Er kämpft mit Schlitzohren, dem VAR und Fan-Anfeindungen

Ein Spieltag im Leben des Super-League-Schiedsrichters Alessandro Dudic.

Der Job des Schiedsrichters: Alessandro Dudic in Aktion. (Foto: Michele Limina)

Der Job des Schiedsrichters: Alessandro Dudic in Aktion. (Foto: Michele Limina)

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Der Mann, der die Fussballer draussen auf dem Rasen nach seiner Pfeife hat tanzen lassen, ist jetzt in der Rolle des Schülers.

Alessandro Dudic sitzt am letzten Sonntagabend in der Schiedsrichterkabine des FC Basel und hört zusammen mit seinen Assistenten den Ausführungen des Inspizienten Andreas Schluchter zu. Basel - Xamax 1:1, ein Schönheitspreis sei nicht zu gewinnen gewesen, sagt Schluchter. «Aber du hast das Spiel seriös runtergepfiffen.»

Dudic analysiert seine Leistung selbstkritisch, sagt einmal, er habe sich zu stark von Emotionen leiten lassen. Und Schluchter, in der Branche seit Jahrzehnten als Referee sowie in der Ausbildung unterwegs, erinnert sich nicht daran, einmal einen Match mit derart vielen Unsportlichkeiten gesehen zu haben.

Später beim Nachtessen sagt Dudic: «Meine Ziele sind immer, das Spiel unter Kontrolle zu haben, kein Thema zu sein und Spass zu haben.» Der Heimclub ist in der Super League verpflichtet, die Spielleiter nach einer Begegnung zu verpflegen. Bei den Young Boys in der VIP-Lounge des Stade de Suisse, in Lugano gibt es ein Sandwich, in Basel lädt der Schiedsrichterbetreuer in eine Pizzeria in Muttenz ein. An den Nebentischen sitzen FCB-Fans, einige erkennen die Unparteiischen, ein paar wüste Beleidigungen («Schiri, du Arschloch!») sind zu vernehmen.

Beim Nachtessen: Alessandro Dudic und Inspizient Andreas Schluchter. (Foto: Michele Limina)

Alltag für Dudic. Er reagiert nicht einmal.

Auf der Heimfahrt sagt der 30-Jährige, solche Anfeindungen gehörten dazu. «Wer das nicht aushält, muss gar nicht erst Schiedsrichter werden.» Dudic ist müde, mehr mental als körperlich, sein 13. Spiel in der Super League war anstrengend, jeden Tag pfeift er nicht vor 18'000 Zuschauern. «Auch heute habe ich wieder einiges gelernt, vor allem im Umgang mit den Spielern», sagt er. Und bei der Ankunft zu Hause um 22.15 Uhr fragt er: «Verlief der Tag ungefähr so, wie Sie es sich vorgestellt haben?»

Die Vorbereitung: Mehrere Sets Gelber und Roter Karten dabei

Der Tag mit vielen interessanten Einblicken beginnt elf Stunden vorher in Alessandro Dudics Wohnung in einem ruhigen Vorortquartier Berns. Sie ist sauber und bemerkenswert gut aufgeräumt für einen jungen Mann, der allein lebt. Ordnung muss bei einem Schiedsrichter offenbar sein. Fein säuberlich verstaut Dudic mehrere Sets Gelber und Roter Karten, die Fahnen für die Assistenten, zwei Funksysteme, falls das neu eingesetzte VAR-Headset nicht funktionieren sollte. Er trägt Anzug und schicke Schuhe, fährt selber nach Basel.

Ordnung muss sein: Der Schiedsrichter verstaut mehrere Sets farbiger Karten. (Foto: Michele Limina)

Dudic ist der Sohn einer Spanierin und eines Serben und trägt den Vornamen eines Italieners. Es ist ein Kompromiss der Eltern: Die Mutter will ihn Alejandro taufen und der Vater Aleksandar, man einigt sich auf Alessandro. Als Bub kickt er mit Begeisterung, die Qualitäten aber sind beschränkt. Weil der Vater seit langem Schiedsrichter ist und die Faszination für den Fussball gross, beginnt Dudic mit 16 ebenfalls mit der Pfeiferei. 70 Franken erhält er pro Partie.

Juniorenfussball, Firmenfussball, 5. Liga: Dudic pfeift alles, Stufe für Stufe geht es hoch, sein ­Talent wird erkannt und er gefördert. In den Hunderten von Begegnungen, die er im Amateurbereich leitet, ist er nur zweimal mit ernsthaften Schwierigkeiten konfrontiert: einmal wegen einer Schlägerei unter den Spielern, einmal wegen eines Fussballers, der ihn angreifen wollte. «Fussball ist wie das Leben», sagt er während der Fahrt nach Basel. «Es geht manchmal rau zu und her, aber die Spieler sind Menschen, die man immer mit ­Respekt behandeln muss.»

Die Fahrt nach Basel: Dudic lenkt das Auto selbst. (Foto: Michele Limina)

Nach dem Gymnasium studiert Dudic Jura, Rechtsprechung hilft auch als Schiedsrichter. Und parallel geht es durch die Spielklassen nach oben. Dudic ist 191 Zentimeter gross, das hinterlässt Eindruck, er ist besonnen, freundlich, offen. «Man muss auf die Fussballer eingehen, sie mitnehmen», sagt er.

Die Vorbesprechung: Zentral sind die schwierigen Fussballer

Dudic sitzt nun in der Lobby eines Hotels nahe dem St.-Jakob-Park. Treffen mit den anderen Schiedsrichtern, Matchvorbesprechung. Genau ein Jahr zuvor wurde Dudic bei Thun - Xamax (2:2) erstmals in der Super League eingesetzt, er ist auf diesem Niveau immer noch unerfahren. «Es gibt so viele Aspekte. Nicht nur die technischen wie Regelkunde und Laufwege, sondern auch psychologische wie das Management mit den Spielern, die Körpersprache, der Durchhaltewille.» Man dürfe die Konzentration 90 Minuten plus Nachspielzeiten keine Sekunde verlieren. «Eine kleine Unachtsamkeit meinerseits lässt ein ruhiges Spiel sofort in ein Theater ausarten. Unser Einfluss ist eine grosse Verantwortung.»

Die Assistenten treffen ein. Remy Zgraggen, 38, über 170 Super-League-Partien. Jonas Erni, 27, rund 40 Begegnungen im Oberhaus. Vladimir Ovcharov, 41 und gebürtiger Bulgare, in der Funktion als vierter Offizieller jedes Wochenende unterwegs. Man kennt sich, obwohl das Quartett noch nie zusammen im Einsatz stand. «Boys», sagt Dudic, «Xamax hat unter der Woche 0:6 im Cup in Lausanne verloren. Die werden sich wehren.» Ein zentraler Punkt bei der Vorbereitung sind die Key Player: wichtige, für Schiedsrichter manchmal schwierige Fussballer. Hitzköpfe, Schlitzohren, Dauerquassler. Jeder Fan weiss: Die Basler Taulant Xhaka und Valentin Stocker sowie der Xamaxien Raphael Nuzzolo können unbequem sein.

Die Besprechung: Man kennt sich. (Foto: Michele Limina)

Dudic war vierter Schiedsrichter, als Nuzzolo im Mai im Barrage-Heimspiel von Xamax gegen Aarau (0:4) von Stephan Klossner des Feldes verwiesen wurde. Der Schiedsrichter sagte, Nuzzolo habe ihn angespuckt, der Fussballer ­dementierte, Dudic erklärt, er habe nichts mitbekommen, zweifle aber nicht an Klossners Integrität. Mehr möchte er dazu nicht sagen. Nuzzolo wurde später freigesprochen, dieses Urteil untergrub die Autorität der Schiedsrichter. Klossner tritt per Ende Jahr zurück.

Auf der kurzen Fahrt ins Stadion erzählt Dudic von seinen heikelsten Aufgaben in der Super League. Er war Referee bei Luzern vs. GC (4:0) im Frühling, als er das Spiel wegen tobender Ultras der Grasshoppers abbrechen musste. Und Thun gegen Xamax (2:2) im Sommer sei hart gewesen, als er in der Schlussphase gleich zwei Rote Karten gegen Neuenburger Spieler gezückt habe. «Sie waren berechtigt, aber ich habe unter den Schiedsrichtern den Spitznamen Lucky Luke, weil ich die Karten angeblich manchmal schnell zücke», sagt er schmunzelnd.

Vor dem Spiel: Die Linien auf dem Feld sind schlecht gezogen

Dudic steuert sein Fahrzeug in den Bauch der Arena, näher am Spielfeld parkiert keiner. Dann geht es in die Kabine, normalerweise ist das eine heilige Zone und journalistenfrei. Raus ins Stadion, es regnet jetzt stark, bei der Platzbegehung unter Regenschirmen fallen Dudic die schlecht gezogenen Linien auf, er ordnet sofort an, dass der FCB nachbessern müsse.

Später sitzt Dudic in der Garderobe. Umziehen, aufwärmen, fokussieren, er trägt Kopfhörer und hört Musik, Rituale pflegt der Berner nicht, bevor er rausgeht und die Teams aufs Feld führt. «Ich habe mir meinen Traum erfüllt mit dem Aufstieg in die Super League», sagt er. «Es war ein langer Weg. Pro Woche sind es heute rund 20 Stunden, die ich mit Training, Fortbildung und Einsätzen verbringe.»

Darum hat er seine Arbeit als Jurist bei einer Rechtsschutzversicherung von 80 auf 60 Prozent reduziert. Irgendwann möchte er als Halbprofi tätig sein, er ist einer der aufstrebenden Schweizer Schiedsrichter, das Honorar von 1250 Franken (plus Spesen und Essen) für die Leitung einer Super-League-Partie sei okay, sagt er, und der VAR eine gute Sache, weil man krasse Fehler eliminieren könne.

Die erste Halbzeit: «Nuzzolo, c’est fini maintenant!»

Und dann geht es los. Alle sechs Spielleiter und der Journalist sind verkabelt, mit VAR Stefan Horisberger und dessen Assistent Sven Wolfensberger ist Dudic befreundet, die beiden sitzen vor dem TV in Volketswil. «Let’s go, boys», sagt der Schiedsrichter, «lasst uns das Spiel geniessen.» Die Fussballer duzt er und ruft sie mit dem Nachnamen («Zuffi, wart no mit em Freistoss»). Ständig redet einer der Referees. Sie sichern sich ab, verteilen bei Eckbällen die Beobachtung von Akteuren, achten auf die Key Player, kommentieren sogar pointiert Aktionen. Der VAR schaltet sich angenehm zurückhaltend ein.

Die Begegnung auf tiefem Terrain ist umkämpft. Xamax spielt aggressiv, Nuzzolo, natürlich er, fällt früh mit zwei Aktionen im Basler Strafraum auf, das Schlitzohr sucht den Elfmeter, «Schwalbe!», ruft einer. Dudic rutscht beim zweiten Mal ein «Ig ha d Schnurre voll» raus, er zeigt dem Xamax-Routinier die Gelbe Karte. «Nuzzolo, c’est fini maintenant!»

Der Referee zum Spieler: «Nuzzolo, c’est fini maintenant!» (Foto: Michele Limina)

Bald darauf erzielt Nuzzolo das 1:0 für die Gäste, es ist ein herrlicher Treffer. Pfiffe von den Rängen, Xamax verlegt sich früh aufs Zeitspiel, Arbenit Xhemajli drischt den Ball nach einem Foulpfiff gegen sich verärgert fast übers Stadiondach. Dudic verwarnt ihn, keine drei Minuten später leistet sich Xhemajli erneut ein – diesmal dezentes – Ballwegschlagen. «Streng genommen Gelb», sagt Dudic, aber er beweist Fingerspitzengefühl, die zweite Verwarnung muss klar sein, spielt nicht Lucky Luke, ermahnt den Xamax-Verteidiger: «Ich habe es genau gesehen. Noch einmal, dann gibts den Platzverweis.»

Die zweite Halbzeit: «Tägg!», ruft Dudic, wenn er Gelb zieht

Intensität und Nickligkeiten nehmen zu, ständig sind Spieler bei Dudic, beschweren sich, Nuzzolo gibt den Dauerquassler. Der Schiedsrichter beruhigt, spricht auf Deutsch, Französisch, Spanisch, Englisch, je nach Adressat. Die Pause kühlt die Gemüter nicht runter, es geht hektisch weiter. «Gang ändlech use», sagt Dudic, als Charles-André Doudin bei seiner Auswechslung aufreizend langsam vom Feld spaziert. Dann sprintet er zur Nummer 10 von Xamax: «‹Ça suffit», er zieht Gelb beinahe schneller als sein Schatten und ruft: «Tägg!»

Die Gelbe Karte: Er muss sie oft ziehen. (Foto: Michele Limina)

Sowieso: dieses «Tägg!». Es kommt bei jeder Verwarnung und unterstreicht die Emotionalität ­Dudics. «Ich hätte ruhiger bleiben sollen», sagt er. «Aber man ist manchmal wie in einem Film.»

Basel drückt auf den Ausgleich, Stocker wird eingewechselt, Xamax verteidigt mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln, Dudic hat alles im Griff. Basel gelingt das 1:1, noch eine Viertelstunde, Stocker sucht den Elfmeter, ein Kontakt ist da, «zu wenig», ruft Dudic sofort, Assistent Erni bestätigt. Das Pfeifkonzert ist laut, die Basler toben, der bisher ruhige Hitzkopf Xhaka rennt über den halben Platz zu Dudic, dieser erklärt den aufgebrachten FCB-Akteuren, der Videoschiedsrichter sei am Kontrollieren. Das signalisiert er auch dem Publikum. Das Zeichen aus Volketswil kommt, «Alles gut», wobei der VAR einen Elfmeterpfiff wohl nicht revidiert hätte. «Es gibt 50:50-Situationen», sagt Dudic später, «für mich war es einfach zu wenig.» Schluchter lobtdie Courage, im St.-Jakob-Park nicht auf Penalty für den FCB entschieden zu haben.

Der VAR: Neuer Begleiter für die Super-League-Schiedsrichter. (Foto: Michele Limina)

Noch fünf Minuten Nachspielzeit. Basel drückt vehement, auch Xamax-Goalie Matthias Minder, der für den verletzten Laurent Walthert eingewechselt wurde, wird wegen Zeitschindens verwarnt. Es ist die achte und letzte Gelbe Karte.

Und es bleibt beim 1:1. Nach dem Schlusspfiff kommt kaum ein Spieler zum Handshake. Dudic nimmt es gelassen. «Es war ein aufwühlendes Spiel. Auch ich brauche Zeit, um runterzukommen», sagt er, «und werde die Partie in Ruhe analysieren.» Deshalb nimmt er am Montag immer frei. Mitte Woche wird Dudic seine Spielnote erhalten, es ist ein B, das bedeutet «gut», die Potenzialnote ist gar ein A, «sehr gut», dort wird bewertet, wie die Fähigkeiten grundsätzlich waren.

Alessandro Dudic ist seinem grossen Ziel, Fifa-Schiedsrichter zu werden, einen kleinen Schritt näher gekommen.



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Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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Erstellt: 10.11.2019, 13:05 Uhr

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