Löwe gegen Legende

Anthony Joshua gegen Wladimir Klitschko – die Boxwelt schaut heute um 23 Uhr zum Duell der Generationen nach London.

«Ich bin aus einem bestimmten Grund hier» – Joshua (l.) will der erste Boxmilliardär werden.<br />«Ich lebe, esse und atme damit» – Klitschko ist besessen von diesem Kampf. Fotos: Getty Images

«Ich bin aus einem bestimmten Grund hier» – Joshua (l.) will der erste Boxmilliardär werden.
«Ich lebe, esse und atme damit» – Klitschko ist besessen von diesem Kampf. Fotos: Getty Images

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Wladimir Klitschko hat seine mächtigen Oberarme unter einem Hemd versteckt. Jene von Anthony Joshua zucken unter dem kurzärmligen Leibchen, wann immer er an diesem gemeinsamen Promotionstermin Anfang Jahr in New York ­redet. Die beiden Boxer besitzen «brain and brawn», wie es auf Englisch heisst, Hirn und Muskeln.

Ring Frei: Klitschko boxt gegen Joshua um WM-Titel und Karriere. (Video: Tamedia/AFP)

Klitschko hat andere Pressekonferenzen vor einem grossen Kampf im Kopf, als es würdelos zu- und herging. David Haye zum Beispiel, ein Gegner von 2011, trug ein Leibchen, das ihn zeigte, wie er die enthaupteten Köpfe von Wladimir Klitschko und dessen Bruder Witali, ein Weltmeister auch er, in den Händen hält. Jetzt sagt Wladimir zufrieden: «Wir brauchen das F-Wort nicht, wir schmeissen nicht Gläser und Tische um, wir ­behandeln uns respektvoll.»

«Der perfekte Zeitpunkt für beide»

Wir: Wladimir Klitschko, die Legende, 41 seit März, Dominator des Schwer­gewichts während eines Jahrzehnts; und Anthony Oluwafemi Olaseni Joshua, der junge Löwe, der Aufsteiger in der höchsten Gewichtsklasse, ein Engländer mit nigerianischen Eltern, 27 erst, mit ­blütenweissen Zähnen und makellosem Gesicht.

Klitschko sagt: «Es ist der perfekte Zeitpunkt für beide, um gegeneinander zu ­boxen. In drei Jahren bin ich zu alt und ist er zu gut.» Oder gilt beides vielleicht jetzt schon? Das ist das dominierende Thema vor diesem Generationenduell heute Samstagabend, bei dem es um die Titel von IBF, IBO und WBA geht. Die Bühne könnte dafür nicht ikonenhafter sein, das Wembley in London. 90 000 Zuschauer, die sich innert ­weniger Stunden ihre Tickets sicherten, sorgen für eine gewaltige Kulisse.

Eine schreckliche Niederlage

Hier ist Klitschko, Gesicht des Schwer­gewichts, seit er im Oktober 2000 erstmals einen WM-Gürtel gewann. «Dr. Steelhammer» ist der Kampfname des Ukrainers, der 1996 für sein Land Olympiagold gewann und in Deutschland seine marketingtechnische Heimat gefunden hat. 23-mal verteidigte er seine Titel, öfter als Muhammad Ali. Zwischendurch bezog er schwere Nieder­lagen, gegen Corrie Sanders und Lamon Brewster, vor allem am 28. November 2015 in einem schrecklichen Kampf gegenTyson Fury, gegen den er seine Titel nach Version WBA, WBO, IBF und IBO verlor.

Dort ist Joshua, 2012 gewann er bei den Olympischen Spielen Gold. Das Land fragte sich aufgeregt: Haben wir einen neuen Lennox Lewis, in den 1990er-Jahren Weltmeister aller Klassen? Joshua selbst fragte sich: «Ich bin der Champ, was kommt als Nächstes?» Heute sagt er: «Wenn ich nicht den Ehrgeiz habe, am Morgen aufzustehen und an mich zu glauben, schöpfe ich nie aus, womit ich gesegnet bin.» Seit einem Jahr besitzt er den Weltmeistergürtel der IBF.

Klitschko verlieh dem Schlägersport Würde

Klitschko ist der Sohn eines Generalmajors der sowjetrussischen Flugwaffe, der auch einer der Kommandeure war, welche die Folgen der Katastrophe im Atomkraftwerk von Tschernobyl bekämpfen mussten. Der Mutter versprach er zusammen mit seinem Bruder Witali, dass sie nie gegeneinander boxen würden, «nicht für 1 Milliarde Dollar». Er machte seinen Doktortitel in Sportwissenschaften und verlieh dem Schlägersport Würde.

Joshua wuchs in Watford auf, einem dieser schmucklosen Vororte von London mit den immer gleichen Hauptstrassen. Er spielte Fussball, hing mit seinen Freunden herum, trank im lokalen Pub, rauchte, prügelte sich auf der Strasse und ging dafür ins Gefängnis von Reading, er arbeitete als Maurer, wurde mit Cannabis erwischt und musste die Auflage erfüllen, jeden Abend um 19.30 Uhr daheim zu sein. «Während 30 Monaten wurde ich von der Polizei unter Kontrolle gehalten», erzählt er, «das lehrte mich Disziplin.»

Er war nicht gleich ein Boxfanatiker von klein auf, er schaute sich keine alten Kämpfe an. Fussball zog ihn mehr an. Bis zuerst der Tag kam, an dem er in den Kraftraum ging, und dann der Tag, an dem er einem seiner Cousins in den Boxclub folgte. Er begann zu spüren, wie das Boxen seiner Fitness guttat. Mike Tyson wurde zu seiner Inspiration, nicht für das Leben abseits des Rings, sondern für seine Geschichte: wie er trotz Problemen einer der gefürchtetsten Kämpfer wurde.

Die WG mit der Mutter

Wer Joshua sieht, erkennt nichts von ­Tysons simpler Wildheit. Er hat Charisma, er ist mehr der gepflegte Junge mit einem ansteckenden Lachen. Um 3 Uhr morgens war er in seinen Anfängen aufgestanden, um zum Lauftraining zu ­gehen. Er dachte, dass ihm auch das kleinste ­Detail hilft, um nach oben zu kommen. Heute sagt er dem «Guardian»: «Ich will durch den Dreck gehen und mich für den langfristigen Erfolg schinden.»

Dreimal trainiert er täglich, beginnend mit einem 6,5-Kilometer-Lauf morgens um halb sieben. Er ist so beschäftigt mit seinem Sport, dass er keine Zeit mehr hat für eine Freundin (aus einer früheren Beziehung hat er einen 17 Monate alten Sohn). Er meidet Partys, Nachtclubs oder was das Leben für einen jungen Prominenten sonst noch an Annehmlichkeiten bieten könnte. Im Norden Londons wohnt er in einer ­bescheidenen Wohnung zusammen mit seiner Mutter, einer Sozialarbeiterin. Er sagt: «Ich hätte in meinem Leben auch abrutschen können, aber ich bin das Beispiel dafür, dass auf eine dunkle Nacht ein heller Tag folgen kann.»

Luxus in Kitzbühel

Klitschko hat während der letzten zehn Wochen für sein Trainingscamp den Luxus des Stanglwirt genossen, eines 5-Stern-Hotels bei Kitzbühel, das während der Skirennen für seine Weisswurstpartys berühmt ist. Seit 2003 hat er das so gehalten, hier fühlt er sich ­daheim. Aber diesmal ist es anders als früher: Klitschko weiss, er steht vor einer Herausforderung, die über seine Karriere entscheiden kann. Seit der Nacht gegen Fury hat er nicht mehr gekämpft, 17 Monate nicht. Damals hat er nicht nur seine Titel verloren, sondern auch den Ruf, nahezu unbesiegbar zu sein. Er, der 64 seiner 68 Kämpfe gewann, davon 53 durch k. o. Fury, ein Witz von einem ­Boxer, hatte den stolzen Ukrainer lächerlich gemacht. (Letztes Jahr verlor der Brite, der sich selbst als manisch-­depressiv beschrieben hatte, all seine ­Titel, weil er des Dopings überführt worden war.)

Joshua ist kein Fury, sondern im Ring mehr eine Furie, die den Gegnern bislang nicht den Hauch einer Chance ­gelassen hat. Er hat keinen «Körper aus Gelee», wie Fury über sich sagt, sondern aus Muskeln. Er ist beweglich, leichtfüssig und, eben, vor allem schlagkräftig. Für seine 18 Siege als Profi, alle durch einen Knock-out, brauchte er insgesamt nur 45 Runden oder 112 Minuten. Sein kürzester Kampf dauerte 83 Sekunden, bloss zweimal musste er länger als drei Runden im Ring stehen.

Disziplin, Entschlossenheit, Besessenheit

Er sagt: «Boxen stellt das dar, was ich bin: Disziplin, Entschlossenheit, Besessenheit – im Ring und daneben. Ich bin der junge Löwe, der die Welt erobern will. Gott würde mich nie in eine Position bringen, mit der ich nicht umgehen kann. Ich bin aus einem bestimmten Grund hier.» Er möchte der erste Milliardär des Profiboxens werden, etwas, was selbst Floyd Mayweather trotz seiner Hunderte von Millionen Dollar schweren Kämpfe nicht erreicht hat.

Besessen ist das Wort, das Klitschko derzeit so oft gebraucht, dass er es vielleicht fast selbst nicht mehr hören kann. «OBSESSED» heisst seine Botschaft auf den sozialen Netzwerken. «Ich lebe, esse und atme damit», sagt er, «ich denke an nichts anderes.» Neben dem Ring im Stanglwirt liess er auf zwei Bildschirmen Kämpfe von Joshua laufen, seit ­Wochen hat er Frau und Tochter nicht mehr gesehen. Er sagt: «Es ist gut, dass ich gegen Fury verloren habe. Ich schaue alles ­wieder anders an. Ich habe eine ganz andere Einstellung. Ich bin hoch motiviert. So Gott will, bin ich jetzt fit genug, um meine Leistung zu bringen.»

«Habe ich es noch in mir?»

Klitschko sass am Ring, als Joshua 2012 Olympiasieger wurde. Er lud ihn vor zweieinhalb Jahren zu sich ein, um mit ihm zu trainieren. Er schreibt ihm grosse Fähigkeiten zu und sagt: «Es ist wunderbar, jemanden zu sehen, der in deine Fussstapfen tritt.»

Auf «50:50» setzt er die Chancen gegen Joshua an. So vorsichtig hat er es noch nie gehalten, aber er weiss: Er ist 14 Jahre ­älter und kann erst im Ring die Antwort erhalten, was die lange Wettkampfpause mit ihm gemacht hat. «Ist das gut? Ist das schlecht? Bin ich rostig? Habe ich es noch in mir? Ich will diese Antworten selbst haben.» Er ballt seine Hände zu Fäusten, hält sie hoch, nickt zu der einen, dann zu der anderen und fragt: «Begräbnis oder Spital? Spital oder Begräbnis? Ich brauche nicht viele Schläge, um jemanden zu Boden zu schlagen.» Darum hat er auch Fragen für seinen Gegner: «Wie geht er mit der Situation um? Wie geht er damit um, wenn er das Tempo nicht kontrollieren kann? Wenn er getroffen wird, wieder und wieder, wieder und wieder und dann nochmals?»

Anschnallen – und los gehts

Anthony Joshua, kurz AJ, lässt sich zu keinen Spielereien verleiten. Er sagt: «Ich gehe davon aus, dass ich auf den besten Klitschko aller Zeiten treffen werde. Mit diesem Gedanken schlafe ich ein, und mit diesem Gedanken wache ich morgens auf.» Doch sich deshalb fürchten? Nicht doch. Joshua sagt: «Der Anlass ist grösser, aber der Ring bleibt der gleiche. Ich will es nicht komplizierter machen, als es ist. Ich will nur meine Arbeit erledigen und so zuversichtlich sein, wie ich es immer bin.»

Wladimir Klitschko hat nur ein Ziel vor Augen: Er möchte zum dritten Mal Weltmeister werden, «ein Ziel so hoch wie der Himmel», sagt er. Er schaut bei diesem Termin Anfang Jahr in New York die Journalisten an und rät schon einmal: «Meine Damen und Herren, schnallen Sie sich an. Es geht los.»

Erstellt: 29.04.2017, 01:03 Uhr

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