«Dann glauben meine Kinder, ich hätte den Verstand verloren»

Mercedes-Teamchef Toto Wolff spricht über den WM-Kampf und weshalb die Formel 1 trotz Klimawandel eine Daseinsberechtigung hat.

Bei der Rekordjagd von Mercedes in der Formel 1 ist Toto Wolff mittendrin. Der 47-Jährige scheut sich auch nicht, neue Wege zu gehen.

Bei der Rekordjagd von Mercedes in der Formel 1 ist Toto Wolff mittendrin. Der 47-Jährige scheut sich auch nicht, neue Wege zu gehen. Bild: Jure Makovec/Getty Images

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Was Mercedes ­anfasst, wird schnell. Seit 2014 der Turbo-Hybrid-Motor in die Formel 1 kam, finden die Gegner kein Mittel gegen das Team mit Sitz im englischen Brackley. In dieser ­Saison ging die silberne Rekordjagd weiter: acht Rennen, acht Triumphe, sechs Doppelsiege. Es ging ein Aufschrei durch die Formel 1: ­Alles langweilig! Seither geschah ­Wundersames. In sechs Grands Prix gab es nur noch zwei Siege durch Lewis Hamilton. Zufall?

Toto Wolff sitzt an einem Tisch im Motorhome seines Rennstalls, nimmt einen Schluck vom Espresso, er sagt: «Das ist Zufall. Wir sollten nicht von der Depression zur Manie schwingen in der Formel 1. Es gibt schlechte Fussballspiele und gute. Hoffentlich lernen wir, warum die letzten Spiele gut waren.»

Fährt Mercedes nur halbstark?Das Gerücht

Wenn Mercedes nicht gewinnt, muss es mit dem Teufel zugehen. Also gibt es das Gerücht, die Silberpfeile führen nicht mit voller Motorleistung, um Spannung in die Grands Prix zu bringen. Was ist da dran, Toto Wolff? «Natürlich, wir tun ja alles für die Show», sagt der Wiener. Und etwas ernster: «Ich wünschte, es wäre so. Wir haben ein Defizit beim Motor, holen ­dafür in den Kurven auf. In der Qualifikation sind wir nicht immer zuvorderst, Ferrari ist auf eine Runde bärenstark. Dafür gehen unsere Autos dank mehr Abtrieb im Rennen besser um mit den Reifen.»

Grossartig oder langweilig?Die Dominanz

«Der harte Wettkampf ist das, was die Formel 1 attraktiv macht und wesentlich befriedigender ist. Wir wollen alles geben müssen, um zu gewinnen», sagt Wolff. Macht Dominanz unsympathisch? «Wenn ich darauf eingehe und sage: Ja, Dominanz bringt keine Sympathien, ist das der Anfang vom Ende der Leistungsbereitschaft meines Teams. Unsere Raison d’être ist, abzuliefern und möglichst jedes Rennen, jede Meisterschaft zu gewinnen.»

Geht es nur um die Rekordjagd?Die Motivation

«Wir stellen uns die Frage nach der Motivation oft. Rekorde spornen uns gerade in diesem sechsten Jahr sehr an. Für uns ist es eine der grossen Herausforderungen, diese ­Nadel noch ein bisschen weiter zu schieben, die Ferrari in den 2000er-Jahren mit 5 Titeln in Serie gesetzt hat. Ich wünsche mir, dass es in den nächsten 10 bis 20 Jahren, in denen der Nächste versucht, die Rekorde zu schlagen, heisst: Die erfolgreichste Zeit, die ein Team je hatte, waren die Jahre von Mercedes.»

Fehlt die WertschätzungDie Fans

Mercedes schreibt Formel-1-Geschichte. Doch es branden dem Team keine Jubelstürme entgegen, im Gegenteil wird unentwegt wiederholt, wie langweilig das ist, und wird Dauerweltmeister Hamilton auf den Podesten ausgebuht. Fehlt die Wertschätzung, Herr Wolff? «Die Anerkennung finde ich, wenn ich meine eigene Erwartungs­haltung befriedige, die meiner ­Mitarbeiter und des Daimler-Vorstands. Nur darum geht es, nicht um die Wertschätzung von aussen.»

Wie attraktiv ist die Formel 1?Der Werbewert

«Wir bewegen uns im grössten Schaufenster und erzielen eine Milliarde Euro Werbegegenwert. Wir laden die Marke dynamisch auf. Wenn einer in Erwägung zieht, einen Mercedes zu kaufen, denkt er auch an die Formel 1, an die Erfolge von Hamilton. Wir transportieren Sportlichkeit, Teamgeist, Wettbewerb auf höchstem Niveau. Das zahlt sich für die Marke aus.»

Nur grünes Deckmäntelchen?Die Formel E

Am 22. November startet die Elektrorennserie Formel E in ihre sechste Saison. Erstmals ist Mercedes dabei. Geht es um mehr als ein ­grünes Image? «Es muss mehr sein als das», sagt Wolff. «Die Welt verändert sich, der Klimawandel passiert, wir müssen CO2-neutral werden und entsprechende Techno­logien umsetzen. Ich möchte von meinen Kindern nicht eines Tages hören, dass wir fahrlässig mit ihrer Zukunft umgegangen sind.»

Bedeutet der Elektromotor die Zukunft? «Das wissen wir noch nicht, wir müssen für alles gerüstet sein. Wir setzen auf die Elektrifizierung und Hybrid-Antriebe, gleichzeitig müssen wir das Thema Wasserstoff ernst nehmen.» Wäre die Formel 1 nicht die ideale Plattform, um die Wasserstoff-Antriebe weiterzuentwickeln? «Das wäre sie, allerdings könnte das einen Wettstreit aus­lösen, der Unsummen verschlingt. Wir müssen die Balance hinkriegen zwischen Kosten und Entwicklung neuer Technologien.»

Hat die Formel 1 eine Zukunft?Der Klimawandel

«Formel 1 bedeutet Hightech», sagt Wolff. «Wir bauen die effizientesten Motoren überhaupt. Vielleicht müssen wir das noch besser kommunizieren.» Können Teile des Hybrid-Systems in Strassenautos fliessen? «Das tun sie bereits. Ich sprach jüngst mit einem Entwickler unseres Konzerns, der mir sagte, die Lernkurve für Serienautos sei enorm. Dank der Formel 1.»

Muss das sein?Der Lärm

Lewis Hamilton wünscht sich die Zwölfzylinder-Motoren zurück. Wie passt das zur Philosophie von Mercedes? «Lewis ist ein Petrolhead, der nostalgisch auf die alten Zeiten schaut. Aber die Formel 1 war immer Hightech und wird es immer sein.» Wie wichtig ist Ihnen Lärm? «Der V12 sorgte damals für ein Schockerlebnis für die Sinne. Das wäre aber heute den meisten wohl zu laut. Wir sind die letzte Generation, die Lärm mit Leistung gleichsetzt. Wenn ich die Scheiben meines Autos in einem Tunnel ­herunterdrehe und beschleunige, dann glauben meine Kinder auf den Hintersitzen, ich hätte den Verstand verloren.»



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Erstellt: 22.09.2019, 12:11 Uhr

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