen weitere Länder dazukommen. «Es muss möglichst einfach sein – zum Zahlen und Schauen, un­abhängig von der Tageszeit», sagt ­Geschäftsführer Juan Delgado dem Nachrichtensender CNBC. Die Sendungen werden in-house produziert, Sportgrössen agieren als ­Experten, wie man das kennt von Sky oder ITV.

Weshalb die Schweiz? Wegen der deutschen Sprache. Denn Delgado ist hauptsächlich an Deutschland interessiert. Dort hat Platzhirsch Sky nur eine mässige Verbreitung, da liege viel ­Potenzial brach. In Japan wiederum sei es für die Bevölkerung schwierig, einen ­Anbieter zu finden, der verschiedene Sportligen abdeckt. Das wolle man ­ausnützen.

Artikel zum Thema

Die alten sind auch die neuen Meister

Die Unihockey-Spielerinnen von Piranha Chur gewinnen im Superfinal in Kloten ihren vierten Meistertitel in Serie. Bei den Männern jubelt erneut Wiler-Ersigen. Mehr...

Keine WM-Medaille für die Schweizer

Das Unihockey-Nationalteam reist ohne Medaille von der WM heim. Einen Tag nach dem 1:10-Debakel gegen Schweden geht das Spiel um Bronze gegen Tschechien verloren. Mehr...

Extremsport-Pionier Dean Potter

Leben am Limit - der tödlich verunglückte Dean Potter im Video. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Blogs

Beruf + Berufung Schaumschläger in den Chefetagen

Geldblog Warum die Aussichten an der Börse düster bleiben

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Hi Fisch! Vor Hawaii lebt dieser Haifisch Namens Deep Blue. Wer mutig ist und lange die Luft anhalten kann, darf ihn unter Wasser streicheln (15. Januar 2019).
(Bild: JuanSharks) Mehr...