Die Wurzeln des Formel-1-Übels

Der stillose Umgang mit unerwünschten Piloten hat in der Formel 1 Tradition. Doch sind die finanziell klammen Teams wirklich die Schuldigen?

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2009 ist ein Schicksalsjahr für die kleineren Formel-1-Teams: Der damalige FIA-Präsident Max Mosley setzt sich vehement für drastische Kostensenkungen ein. Die Reichen und Mächtigen aber, zu denen in jener Zeit auch noch der von BMW geführte Sauber-Rennstall gehört, rebellieren. Sie drohen mit der Gründung einer Piratenserie, sollte Mosley seinen Posten nicht räumen. Mosley, im Vorjahr von einem Sexskandal desavouiert, steht auch in Opposition zu GP-Vermarkter Bernie Ecclestone und stellt sich schliesslich nicht mehr zur Wiederwahl. Seine Ära endet.

In der Folge zeigt sich immer wieder, dass der mit Schimpf und Schande verjagte Mosley sehr richtig voraussah, in welche Schwierigkeiten die Formel 1 – auch wegen der ungleichmässigen Preisgeldverteilung – mit ihrer zügellosen Ausgabepolitik geraten würde. Den Reichen, zu denen Sauber nach dem BMW-Ausstieg längst nicht mehr gehört, geht es zwar ausgezeichnet, die einstige Mittelklasse leidet, von den Hinterbänklern ganz zu schweigen. Caterham ist in dieser Saison nicht mehr dabei, Marussia fehlte 2014 an den letzten drei Rennen, und nun wankt Sauber. Auch Lotus und Force India geht es nicht gut. Sie rangen Ecclestone zusammen mit Sauber vor der Reise nach Australien finanzielle Zugeständnisse ab.

Giedo van der Garde, im vergangenen Jahr Ersatzpilot bei Sauber, war ein willkommener Geldbringer, weil Marcus Ericsson und Felipe Nasr aber noch eine grössere Mitgift brachten, sanken seine Aktien. Bis in den Keller. Mit der wirtschaftlichen Sicherheit sei beim Schweizer Team auch der Stil verloren gegangen, konstatiert die angesehene «Frankfurter Allgemeine». «Sauber war stets ein Rennstall, der mit seinen Fahrern vergleichsweise anständig umging, aber in den vergangenen zwei Jahren, seit das Team ums wirtschaftliche Überleben kämpft, hat sich das geändert», schreibt die Zeitung.

«Das grösste Warnsignal»

Der Kampf ums finanzielle Überleben hat auch Folgen für das sportliche Niveau. In der sogenannten Königsklasse sitzen längst nicht mehr die besten Fahrer in den Cockpits, sondern diejenigen, die so viel Geld mitbringen können, dass ihr Arbeitgeber über die Runden kommen kann. Einer jener Piloten, die einem fahrerisch Schwächeren Platz machen mussten, ist Timo Glock.

Der Deutsche, in seiner Karriere dreimal auf einem GP-Podest, verfolgt die Geschehnisse bei Sauber mit grosser Irritation. «Wow, Sauber gegen Giedo ist irreal und so weit weg vom Sport! Das ist das grösste Warnsignal, das die F1 bekommen kann», teilte er via Twitter mit. Auch die früheren Sauber-Piloten Nico Hülkenberg und Sergio Pérez kritisieren das Gebaren der Hinwiler. Sie stellen sich auf die Seite des um sein Cockpit klagenden Van der Garde.

«Das ist kein fairer Wettbewerb mehr»

Sauber den Schwarzen Peter zuzuschieben, ist trotz aller Vorwürfe, die man dem Team machen kann, nicht gerecht. Die aktuelle Teamführung hat mit der Opposition gegen Mosleys Sparpläne nichts zu tun. Und wie alle kleineren Rennställe leiden die Zürcher Oberländer nicht nur unter den exorbitanten Kosten der Formel 1, sondern auch unter dem Schlüssel, mit dem der mächtige Vermarkter Ecclestone seine Zuwendungen verteilt. Wie genau dieser aufgebaut ist, hält der Zampano geheim. Bekannt ist aber, dass man vorne sehr viel und hinten dramatisch weniger verdienen kann. Von rund 8 Millionen Dollar Differenz pro WM-Rang ist die Rede.

«Das ist kein fairer Wettbewerb mehr. Das grosse Problem ist, dass die grossen Teams so viel mehr Geld haben als die kleinen», sagte Ex-FIA-Chef Mosley im vergangenen Herbst gegenüber der BBC. «Aus sportlicher Sicht sollten die Einnahmen gleichmässig verteilt werden, dann könnten die Teams immer noch so viele Sponsoren suchen wie sie wollen.» Ferrari werde wegen seiner Reputation immer mehr Sponsoren haben als Marussia, wenn aber alle gleich viel Geld als Ausgangsbasis bekämen, wäre die Formel 1 spannender und fairer. Erst recht bei einer Budgetobergrenze. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.03.2015, 16:34 Uhr

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