«Man muss uns nicht sagen, was zu tun ist»

Slawa Bykow, einst im Eishockey ein Weltstar, ist ein Russe mit Schweizer Pass. Er verteidigt die Politik von Präsident Wladimir Putin.

«Die grössten Feinde eines Sportlers sind Faulheit und Eifersucht», sagt Slawa Bykow. Foto: Raffael Waldner (13Photo)

«Die grössten Feinde eines Sportlers sind Faulheit und Eifersucht», sagt Slawa Bykow. Foto: Raffael Waldner (13Photo)

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Morgen Sonntag endet in Moskau die Fussball-WM mit dem Final. ­Betrachtet die Welt Russland nach den vergangenen viereinhalb Wochen mit anderen Augen?
Ich hoffe es. Im Vorfeld wurde leider ziemlich aggressiv Stimmung gemacht gegen die Russen. Viele haben nun ein anderes Bild von Russland, von den Menschen, die da leben. Und man sieht, wozu das Land imstande ist – zu Grossem. Es ist ein Unterschied, ob ich in der Zeitung lese oder mit eigenen Augen sehe, wie es da ist.

Haben die Besucher tatsächlich die Realität erlebt?
Vielleicht nicht zu hundert Prozent. Es war ein mehrwöchiges Fest, alles ist nett und ausgelassen. Logischerweise will ein Gastgeber in dieser Zeit nur sein bestes Gesicht zeigen. Ich behaupte nicht, dass Russland ein perfektes, makelloses Land ist, nein, auch Russland hat seine Schwierigkeiten. Die Wirtschaftslage muss sich verbessern, das soziale Leben, die Korruption ist ein grosses Problem. Das müssen wir nicht schönreden. Es ist auch nicht möglich, mit einer WM diese Probleme zu beheben. Aber welches Land hat keine Probleme? Wo gibt es keine Korruption? Wir kennen doch alle die Realität.

Wie reagieren Sie, wenn es heisst, Russlands Präsident Wladimir Putin sei ein Diktator?
Das Volk wählt ihn. Und die Ergebnisse zeigen, wie das Volk zu ihm steht. Sein Rating ist sehr hoch. Jedes Land hat sein politisches System. Wir haben nun einmal unseres.

Stört es Sie, wenn das russische ­System ausserhalb des Landes stark hinterfragt und kritisiert wird?
Glauben Sie mir: Die Russen und die Schweizer haben viele Gemeinsamkeiten. Wir lieben unsere Kultur und unsere Traditionen. Wir versuchen einfach, sie zu ­wahren und der nächsten Generation weiterzugeben. Man muss uns nicht sagen, was zu tun ist. Wir ­würden auch nie in ein anderes Land gehen und vorschreiben, dass dort ab jetzt so und so zu leben ist. Wir mischen uns nicht ein.

Und wie war das im Fall von Russland mit der Annexion der Krim?
Die Mehrheit der Russen war dafür. Auf der Krim leben viele Russen.

Oder was ist mit dem Syrien-Krieg, wo sich Russland beteiligt?
Da fragte uns die syrische Regierung um Hilfe. Von Russland wird oft kein gutes Bild gezeichnet, gerade in der westlichen Welt. Dabei ist doch klar: Russland ohne Europa, Europa ohne Russland, das geht nicht – wir müssen zusammen funktionieren. Ich erhoffe mir durch die WM eine weitere Annäherung.

War die WM nicht einfach eine ­Propagandaveranstaltung für Putin?
Nein. Es war Werbung für das ganze Land. Putin animiert die Leute zur Arbeit, er wünscht sich, dass jeder in seiner Rolle noch besser wird.

Sie kennen Putin seit Ihrer Zeit als Trainer der russischen Eishockey-­Nationalmannschaft. Wie ist er?
Einfach, zugänglich, ich habe mich in seiner Gegenwart gleich wohlgefühlt, als ich ihn 2006 erstmals traf. Er ist hyperintelligent und hyperinformiert. Er ist sehr dynamisch und arbeitet unheimlich viel – ich schätze meinen Präsidenten. Grosse Länder wie Russland brauchen solche Leute. Es ist dasselbe wie in einer grossen Firma: Auch da braucht es starke Persönlichkeiten, die den Wagen ziehen.

Sie besitzen seit 2003 auch den Schweizer Pass.
Darauf bin ich stolz.

Wie verfolgen Sie Spiele der Schweizer Mannschaft? Wie ein Fan?
Ja, solange sie nicht gegen Russland spielt. (lacht)

Die Schweizer lösten eine Debatte aus, als Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri den Doppeladler zeigten.
Diese Geste… (schüttelt den Kopf) Mir gefällt sie nicht. Nein, ich hätte mich nie dazu hinreissen lassen, so etwas entspricht nicht meiner Philosophie. Ich verstehe die Spieler, weil sie und ihre Familien eine besondere Geschichte haben. Aber man hat mir früh mitgegeben, dass man die Sportbühne nicht brauchen soll, um politische Botschaften loszuwerden.

«Die wahren Freunde streicheln einen nicht nur, sie sagen auch, wenn ihnen etwas nicht gefällt.»

War das hier für Sie der Fall?
Ja. Die Kontrolle über die Emotionen darf nicht verloren gehen. Wer dazu nicht in der Lage ist, begeht Fehler. Das ist wie vor einem Penaltyschiessen: Wer antritt, muss mental stark sein.

Und wenn Sie heftig provoziert werden, vor und während des Matchs?
Provokation ist eine Taktik, um jemanden zu destabilisieren.

Haben Sie sich nie provozieren lassen?
Sehr selten. Als Andrei Chomutow und ich in die Schweiz zum HC Fribourg-Gottéron kamen, waren wir etwas besser als der Durchschnitt.

Nett gesagt: etwas besser.
Ich bleibe mit beiden Füssen auf dem Boden. Der Gegner will gewinnen, mit den Mitteln, die er hat, und manchmal sind ihm ganz viele Mittel recht. Wir erhielten Schläge, wir wurden provoziert, und alles geschah mit der Absicht, uns aus der Ruhe zu bringen.

Aber die Provokationen der Serben gegen die Schweizer waren übel und nicht auf den Sport bezogen.
Das weiss ich schon. Trotzdem muss man sich selbst in so einer Situation beherrschen. Du siegst, schüttelst dem Gegner danach die Hand und schaust ihm tief in die Augen. So gewinnst du viel mehr. Aber jetzt ist eine Lawine losgetreten worden.

Dafür fehlten den Schweizern im Achtelfinal die Emotionen.
Ja. Und ich frage mich: Lag es daran, dass der Gegner nicht mehr Serbien hiess und wegen der Herkunft vieler Spieler nicht mehr besonders war?

Was ist Ihre Antwort?
Ich weiss es nicht. Wäre das aber so, wäre das unprofessionell. Es kann und darf nicht sein, dass in so einer wichtigen Partie die Emotionen nicht aufgebracht werden. Grundsätzlich verdient Vladimir Petkovic meine Bewunderung. Er hat eine charakterstarke Gruppe geformt, die Schweizer gelten nicht mehr als kleine Nummer, sie sind Wettkämpfer, die man überall ernst nimmt. Aber nach dem Spiel gegen Serbien muss irgendetwas passiert sein.

Was?
Es wurde verpasst, die Diskussion um den Doppeladler rasch zu beenden. Das Ganze kostete offenbar wahnsinnig viel Energie, man versäumte es, Ablenkung zu finden und sich schnell wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren. Vieles im Sport dreht sich um die Erwartungs­haltung. Auf höchstem Niveau muss man damit umgehen können, und es ist sogar von Vorteil, wenn es Druck gibt.

Warum?
Weil Druck einen zwingt, die Konzentration hoch zu halten.

Unabhängig davon, wie der Gegner heisst?
Ja, klar. Der erste Gegner bist du selber. Und wissen Sie, wer die grössten Feinde des Sportlers sind?

Nein.
Faulheit und Eifersucht. Wenn man sie bekämpft, bringt man es schon ziemlich weit, man hält quasi den Erfolgsschlüssel in der Hand. Und dann muss ein Profi den Ehrgeiz in sich haben, in jedem Moment zeigen zu wollen, dass er besser ist als sein Widersacher. Es ist nicht das Bankkonto, mit dem sich der Gegner bezwingen lässt. Die Lust auf den Sieg ist der Antrieb.

Kann man diesen Ehrgeiz, diesen Hunger trainieren?
Ja, in ganz jungen Jahren. Die Trainer, die Eltern, sie sind verantwortlich für diese Erziehung. Bei einem 20-Jährigen wird der Einfluss schwieriger, weil die Mentalität und der Charakter bereits geformt sind.

Aber wenn ein 15-Jähriger ständig hört, wie talentiert er ist, hilft das auch nicht gerade.
Natürlich nicht. Das ist sogar ein Problem. Die wahren Freunde streicheln einen nicht nur, sie sagen auch, wenn ihnen etwas nicht gefällt. Ein 15-Jähriger, der den Durchbruch schaffen will, ist auf ehrlich gemeinte Ratschläge angewiesen. Er muss aber auch lernen, Anerkennung und Ruhm richtig einzuordnen.

Was haben Sie in Ihrer Jugend gelernt?
Ich lernte, wie wichtig es ist, jederzeit den Gegner zu respektieren. Ich lernte, dass es auch in siegreichen Spielen Dinge gab, die nicht so gut waren. Ich lernte, mit wenig auszukommen. Weil wir keine Schoner hatten, schützten wir unsere Schienbeine mit Büchern. Und ich lernte zu arbeiten. Damals mussten wir das Eis selber machen und putzen, es gab keine Maschine, die das übernahm. Also spuckten wir auch nicht achtlos aufs Eis. Im Vergleich dazu ist heute alles anders. Das Leben ist geradezu einfach und süss.

Wann zeigt sich das?
Zum Beispiel, wenn ein Siebenjähriger zum Training kommt. Die Mutter trägt die Tasche, zieht ihn an oder reicht ihm noch ein Sandwich. Das ist alles okay, aber ab einem gewissen Zeitpunkt muss der Junior selbstständig werden. Er muss lernen, zu arbeiten, mit den Kollegen schwierige Momente zu meistern. Gleichzeitig soll er sich mit ihnen auch ausgiebig freuen dürfen.

In der Schweiz hat die Schule aber für die meisten Vorrang.
Die Schulpflicht ist etwas, das ich hier sehr gut finde. Als ich erstmals Junioren trainierte, forderte ich sie auf, einmal pro Woche ihr Notenheft mitzubringen. Ich kontrollierte, und wer gut abschnitt, durfte trainieren. Sie können sich vorstellen, wenn einer wieder nach Hause musste. Das gab Tränen!

Waren Sie ein guter Schüler?
Meine Mutter sagte immer: «Slawa, du kannst Fussball, Eishockey und mit deinen Freunden spielen – aber du musst gute Noten heimbringen, eine 4 oder eine 5.» Die Bestnote damals war eine 5. Ich beendete die Schule mit einem Schnitt von 4,25. Die Lehrerin sagte mir: «Slawa, du bist ein Vorbild für die anderen.»

Wer gewinnt den WM-Final?
Ich unterstütze Kroatien, glaube aber, dass Frankreich gewinnt.

Erstellt: 14.07.2018, 14:01 Uhr

Eine grosse Figur im Eishockey

Wjatscheslaw Arkadjewitsch Bykow stammt aus Tscheljabinsk. Er wurde mit der Sowjetunion viermal Weltmeister, dazu Olympiasieger 1988. 1990 wechselte Bykow vom ZSKA Moskau zu Fribourg und bildete mit seinem Landsmann Andrei Chomutow bis 1998 ein überragendes Duo. Von 2006 bis 2011 coachte er das russische Nationalteam. Heute ist der 58-Jährige Verwaltungsrat bei Gotte?ron und lebt in Marly FR. Sein Sohn Andrei spielt als Profi bei Gottéron. (red)

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