«Immerhin hat Winterthur das beste Fussballstadion»

Es wird das Spiel des Jahres: Das Derby des FCW gegen den FCZ. Drei lokale Sportgrössen erklären, was der Sport für die Stadt bedeutet.

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Treffpunkt ist die Schützenwiese, ein paar Tage vor dem Spiel des Jahres, wenn der FCW am Montag in der Challenge League den FC Zürich empfängt. 9400 Zuschauer werden kommen. Und für ein Ausrufezeichen sorgen, dass der Sport in der Stadt doch etwas bewegen kann. Genau das ist das Thema, als sich Peter Lattmann, Andreas Mösli und Daniel Rasljic in der Stadionbar an einen Tisch setzen und über den Sport in der mit 110'000 Einwohnern sechstgrössten Schweizer Stadt diskutieren. Sie tun das aus unterschiedlicher Warte: Lattmann ist ein früherer Handballer und Journalist, Mösli der Geschäftsführer des FCW und Rasljic der Trainer der Basketballer.

Peter Lattmann, Yellow Winterthur, früherer Handballer, Andreas Mösli, Geschäftsführer des FC Winterthur und Daniel Rasljic, Basketball Club Winterthur diskutieren im Stadion-Restaurant. Foto: Reto Oeschger

Wofür steht die Stadt Winterthur?
Peter Lattmann: Für eine Stadt im ­Umbruch. Von einer Büezer- zu einer Dienstleistungsstadt.
Andreas Mösli: Für eine ehemalige Büezerstadt, die noch nicht so richtig weiss, wo es hingeht. Sie ist ein grosses Dorf oder eine kleine Grossstadt. Immerhin ist das Selbstbewusstsein aus­geprägter als auch schon.

Weil mehr Zürcher herziehen?
Mösli: Nein, mehr Deutsche (lacht). Trotzdem ist man weiter bescheiden, man lehnt sich nicht zu sehr aus dem Fenster, man ist nicht zu laut.
Lattmann: Es ist schon eher beschaulich. Unter der Woche ist weiterhin nichts los, die Beizen sind leer.

Die Trottoirs werden also nach wie vor um 23 Uhr hochgeklappt.
Lattmann: Nicht um 11, um 10 schon.
Daniel Rasljic: Meine Frau und ich sind aus Zürich hierhergezogen. Und was mir als Erstes aufgefallen ist: Du kannst mit den Kindern fast nirgends hingehen. Die Museen hat man schnell gesehen. Winterthur hat keinen See. Was mir fehlt, sind die öffentlichen Gemeinschaftszentren. Wer sich nicht anderen Leuten anschliesst, ist schnell isoliert.
Mösli: Winterthur mag die sechstgrösste Stadt der Schweiz sein, ist aber eben ein Vorort von Zürich.
Lattmann: Aber wir fühlen uns nicht so.
Mösli: Ich tue das auch nicht. Aber wirtschaftlich, politisch, kulturell ist ­Zürich wie ein schwarzes Loch, das alles aufsaugt . . .
Lattmann: . . . und das ist eine Tatsache, mit der wir uns abgefunden haben.
Mösli: Genau das ist das Problem. Und wenn wir nun auf den Sport kommen: Der Sport wäre für Winterthur eine Möglichkeit, eine Identifikation zu schaffen.

Die Handballer von Pfadi ­dominierten in den 1990er-Jahren. Wurde die Stadt deshalb anders wahrgenommen?
Lattmann: Im Sport schon. Pfadi war die Nummer 1 nicht wegen der Stadt, sondern wegen einer einzigen Person . . .

. . . wegen Peter Spälti, des früheren Chefs der Winterthur-­Versicherungen.
Lattmann: Was im Handball möglich war, wäre es auch im Fussball, wenn man eine Person wie ihn finden würde.

Der FCW hat sie doch gehabt mit dem Unternehmer Hannes W. Keller.
Lattmann: Um Erfolg wie Pfadi haben zu wollen, war er nicht die richtige ­Figur. Er zeigte ein unglaubliches ­Engagement, vor allem finanziell. Aber er hatte nicht die Vision des Aufstiegs in die Super League. Weil er wusste, dass das nochmals viel mehr kosten würde. Er wollte lieber einen gesunden Verein.
Mösli: Spälti war alte Schule, er war als FDP-Nationalrat politisch und als Oberst militärisch an der Spitze. Er stellte etwas dar, er wollte den Erfolg, dieses Machtstreben besass er. Darum war Pfadi ein Vorzeigeclub.

Und Hannes W. Keller?
Mösli: Wenn statt ihm nochmals einer gekommen wäre, der aus Grössenwahn vom Aufstieg geredet hätte, wäre der Verein tot gewesen. Herr Keller stellte ihn auf ein neues Fundament.

Aber er war nie einer, der die ­Unterstützung von anderen wollte.
Mösli: Er war ein Patron, der sich entschieden hatte, den Verein ­allein zu ­führen, und zog die Konsequenzen daraus. Es ist ja einmalig, wenn ein Präsident eine Defizitgarantie gibt, sogar für die beiden ersten Jahre nach seinem Rücktritt. Es ist jetzt unsere Aufgabe, eine Lösung zu finden, wenn er ab nächstem Sommer endgültig nicht mehr zahlt.

Daniel Rasljic, ein solcher Präsident müsste für Sie ein Traum sein.
Rasljic: Ich weiss nicht, ob man langfristig ohne so jemanden im Sport existieren kann. Es braucht solche Fanatiker.
Lattmann: Ohne sie geht es nicht. ­Wir Handballer von Yellow sind ein Beispiel. Da sind jetzt ­ältere Herren dabei, die in ihrem Beruf etwas geworden sind. Und wenn Yellow einmal finanzielle Probleme hat, bereinigt man das. Was aber auch uns fehlt, ist ein Hauptsponsor, eine Firma, die sagt: Das machen wir jetzt.

Woher soll das Interesse dafür kommen?
Lattmann: Ich komme auf Spälti zurück. Er war der Chef von Pfadi, aber er spendete nebenbei auch den grössten Betrag für den FCW, ohne dass das ­irgendwo gross erwähnt worden wäre.

«Damals konnte man im Fussball noch mit viel weniger Geld ‹gutschiere›»Andreas Mösli, Geschäftsführer des FCW

Wie viel war denn das?
Lattmann: 100'000 Franken. Von Sulzer kamen 40'000. Und von Reinhart vielleicht weitere 40'000. Mein Stolz war es, Hugo Erb als Hauptsponsor ­gewonnen zu haben, das war etwas ­Unglaubliches. Erb war einer wie Keller in den letzten Jahren.
Mösli: Man darf nicht vergessen: Damals konnte man im Fussball noch mit viel weniger Geld «gutschiere». Heute sind wir im internationalen Vergleich mit einem Budget von 4 Millionen ein Zwerg.
Rasljic: Im Basketball braucht es eine halbe Million, um in der NLA mitspielen zu können. Die Grossen im Tessin und in der Romandie haben über eine Million. Wir haben so um die 300'000 Franken für die erste Mannschaft.
Mösli: Zahlt ihr offiziell Löhne?
Rasljic: Wir haben vier Profis. Ohne sie brauchst du gar nicht erst anzutreten. Aber darum geht es gar nicht.
Mösli: Basketball soll in der Deutschschweiz besser verankert werden . . .
Rasljic: . . . genau . . .
Mösli: . . . von daher ist das wie ein Experiment. Ihr bekommt sicher Hilfe von der Liga.
Rasljic: Nein.
Mösli: Ist es denn nicht so, dass euer Mitmachen erwünscht wird?
Rasljic: So wird das dargestellt. Aber so ist es nicht. Wir haben unser Projekt selbst ins Leben gerufen.
Mösli: Wieso machst du das?
Rasljic: Ich komme aus einem Basketballland, aus Kroatien, und ich kann nicht verstehen, dass es Basketball hier nicht wirklich gibt. Der Vater muss seinem Sohn den Sport weitergeben. Sonst kann er nicht überleben. Ich sehe all die Handballtore in der Stadt, aber auf die wird «tschuttet». Das zeigt mir, dass es hier nicht natürlich ist, dass die Kinder miteinander Handball spielen.

Und Basketball erst recht nicht?
Rasljic: Dabei ist es doch so: Jeder will irgendetwas in einen Korb werfen, und wenn es nur ein Abfallkorb ist. Im Tessin spielen wir vor 1000 Leuten, hier vor 150, 200. Da stimmt einfach etwas nicht.

Sie, Peter Lattmann, müssen sich an Ihre Gründerzeiten mit Yellow erinnert fühlen.
Lattmann: Ja, ja. Innert weniger Jahre wurde aus einer Schüler- eine NLA-Mannschaft. Als wir gegen Pfadi spielten, hatten wir 2000 Leute. Da war die Hütte voll.

Und was würden Sie Daniel Rasljic raten, um existieren zu können?
Lattmann: Ein Budget bis 300'000 Franken bringt man dank des Umfeldes zusammen. Die Frage ist: Wie kommt man zu mehr? Und die Antwort ist: Ohne Hauptsponsor geht es nicht. Ich betreue einen kleinen Kart-Fahrer, den Sohn des Rosenverkäufers in der Stadt, der ist 14 und braucht im Jahr 100'000 Franken. Sonst kann er nicht fahren. Oder nehmen wir Pfadi. Das ist auch ganz anders als früher. Keiner arbeitet mehr freiwillig, nicht wie wir damals bei Yellow, als jeder Fronarbeit leisten musste. Wer solche Leute nicht hat, hat als Verein ein Problem. Darum schiebt Pfadi jetzt 1,5 Millionen Schulden vor sich her.
Mösli: Wer Spitzensport betreiben will, braucht Profis. Aber sobald sie da sind, sagen die anderen: «Wieso sollen wir gratis etwas machen?» Im Fussball ist das extrem. Da haben ohnehin alle das Gefühl, es gehe um Millionen. Keiner fragt mehr: Was kann ich machen? Jeder fragt: Was bekomme ich?
Rasljic: Auch wir brauchen 15 Leute, um einen Match durchführen zu ­können: für die Eingangskontrolle, die Livestatistik, als Offizielle, für den Aufbau der ­Tribünen. Und keiner wird bezahlt.

«Wer in einem Land aufwächst, wo der Sport etwas bedeutet, verliert seine Emotionen nicht.»Daniel Rasljic, Basketballtrainer

Wieso machen es die Leute dann?
Rasljic: Vielleicht sehen sie mich zu sehr leiden und wollen helfen (lacht). Aber wer in einem Land aufwächst, wo der Sport etwas bedeutet, verliert seine Emotionen nicht. Es ist ein Leben mit seinem Sport, es ist ein Wettbewerb, und es geht um den Willen, mit dem Basketball hier etwas zu erreichen.

Ihre Frau ist Präsidentin. Ist sie das Ihretwegen?
Rasljic: Sie unterstützt mich. Es ist nicht so, dass der Club nur aus ihr und mir besteht. Sie hat jetzt einfach diese Funktion übernommen. Meine Mutter daheim in Kroatien erzählte mir: Als Barcelona nach Zadar kam, war die Schule am Matchtag zu. Man merkte im Ort: Oh, jetzt ist etwas los. So wird es hier nie sein. Aber ich hoffe trotzdem, dass eine Basketballkultur entsteht.

Die Stadt hilft den Sportvereinen mit 200'000 Franken im Jahr.
Mösli: Letzthin wurden die Fussballclubs für ihre Juniorenausbildung ausgezeichnet – mit 10'000 Franken, die sich acht Vereine teilen mussten. Das ist eine nette Geste, mehr nicht.
Lattmann: So schlecht müsst ihr die Stadt jetzt nicht machen. Immerhin hat sie das beste Fussballstadion im Kanton. GC hätte es schöner hier.
Rasljic: Mit 5000 Zuschauern im Letzigrund ist es auch peinlich.
Mösli: Ich möchte nicht für eine ­Sekunde mit Zürich tauschen. Man kann im Tagi schon schreiben: «B-Stadt Winterthur». Aber unser Stadion ist genau das Produkt von der Mentalität der Menschen in Winterthur. Dass es in Zürich kein richtiges Fussballstadion gibt, hat eben auch mit der Mentalität der Leute zu tun. Jeder ist selbst verantwortlich. Wir wehrten uns gegen die Pläne der Liga, es brauche 10'000 Sitzplätze. Eine neue Gegen­tribüne reicht uns völlig. Es ist ein Vorteil, wenn man etwas bescheidener ist. Da kann man noch lange lachen über unsere Mentalität. Auch gegen den FCZ werden wir am nächsten Montag eine super Stimmung auf der Schützi haben.
Lattmann: Ich versuchte, ein wenig ­visionärer zu denken (schmunzelt), und war deshalb ein Befürworter des neuen Stadions an der Autobahn. Ich muss zugeben, ich lag falsch. Besser als jetzt kann es nicht sein.
Rasljic: Also ist die Challenge League top-top – und ihr wollt gar nicht darüber hinaus?
Mösli: Perfekt ist es nicht. Als ich 2002 hier anfing, sagten alle: «Ach, die Schützi! So eine Katastrophe! Alles fällt auseinander!»
Lattmann: Es war auch so.
Mösli: Aber wir versuchten, etwas Positives zu schaffen. Und heute ist die Schützi Kult. Wir haben die passende Fankultur darum herum gebaut. Das ist wichtig: dass man aus dem, was man hat, das Beste zu machen versucht. Die Leute schätzen, dass hier mit Herzblut gearbeitet wird. Und es ist einfach so: Solche alten Stadien haben eine Seele.
Rasljic: Du sagst, eine Kultur gebaut. Wie geht das?
Mösli: Unsere Chance war, dass der Verein um die Jahrtausendwende eigentlich tot war. In der ersten Saison des Neubeginns hatten wir einen Schnitt von 500 Zuschauern. Es ging familienmässig zu und her. Wir konnten ­machen, was wir für richtig hielten, und etwas Nachhaltiges aufbauen.

«Vom Aufstieg zu reden, ist im Moment lächerlich. Wir wissen doch, dass wir dafür nicht genug Geld haben.»Andreas Mösli, Geschäftsführer des FCW

Jetzt muss der FCW nur irgendwann wieder einmal aufsteigen.
Mösli: Uns wird oft nachgesagt: Ihr wollt das gar nicht, ihr Schlafmützen. Es geht doch nicht darum, dass wir nicht wollen. Vom Aufstieg zu reden, ist im Moment lächerlich. Wir wissen doch, dass wir dafür nicht genug Geld haben. Ohne Geld hast du nicht die Mannschaft, die dafür gut genug ist.
Lattmann: Dafür seid ihr jetzt nicht mehr weit vom Abstiegskampf weg.

Wie ist das nun bei der Geldsuche? Geben sich die Clubs bei potenziellen Sponsoren die Klinke in die Hand?
Lattmann: Das Problem ist, dass es die KMU allen recht machen wollen und bei allen «äs bitzeli» dabei sind, also beim Fussball, beim Eishockey und beim Handball.
Mösli: Von welchen Beträgen reden wir denn da? Von 10'000 Franken.

Dabei gäbe es in der Stadt Firmen mit Milliardenumsätzen und Milliardengewinnen wie Axa-Winterthur.
Mösli: Was hat die Versicherung noch mit Winterthur zu tun? Ausser mit dem Namen nichts. Das ist ein Weltkonzern, der zufällig noch hier ist. Sein Horizont ist die Welt. Darum erhält der FCW aus seinem Vergabetopf 5000 Franken. Es gibt halt keinen Spälti mehr.
Lattmann: Bei Sulzer ist es das Gleiche. Und Spälti konnte dem Chef von Rieter sagen: «Du musst auch mitmachen.» Das war der alte Machtzirkel, der spielte. Mösli: Axa ist heute französisch. Oder Sulzer, der Name ist noch da, aber in der Stadt wird der Konzern immer kleiner.
Lattmann:
Als ich für die Tour-de-Suisse-Ankunft 1986 in Winterthur einen Hauptsponsor suchte, ging ich zu Spälti. Unten in der Türe dachte ich: Ich brauche 25'000 Franken. Dann sagte ich: Ich brauche 100'000. Raus kam ich mit 70'000. So etwas war dazumal möglich.

Daniel Rasljic, wo kratzen Sie das Geld zusammen?
Rasljic: Bei den meisten Sponsoren ist es so, dass der Junior bei uns spielt. Die sehen dann: Okay, die arbeiten hart, die schmeissen nicht mit dem Geld um sich.
Mösli: Anders geht das gar nicht. Und der Kampf ist gross. In Winterthur ­haben wir den FCW und zehn andere Fussballclubs, alle auch mit einem Budget von 100'000 oder 200'000 Franken. Wir haben Pfadi und Yellow, Unihockey bei Frauen und Männern, wir haben Eishockey in der NLB, Basketball, Rugby, American Football, Wasserball. Jeder will etwas, aber die Industrie ist globalisiert und verliert den Bezug zur Stadt.

Warum hat sich die Industrie nie für den Sport eingesetzt, der das Freizeitvergnügen seiner Arbeiter war?
Lattmann:
Das Engagement der alteingesessenen Familien, angeführt von Reinhart, gehörte der Kultur. Da haben sie viel mehr investiert.
Mösli: Bilder machen keinen Lärm.
Lattmann: Und du hast sie immer. Die reichen Leute dachten zu wenig für die Büezer.

Wie war das in den Anfangszeiten von Yellow? Mitspielen durfte nur, wer die Matura hatte.
Lattmann: Wir kamen alle aus dem Gymi. Es gab diese Vorschrift, ja.
Mösli: Ist ja klar. Beim Handball brauchst du die Hände. Beim Arbeiten brauchst du sie auch. Wer mit den Händen arbeitet, spielt Fussball. Und wer die Hände zum Arbeiten nicht braucht, spielt Handball.

Das ist eine grandiose Theorie.
Mösli: Sie ist mir gerade in den Sinn gekommen. (lacht)
Lattmann: Bei mir stimmte sie.
Rasljic: Es ist für mich ein Rätsel, wieso man die Hände im Sport nicht gebrauchen soll. Hier hast du doch das meiste Feingefühl. Aber was heisst das für den Profifussballer? Dass er nie arbeiten muss?
Mösli: Das ist sein Ziel. Das Ziel der Arbeiterklasse war immer, sich von der Handarbeit zu befreien, Fussball zu spielen und damit Geld zu verdienen.

Wo bleibt die Hilfe der Politik? Lattmann: Die Stadt hat ja kein Geld.
Mösli: Zählt mir nur fünf Gemeinderäte auf, die wirklich mit Herzblut für den Sport sind.
Lattmann: Dafür haben wir jetzt den höchsten Schweizer Sportler.
Mösli: Nichts gegen Jürg Stahl (Präsident von Swiss Olympic). Aber was hat die Politik in den letzten zehn Jahren konkret für den Sport in Winterthur getan? Da fällt mir nicht so viel ein.
Rasljic: Im Sport leisten wir einen enormen Beitrag zur Integration von Kindern von Secondos, bei uns sind es viele vom Balkan. Im Sport haben viele doch das erste Mal das Gefühl, gemeinsam etwas zu machen. Ich weiss nicht, ob sich die Politik genug überlegt, wie wichtig dieser Teil unserer Arbeit ist.
Mösli: Die Politik ignoriert diese Fakten. Wenn die Sportvereine nicht wären, hätten wir . . .
Rasljic: . . . ein paar soziale Probleme mehr.
Lattmann: Stellen wir uns einfach vor, es gäbe die Jugendarbeit der Sportvereine nicht. Wo wären all die Kinder? Bei den meisten, die sich für den Sport entscheiden, kommt es gut heraus. Die ­machen wenigstens keinen Blödsinn.
Rasljic: Bei uns funktioniert es, dass Kroaten und Serben zusammenspielen. Oder es gibt den Jungen, der in den ersten Trainings immer knapp vor einer Schlägerei war. Der hatte eine schlechte Sozialprognose, bevor er zu uns kam. Und heute nimmt er die Leibchen nach Hause, um sie zu waschen.

«Stellen wir uns einfach vor, es gäbe die Jugendarbeit der Sportvereine nicht. Wo wären all die Kinder?»Peter Lattmann, ehemaliger Handballer

Wieso funktioniert das im Sport? Mösli: Wenn du gemeinsame Ziele, Vorstellungen und Ideale hast, ist dir doch gleich, wo der andere herkommt.
Rasljic: Um nochmals auf die Stadt zu kommen: Wir haben wahnsinnige Hallenkosten, wenn ich das zum Beispiel mit Basel vergleiche. Wir müssen ganze Tribünen aufbauen, wir haben viel zu wenig Möglichkeiten für Trainings, noch viel weniger als der Handball. Die neuen Hallen werden von den Ausmassen her so gebaut, dass man im Basketball kein Nationalligaspiel austragen kann: Wand, Spielfeld, fertig. Zuschauer finden keinen Platz. Alles ist für den Schulsport konzipiert. Dabei wäre es so wichtig, zwei, drei richtige Spielstätten für den Sport zu haben.
Mösli: Viele Politiker sagen: Ja, der Breitensport . . . ! Und denken gleichzeitig: Der Spitzensport hat eh genug Geld, der kann für sich selbst schauen. Da merkst du, dass das Verständnis für den Sport fehlt. Im Fussball haben wir enorm Probleme. Viele Clubs nehmen keine Junioren mehr auf, weil sie keine Kapazitäten mehr haben. Man baut nun eine Halle, super. Aber was ist die Folge? Dadurch verliert man zwei Fussballplätze, die nicht ersetzt werden.

Sie sagen, der Sport könnte etwas an der Identifikation des Winterthurers mit seiner Stadt ändern. Könnte aber nicht auch sein, dass ihm ganz wohl ist so, wie es ist?
Mösli: Jede Stadt hat die Sportvereine, die sie verdient. Wir sind ein Produkt dieser Stadt. Und wenn wir nicht Spitze sind, liegt das auch an den Leuten und der Mentalität der Stadt. Eine grundsätzliche Sportbegeisterung des Winterthurers gibt es nicht – vielleicht daheim vor dem Fernseher mit Bier und Salznüssli. Aber sonst musst du ihm etwas bieten, damit er an ein Spiel geht. Das ist der Nachteil der Büezerstadt-Mentalität.
Rasljic: Auch wir planen Aktionen, damit wir nicht weniger als 200 Zuschauer haben. Nur den Match allein können wir nicht verkaufen. Das ist zu wenig Unterhaltung. Es braucht dazu zum Beispiel noch eine Dance-Crew, damit die Familienmitglieder der Mädchen kommen.

Sie verlieren mit den Männern Spiel um Spiel. Wie lange geben Sie sich, um Ihr Ziel zu erreichen und ­Basketball zu etablieren?
Rasljic: Diese Saison und die nächste. 2018 wechseln wir in die neue Halle in Hegi. Entweder haben wir bis dahin eine Basis mit 700, 800 Zuschauern. Oder sonst müssen wir eingestehen: Wenn es nicht geht, geht es halt nicht.

Und Sie hören auf und müssen zugeben, dass Ihre Arbeit für nichts gewesen ist?
Rasljic: Für nichts? Ich habe meine Frau in diesem Sport kennen gelernt.
Mösli: Ziel erreicht. (schmunzelt)
Rasljic: Ich wünsche mir, dass ich erreiche, was ich mir vorstelle. Und wenn nicht, ist es ja nicht so, dass ich in meinem Leben keinen Inhalt hätte. Ich kämpfe einfach weiter.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.12.2016, 17:48 Uhr

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Challenge League

36. Runde

03.06.FC Aarau - Neuchatel Xamax FCS2 : 0
03.06.FC Wil 1900 - FC Schaffhausen2 : 1
03.06.FC Winterthur - FC Chiasso3 : 1
03.06.FC Zürich - FC Wohlen3 : 0
03.06.FC Le Mont LS - Servette FC0 : 1
Stand: 03.06.2017 19:48

Rangliste

NameSpSUNG:EP
1.FC Zürich36267391:3085
2.Neuchatel Xamax FCS36227766:3673
3.Servette FC361881055:4362
4.FC Schaffhausen361631764:5951
5.FC Aarau361361757:6445
6.FC Winterthur361181745:6241
7.FC Wohlen361232142:6039
8.FC Chiasso369101743:6337
9.FC Le Mont LS368111731:5435
10.FC Wil 1900361071935:5834
Stand: 03.06.2017 19:48

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