Mehr oder weniger geliebte Könige

Ein einarmiger Berner, ein französischer König und ein genervter Kampfrichter – Kurioses aus der Geschichte des «Eidgenössischen».

Wann hat es das gegeben? Christian Stucki küsst 2013 Sieger Matthias Sempach. Bild: Soland

Wann hat es das gegeben? Christian Stucki küsst 2013 Sieger Matthias Sempach. Bild: Soland

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1897Der nicht genehme Franzose

Das zweite «Eidgenössische» gewinnt Alfons Thurneysen. Der Turnerschwinger ist Franzose, ein ausländischer Sieger kommt den hohen Verbandsherren ungelegen. Und so wird ihm der Königstitel erst 32 Jahre später zugesprochen.

1919Zwei Könige zu später Stunde

Nach achtjähriger Pause infolge des Ersten Weltkriegs werden in Langenthal mit Gottlieb Salzmann und Robert Roth gleich zwei Berner zum König gekürt. Auf einen zusätzlichen Kampf wird am späten Abend verzichtet, Priorität hat, dass sämtliche Schwinger noch am selben Abend wieder heimreisen können.

1950Gestellter für die Ewigkeit

Nicht König, nur Erstgekrönter: Walter Haldemann 1950.

Über eine halbe Stunde lang schwingen – für fast nichts. Peter Vogt und Walter Haldenmann duellieren sich 1950 in Grenchen rund 35 Minuten lang, bis der wegen des ereignisarmen Kampfes genervte Kampfrichter genug hat und abbricht. Der ­Königstitel wird nicht vergeben, die völlig ausgepumpten Vogt und Haldenmann müssen sich mit der Bezeichnung Erstgekrönte begnügen. Vogt soll derart wütend gewesen sein, dass er bei der Siegerehrung seinen Kranz zerrissen habe, wie in Chroniken zu lesen ist.

1956Holzherr, der Alleskönner

Der Schwingerkönigstitel allein reicht Eugen Holzherr nicht. In Thun dominiert er wie drei Jahre zuvor auch die Konkurrenz der Steinstösser. Der Basler reüssiert überdies zweimal am Eidgenössischen Turnfest; er wird zweimal Schweizer Meister im Gewichtheben und gewinnt als Ringer zehn nationale Titel. 1960 nimmt Holzherr als Freistilringer gar an den Olympischen Spielen in Rom teil.

1972Frieren und Hadern

Auf knapp 1000 Meter über Meer in La Chaux-de-Fonds ist es kalt – und es schneit! Topfavorit Ruedi Hunsperger fehlt wegen eines familiären Todesfalls. In einem überaus spektakulären Schlussgang siegt der Berner David Roschi gegen Karl Bachmann, Letzterer wird danach noch lange mit dem Entscheid der Kampfrichter hadern. Mit Dan Widmer gewinnt sogar ein Amerikaner den Kranz.

1974Nach dem Gang in die Ferien

Zuerst Gegner, dann gemeinsam in die Ferien: Ruedi Hunsperger und Fritz Uhlmann.

Im Schlussgang von Schwyz kommt es zum Duell zweier Freunde: Fritz Uhlmann unterliegt seinem Trainingspartner Hunsperger. Unmittelbar nach dem Fest verreisen die beiden samt Ehefrauen für zwei Wochen in die Ferien nach Südfrankreich.

1989Die Sensation von Stans

Die Sensation: Adrian Käser, 18 (r.), bezwingt Favorit Eugen Hasler.

Alles spricht für Eugen Hasler, daheim in der Innerschweiz greift er nach dem Titel. Im Schlussgang steht ihm Adrian Käser gegenüber. Der Ober­aargauer, zarte 18, düpiert den haushohen Favoriten sensationell. Er ist der jüngste König der Schwingergeschichte. Hasler, nach 8 Gängen punktgleich mit Käser, bleibt Rang 1b und der ­wenig schmeichelhafte Titel des Erstgekrönten.

1995Der einarmige Schwinger

Im Berner Team ist er einer unter vielen, und doch fällt Andreas Werren in Chur auf: Weil er alles quasi mit halber Kraft erledigt. Werren kam nur mit einem gesunden Arm und einem Stummel zur Welt, dennoch erschwingt er sich sieben Kränze, 2000 bodigt er gar Christian Stucki, damals ein riesiger Grünschnabel. Eidgenössisches Eichenlaub aber bleibt Werren im Bündnerland dann doch verwehrt.

2001Pfiffe und leere Plätze

Die Arena fasst «nur» 27 000 Zuschauer, die Tickets sind vergleichsweise billig – und doch bleiben im Waadtland viele Plätze leer. Die Rechnung der Organisatoren geht in Nyon nicht auf, das Ende des ­Fests ist zudem unwürdig. Nach dem gestellten Schlussgang zwischen Arnold Forrer und Jörg Abderhalden sind Pfiffe zu hören. Forrer, der mit kaputtem Knie und gebrochener Rippe kämpfte, wird nach kurzer Beratung zum König erklärt.

2007Der schwarze Samstag

Nach dem dritten Gang klagt Peter Gasser über Unwohlsein und Schmerzen in der Speiseröhre. Während der Fahrt ins Krankenhaus hört das Herz des erst 28-Jährigen auf zu schlagen. Gassers bester Freund Peter Imfeld muss die Angehörigen informieren, tags darauf gewinnt er in Aarau drei von vier Gängen und holt den Kranz. Nach jedem Duell verlässt er den Ring weinend.

2013Ein Berner Müntschi

Daheim in Burgdorf ist Matthias Sempach eine Klasse für sich. Nach 7 Gängen liegt er an und für sich uneinholbare 1,5 Zähler vor den ersten Verfolgern. Weshalb die Konkurrenz zunächst den achten Gang absolviert. Christian Stucki qualifiziert sich als Punktbester für den Endkampf, dank des Sieges im Zusatzgang könnte er nun doch noch zu Sempach aufschliessen. Dieser gewinnt jedoch auch sein achtes Duell – vom sanften Koloss Stucki kriegt er danach einen Kuss auf den Kopf.

Erstellt: 20.08.2019, 10:55 Uhr

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