Mit Roy gegen den Strom

Beim Schwimmen im 55-Tonnen-Becken gehen den Triathleten innert Kürze ganz viele Lichter auf. Dafür sorgt Roy Hinnen mit seinem Kanal.

Im Kanal beobachten drei Kameras und Roy Hinnens Augenpaar den Schwimmer genaustens. Foto: Reto Oeschger

Im Kanal beobachten drei Kameras und Roy Hinnens Augenpaar den Schwimmer genaustens. Foto: Reto Oeschger

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Plötzlich steht das Wasser vor einem aufgetürmt. Die Halle bei der Horgener Autobahneinfahrt wirkt von aussen unscheinbar, aber der Raum ist dann doch ziemlich gross. Darin stehen: ein Container und daneben eine noch viel grössere Kiste, gross wie ein Autobus. Willkommen in Roy Hinnens Schwimmkanal.

Im Schwimmbad macht man sich nie Gedanken, bevor man ins Wasser steigt – ein Schwimmbecken ist ein zu normaler Anblick, als dass es einen ins Grübeln brächte. Aber wenn man sich das mal überlegt: Welch enormes Volumen so ein Becken doch hat. In wie viele Kubikmeter Wasser man sich da gleich hineinbegeben wird. Im Vergleich zu der heimischen Badewanne etwa, die gerade mal rund 150 Liter fasst. Und erst recht im Vergleich mit dem Bad im Zürichsee. Wie viel Wasser einen da umgibt: 3,9 Milliarden Kubikmeter sind das. Aus­geschrieben: 3'900'000'000 m3.

Im Anblick von Hinnens Schwimm­kanal gehen einem solche Dinge durch den Kopf. Das Becken selber ist dann gar nicht so gross, 10×3×2,5 Meter. Viel Raum nimmt die darunter verstaute Technik ein, dank der das Wasser auch tatsächlich strömt und nicht steht.

Das 55-Tonnen-Ungetüm

«Los, hüpf rein», heisst Hinnen den Gast, den er eben mit einem kurzen «Hoi, ich bin der Roy», begrüsst hat. Der Coach will keine Zeit verlieren. Am Boden des Schwimmbeckens ist mit einem Kreuz jene Position markiert, über der der Schwimmer sich bewegen soll. Hinnen beobachtet von draussen, in der Hand die Fernsteuerung, mit der er die Geschwindigkeit regulieren kann.

Dann startet er die Maschine. Unten in diesem 55 Tonnen schweren Wasserungetüm beginnen drei 20-PS-Motoren zu pumpen. Das Schwimmen im Gegenstrom fühlt sich ungewohnt an, aber nicht unangenehm, im Gegenteil: Das an einem vorbeiziehende Wasser gibt das Gefühl von zusätzlicher Dynamik.

«Technologisch sind viele Schwimmclubs noch am Anfang, nicht sehr innovativ.»Roy Hinnen

Was der Schwimmer nicht spürt: Nicht nur Hinnens Augenpaar beobachtet. Zusätzlich wird der Athlet aus drei Winkeln von Kameras aufgenommen. Schon nach wenigen Minuten hat Hinnen die ersten Probleme erkannt. Respektive: Er erwähnt ein paar wenige von unzähligen. Denn die Kameras sind erbarmungslos, finden jeden Fehler. Die Herausforderung für Coach Hinnen ist es darum primär, nur einzelne herauszustreichen, um den Mann im Kanal nicht völlig zu überfordern. Dazu gehören auch ungewöhnliche Tipps.

«Schwimmtrainings alleine helfen dir nicht weiter», sagt er etwa. «Denn Schwimmen heisst nicht nur Wasserkontakt. Es ist auch eine Athletikgeschichte.» Dann führt er die fehlende Beweglichkeit vor, die einen mangelhaften Crawlstil zur Folge hat. Statt wie erwartet den eigenen Crawlarmzug analysiert zu erhalten, findet sich der Hobbytriathlet wenig später mit dem Gesicht nach unten im Wasser liegend wieder, beim Versuch, den Nacken so gut wie möglich zu entspannen. Rund zehn Monate ist der Kanal in Horgen nun in Betrieb. Er ist das Produkt eines Leipziger Spezialunternehmens, 1,2 Millionen Franken kostete er. Dazu sicherte sich Hinnen auch gleich die Schweizer Importrechte. Seither pumpen die Motoren während 300–400 Stunden Wasser durch den Kanal. Wenn er diese Zahl verdoppeln könnte, wäre Hinnen zufrieden.

Für den 51-jährigen Zentralschweizer, wie so viele Triathleten ein Tüftler in ­allen Belangen seines Sports, ist der Strömungskanal ein neuer Geschäftszweig, den er neben seinem Coaching betreibt. 40 ambitionierte Hobbyathleten beaufsichtigt er, viele von ihnen nützen auch Hinnens Analyse im Kanal. ­Daneben vermietet er diesen stundenweise an andere Trainer.

Auch Profis leisten sich Analyse

Es sind aber nicht nur Hobbyathleten, die sich die 139 Franken für 30 Minuten Analyse leisten. Auch die beiden Triathlonprofis vom linken Zürichseeufer schwammen hier schon. Ruedi Wild testete Anfang Saison verschiedene Neopren­anzüge, wollte herausfinden, in welchem er ökonomisch und schnell zugleich schwamm. «Der Kanal ist die einzige Möglichkeit, dies unter Laborbedingungen zu testen», sagt Wild. Sich einen solchen im Garten zu installieren, käme ihm aber nie in den Sinn. Nicht nur aus Platzmangel oder wegen des stolzen Preises. «Das wäre mir definitiv zu eintönig, ­dagegen ist die Rollwende im Hallenbad ja fast schon ein Naturerlebnis», sagt er scherzend.

Auch Ronnie Schildknecht testete im Sommer kurz vor dem Ironman Switzerland bei Hinnen – und fand sogleich einen Technikfehler: Mit dem linken Arm stach er zu weit aussen ins Wasser, mit dem rechten zu weit innen. Noch im Pool stehend erhielt er den Fehler von Hinnen auf der Videowand vorgeführt, konnte anschliessend direkt Korrekturen anbringen. «Ich kann mir gut vorstellen, im Winter monatlich in den Kanal zu gehen. Um zu schauen, wie gut ich die Fehler ausmerze», sagt Schildknecht, der wie Wild Mitte Oktober die Ironman-WM auf Hawaii bestreitet.

Die Ankündigung wird Hinnen freuen. Noch wichtiger sind ihm hingegen die zufriedenen Kaderschwimmer aus der Ostschweiz, die kürzlich bei ihm waren. «Es ist immer so mit Innovationen: Zuerst werden diese von den Triathleten entdeckt. Erst dann folgen die Spezialisten», sagt Hinnen. Und ­damit die lukrative Masse. Denn eines ist klar: Im Gegensatz zum Laufband, dass sich jeder Haushalt leisten kann, wird der Strömungskanal nie ein Massenartikel werden. Bei den Schwimmclubs muss er allerdings noch Überzeugungsarbeit leisten. «Technologisch sind viele Clubs noch am Anfang, nicht sehr innovativ», sagt Hinnen. Videoanalysen, Laktatmessungen, die in anderen Ausdauersportarten schon fast zum Basisangebot gehören, würden im Wasser noch kaum eingesetzt, sagt er.

Es zählt nicht der Kanal alleine

Die Triathleten, seine wichtigsten Kunden, sind da anders. Sie sind solvent. Und, was laut Hinnen fast noch wichtiger ist: «Viele sind schlechte Schwimmer. Im Training eines Schwimmclubs könnten sie nicht mithalten, bei mir im Kanal sehr wohl.» Mit diesen Worten verabschiedet er auch seinen Gast. «Willst du Fortschritte sehen, musst du nicht nur ins Wasser, sondern vor allem regelmässig deine Dehnungsübungen machen.» Nicht jeder Fortschritt passiert im Schwimmkanal. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.09.2017, 08:00 Uhr

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