Ein Typ wie Räikkönen

Das Interesse am designierten Sauber-Piloten Sergei Sirotkin ist gross – für ihn eine unangenehme Erfahrung.

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Motorsport ist nichts für schwache Nerven, und schon gar nicht für empfindliche Sinne. Die flimmernde Hitze auf dem Red-Bull-Ring ist kaum zu ertragen. Der Lärm der Boliden in der Boxengasse sticht in die Ohren. Es riecht nach verbranntem Gummi, Benzin und Schweiss. Sergei Sirotkin reisst den Helm vom Kopf und wischt sich die Hand über die Stirn. «Wie konnte das passieren?», fragt er in die Runde. Ungläubig zeigt er auf die wackligen Seitenspiegel an seinem Auto. Einige Ingenieure wenden sich beschämt ab, andere fuchteln wild mit den Händen. Die Bestzeit wie im 1. Training hätte es werden sollen an diesem Freitag, dem Tag vor dem grossen Rennen der Renault 3.5 World Series in Spielberg.

Verärgert stapft der 17-jährige Russe in seinem tropfnassen Rennanzug durch die Hintertür zum Mannschaftsbus. Hart müsse man sein, «mit dem Team und mit sich selber», findet Sirotkin. Nicht zum ersten Mal in diesem Jahr spielt ihm die Technik einen Streich. Zuletzt vor einem Monat vor über 70 000 Zuschauern in Moskau, wo der Lokalmatador wegen eines Defekts noch vor dem Start ausfiel und einen Tag später mit Rang 11 die Erwartungen der Öffentlichkeit wieder nicht erfüllte.

«Das Interesse an mir ist gewaltig», sagt Sirotkin und zeigt auf sein Handy. Über 240 Anfragen von Journalisten hatte er in seiner Mailbox, als der Deal mit Sauber Anfang Woche bekannt wurde. Für den introvertierten Nachwuchsfahrer eine neue, unangenehme Erfahrung. «Sergei ist nicht die dankbarste Figur für die Medien», sagt Andreas Jenzer und lächelt verschmitzt.

Der Teamchef von Jenzer Motorsport aus Lyss war Sirotkins erster Förderer und sieht Parallelen zu Kimi Räikkönen, der bereits mit 21 Jahren aus der Renault-2-Liter-Klasse in die Formel 1 wechselte und bei Sauber sofort den Durchbruch schaffte. «Kimi und Sergei zeigen den Leuten gerne mal die kalte Schulter, beide haben einen ähnlichen Charakter.»

Ob Sauber mit Sirotkin ähnliche Erfolge wie mit Räikkönen feiern kann, bezweifelt Jenzer allerdings. «Kimi ist für mich das grösste Talent der letzten 20 Jahre, dieses Level zu erreichen, ist schwierig.» Bereits in seiner ersten Saison führte Räikkönen den Schweizer Rennstall auf Platz 4 in der Teamwertung, eine historische Marke. Sirotkin zeigt sich davon unbeeindruckt, er vergleicht sich viel lieber mit dem 7-fachen Weltmeister Michael Schumacher «Schumi ist der Mann der Rekorde», sagt Sirotkin, der nächste Saison als jüngster Formel-1-Pilot der Geschichte selber einen Rekord aufstellen wird.

«Viele sagen, ich sei zu jung für die Formel 1»

Der Titel macht ihn stolz, aber auch ehrfürchtig. «Der Respekt vor dieser Aufgabe ist riesig, das wird ein ganz grosses Abenteuer.» Er denkt dabei vor allem an Sotschi, wo er 2014 den neuen Grand Prix promoten soll. «Das macht mich schon ein bisschen nervös, aber ich habe Benzin im Blut», sagt er scherzhaft, um dann wieder ernst zu werden. «Viele sagen, ich sei zu jung für die Formel 1. Das kann sein, aber so eine Chance kriege ich nie mehr. Ich werde zeigen, was ich kann», sagt Sirotkin und sucht den zustimmenden Blick von Vater Oleg.

Der Generaldirektor des Nationalen Instituts für Luftfahrt und Technologie ist der erste Sauber-Partner, der bisher öffentlich in Erscheinung getreten ist. Auch an diesem Wochenende gibt er gerne Auskunft. «Sergei wird uns glücklich machen. Er weiss, was er will, und er hat die Qualität dazu.» Er verweist auf den guten Saisonstart, als Sergei einmal Zweiter und Vierter wurde. Bisher konnte er diese Leistung aber nicht mehr bestätigen, und auch gestern meint es das Schicksal nicht gut mit ihm. Nach einem starken Start überholt er in der ersten Runde vier Fahrer, ehe er wenig später durch einen Crash ausfällt. «Das war einfach nur Pech», kommentiert er den Unfall gelassen. Für einmal ist ihm ein Kontrahent und nicht die Technik in die Quere gekommen.

Erstellt: 21.07.2013, 06:51 Uhr

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