Es regnet Schlamm

Zum 63. Mal trafen sich in Wohlen die Motocrosser: Tausende Zuschauer, Helden von einst und ein seltener Gast aus der Gegenwart trotzten den Elementen.

Perfektes Motocrosswetter: Schneeregen und Dreck, wohin du schaust. Foto: Fabienne Andreoli

Perfektes Motocrosswetter: Schneeregen und Dreck, wohin du schaust. Foto: Fabienne Andreoli

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Der Boden zittert, der Bass wummert, der Blick wird bombardiert von einer bunten, vielrädrigen Höllenmaschine. Die ­Sekunden vor dem Start sind wie die Dorfchilbi, wenn beim Disco-Express die Sicherheitsbügel zuschnappen. Dann senkt sich das Startgatter, und die Motocrosser entladen ihr Klanggewitter beim Traditionsanlass von Wohlen. Wer nahe an der Piste steht, spürt handfeste Souvenirs: Meterhoch spritzt der Morast von den Reifen und regnet nieder aufs Publikum.

Schneien tut es auch noch an diesem Sonntag, an dem der Winter zurückgekehrt ist. Ansonsten regnet es oder nieselt. Perfektes Motocrosswetter.

Ehrengast mit Motorhome und Entourage: Jeremy Seewer. Foto: Fabienne Andreoli

«Ich gehe mir noch kurz die Schuhe putzen», sagt der berühmte Gast. Jeremy Seewer ist 24 Jahre alt, aus Bülach, Yamaha-Werkspilot. Eigentlich fährt er in der Weltmeisterschaft. Doch weil die an diesem Wochenende Pause macht, startet er erstmals seit einem Jahrzehnt wieder in Wohlen. Es dürfte 2019 Seewers einziger Auftritt in der Heimat bleiben: Der WM-Lauf in Frauenfeld wurde nach Klagen wegen Lärmemissionen nicht mehr bewilligt.

Aufgebockt wie im Schrein

Seine Schuhe putzt Seewer selbst, andere Arbeiten werden ihm abgenommen. Eine ganze Entourage hat er dabei, vom Bruder bis zum Mechaniker. Vor seinem Motorhome – es ist mit der Nummer 91 und Seewers Logo versehen – lockt ein Merchandisingstand mit Hoodies, Caps, Postern. Und wie in einem Schrein ist die Maschine aufgebockt, mit der er gerade den ersten Lauf der Kategorie FMS Swiss MX Open gewonnen hat. Bestaunt und fotografiert, während der Mechaniker sie säubert und bereit macht für den zweiten Auftritt. Von einem Dach geschützt vor dem Dauerregen.

Seewers Stand ist nicht der einzige. Dicht an dicht drängen sich die Aussteller am Weg, der vom Parkplatz zu den Fahrer­lagern führt. Von «Cross Camps» in Ungarn bis zur Schutzausrüstung wird alles Mögliche angeboten, mehrere Interessenten mussten aus Platzmangel abgewiesen werden. Dem Anlass beim Schloss Hilfikon geht es gut: Ein randvolles Festzelt, ein 148-seitiges Programm und 39 Rennen in zwei Tagen zeugen davon.

«In drei Wochen sieht man nichts mehr von der Strecke»,verspricht die ­Organisatorin.

Wachsen wollen die Veranstalter um OK-Chef Ueli Hilfiker und seine Frau Gisela nicht, könnten es auch nicht bewältigen. Von der Guggenmusik über die Turner helfen lokale Vereine mit beim Anlass, der die ganze Region verbindet. Die zwölf Landbesitzer, die ihre Wiesen zur Verfügung stellen, erhalten neben einer Entschädigung ­Gratiseintritt ins VIP-Zelt. Dort trifft sich die Lokalprominenz. Zum Beispiel Chris Hüsser.

Weltmeister, Schiissiputzer

«Hüsser, Schiissiputzer», stellt sich der zweifache Weltmeister vor. Einst gehörte er mit seinem Zwillingsbruder Andy zu jenen magischen Doppelnamen, die aus der Schweiz eine Hochburg des Seitenwagenmotocross machten. Bächtold/Fuss, Fuhrer/Käser, Bollharder/Büsser, Hüsser/Hüsser: Alle waren sie Weltmeister. Heute ist Chris Hüsser 65, Chef eines Unternehmens für Miet-WC und mit viel Selbstironie ausgestattet. Er ist beruflich vor Ort: Seine Firma hat 40 WC und erstmals einen Wickeltisch an die Strecke geliefert. Die bringt an diesem Tag ein paar sportliche Erben hervor: ­Heinzer/Betschart holen bei den Seitenwagen immerhin den Europameistertitel.

Wie an der Dorfchilbi: Wenn sich das Startgatter vor den Motorrädern senkt, entladen die Motocrosser ihr Klanggewitter. Foto: Fabienne Andreoli

Der Kurs ist nicht besonders schwierig. Viel tiefer als an einer WM seien die technischen Anforderungen, weiss Seewer, «die Präparation, die Bewässerung, die Sprünge kann man überhaupt nicht vergleichen». Das ist Absicht: Eine schwierigere Piste würde viele Piloten, die neben dem Sport einer normalen Arbeit nachgehen, überfordern. Und sie wäre auch kaum machbar: Die für grosse Erdbewegungen nötigen Bewilligungen sind komplex und schwer zu begründen.

«Warum sollten wir etwas ändern, was funktioniert?», fragt darum Gisela Hilfiker. Sie hat ­dieselbe Partyband eingeladen wie im Vorjahr. Und sie ist sicher, dass die Spuren dieser 63. Auf­lage und seiner 10000 Zuschauer bald nur noch schöne Erinnerung sind. Bereits am Tag nach dem Rennen beginnt die Renaturierung des Geländes, bald wird neues Gras angesät. «In drei Wochen sieht man nichts mehr von der Strecke», verspricht Hilfiker. Motocross-Wetter ist dann hoffentlich auch nicht mehr.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 15.04.2019, 23:34 Uhr

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