Abgas-Skandal belebt die Formel E

Die Elektroserie wird immer wieder belächelt. Nun wird die Formel E jedoch zur Gefahr für arrivierte Motorsportserien. Die Gründe.

Bekommt namhafte Konkurrenz: Der Schweizer Formel-E-Fahrer Sébastien Buemi.

Bekommt namhafte Konkurrenz: Der Schweizer Formel-E-Fahrer Sébastien Buemi. Bild: Keystone

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Hochgezogene Augenbrauen hier, ein süffisantes Lächeln dort, ein Kopfschütteln da. Wenn die Elektroserie Formel E im Fahrerlager der Formel 1 zum Thema wird, sind die Reaktionen oft abfällig. Sie wird belächelt, noch immer, und trotz all der Meldungen in den letzten Wochen und Monaten.

Diese hatten dazu geführt, dass die Formel E plötzlich zum grossen Thema wurde in der Welt des Motorsports: Die deutschen Autogiganten Audi, BMW, Mercedes und Porsche gaben bekannt, der Reihe nach bis 2019 in die Serie einzusteigen, also den Grosskonzernen Renault und Jaguar zu folgen. Die Formel E: im Hoch. Und mit ihr Alejandro Agag, der Chef. «Wenn mir jemand beim Start dieses Projekts vor fünf Jahren gesagt hätte, dass eine Marke wie Porsche einsteigt, hätte ich das nicht geglaubt», sagt der Spanier. Er war nicht der Einzige. Nun aber hat auch der deutsche Abgas- und Kartell-Skandal die renommierten Marken in die offenen Arme der Formel E getrieben.

Vettel will nichts mehr sagen

Es geht darum, den ruinierten Ruf der Konzerne wieder aufzubauen, es geht um Werbung, Ansehen und nicht zuletzt um ein Wettrüsten in der Elektro-Technologie, die wohl die Zukunft der Strassenautos bedeutet. Die Formel E ist dafür die beste Bühne. In Metropolen wie Rom, Paris, Berlin oder New York wollen die Hersteller das entsprechende Publikum für ihre Elektrofahrzeuge finden. Der schöne Nebeneffekt für die Serie: Motorsport auf technisch höchstem Niveau.

Das dürfte Fahrer grössten Formats anlocken. Zwar waren auch in der vergangenen Saison viele ehemalige Formel-1-Piloten am Start wie Jean-Eric Vergne, Esteban Gutiérrez, Nick Heidfeld oder Sébastien Buemi, der ganz grosse Name aber fehlte bislang.

Viele tun sich noch immer schwer mit den Elektroautos. WM-Leader Sebastian Vettel fand sie von Beginn weg «Käse», mittlerweile sagt der Deutsche: «Ich will darüber kein Wort verlieren.» Lewis Hamilton hält «nicht so viel von der Serie». Dass der dreifache Formel-1-Weltmeister auch nach Abschluss der dritten Formel-E-Saison noch kein einziges Rennen gesehen hat, ändert nichts daran, dass er sich zu einem solchen Urteil berufen fühlt. «Ich bin ein echter Racer, der die Action im Auto liebt», schiebt der Brite nach. Als ob die Piloten in der Formel E das nicht tun würden. Nur fahren diese eben in laut- und geruchlosen Fahrzeugen – ein Witz für die Puristen unter den Fahrern, die die Elektroboliden auch einmal höhnisch als Spielzeugautos betiteln. Immerhin wird mit diesen Spielzeugautos mit bis zu 225 km/h durch Innenstädte gerast.

Doch sie haben eben auch Mankos, die nicht nur den Traditionalisten missfallen. Das wohl grösste ist die Batterie. Noch immer muss zur Hälfte des einstündigen Rennens das Fahrzeug gewechselt werden, weil diese zu schwach ist. In Monte Carlo können sich die Autos nach dem Rechtsknick Sainte Devote nicht hochkämpfen Richtung Casino – die Strecke in der Formel E ist deshalb eine andere als in der Formel 1. Das trägt nicht dazu bei, dass sich die Formel E grossen Respekt verschaffen könnte in der Szene. Nur dürfte sich das bald ändern. Ab der Saison 2018/19 sollten die Batterien genügend leistungsstark sein, um ein ganzes Rennen durchzuhalten. Die technische Entwicklung soll danach weiter rasant fortschreiten.

Seitenhieb gegen die Formel 1

Was das Fahrerfeld betrifft, findet Buemi, der die Titelverteidigung am vorletzten Wochenende in Montreal verpasste, schon jetzt: «Das Level ist unglaublich hoch», und setzt dann zu einem Seitenhieb gegen den grossen Bruder an: «Schliesslich nimmt bei uns auch keiner Geld in die Hand, um fahren zu können.» Im Gegensatz zur Formel 1, wollte der Waadtländer sagen, wo viele Piloten mehrere Millionen Franken bezahlen für ein Cockpit.

Die Königsklasse braucht sich dennoch nicht vor der Formel E zu fürchten, sie bleibt das Prunkstück des Automobilsports und dürfte das auch noch sein, wenn dereinst vollelektrisch gefahren werden sollte. Zu wichtig, zu glamourös ist diese Plattform für die Autokonzerne.

Als einzige Serie sorgenlos

Es leiden andere Serien. Etwa die Tourenwagenmeisterschaft DTM, aus der sich Mercedes Ende 2018 nach drei Jahrzehnten zurückzieht und nur Audi und BMW als Hersteller zurückbleiben. Bereits wird beim TV-Sender ARD heftig darüber diskutiert, ob die Rennen künftig noch übertragen werden sollen oder ob nicht doch die Formel E verlockender sein könnte. Eine Abkehr der ARD wäre ein herber Schlag für die DTM.

Das war es auch für die Langstrecken-WM um die 24 Stunden von Le Mans, als sich nach Audi auch Porsche zum Ausstieg entschloss. Der zweifache Formel-1-Weltmeister Fernando Alonso, der erwägt, in Zukunft auch einmal in Le Mans zu starten, kommentierte: «Ich denke, Toyota ist jetzt Favorit.» Ein flapsiger Spruch, den die Verantwortlichen der Serie kaum lustig fanden. Denn tatsächlich sind die Japaner, bei denen auch Buemi unter Vertrag ist, die Einzigen, die in der höchsten Kategorie (LMP1) übrig geblieben sind. Derzeit scheint nur eine Serie keine Sorgen zu kennen: die belächelte und verhöhnte Formel E. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.08.2017, 13:54 Uhr

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