Geld als Motor

Um finanziell über die Runden zu kommen, sieht sich Sauber zu heiklen Manövern gezwungen.

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Das Urteil traf Sauber wie ein Blitz. Und der kam aus ziemlich ­heiterem ­Himmel. Der trotz Vertrags als Stammfahrer abgeschobene Giedo van der Garde soll beim Auftakt zur Formel-1-­Saison an diesem Wochenende in Melbourne in einem der Autos des Rennstalls sitzen – gegen den Willen des Teams. So befand das Clyde Croft, Richter des obersten Gerichtshofs des australischen Bundesstaates Victoria, wo der Holländer in einem Eilverfahren geklagt hatte. Croft bestätigte damit auch das Urteil eines Schiedsgerichts in Genf von letzter Woche. Zwar legte Sauber sofort Berufung ein, und der definitive Entscheid wurde schon in der Nacht auf heute erwartet. Die Erfolgsaussichten wurden aber als gering eingestuft.

Kreativ bis verzweifelt

Unabhängig davon, wie der Fall ausgeht: Er zeigt deutlich, auf welch dünnem Eis sich Sauber bewegt seit dem Ausstieg von Erfolgsgarant BMW 2009 und dem Rückkauf des Teams, auf welch dünnem Eis sich überhaupt die verbliebenen Privatteams in der ­Formel 1 bewegen – wie kreativ bis verzweifelt sie nach finanziellen ­Chancen grapschen.

Denn das Team aus Hinwil hat den Vertrag mit Van der Garde gebrochen, weil sich ihm nach dem missglückten Abenteuer mit russischen Investoren plötzlich Möglichkeiten eröffneten, die allzu verlockend waren: Zwei Fahrer suchten ein Cockpit, zwei junge, unerfahrene zwar, dafür mit starken Geld­gebern im Rücken. Der 22-jährige Brasilianer Felipe Nasr, unterstützt von der Grossbank Banco do Brasil, die letztlich der neue Haupt­sponsor von Sauber wurde, und der 24-jährige Schwede Marcus Ericsson, finanziert von vermögenden Privat­personen.

Je 20 Millionen Franken boten sie. Van der Garde, der zwar über einen gültigen Vertrag verfügte, aber nur etwa halb so viel ­bezahlt hätte, wurde schnell uninteressant.

Längst sind die Fahrer für kleinere Rennställe zur nötigen und grössten Einnahmequelle geworden. Und die Unwägbarkeiten sind geblieben, nicht zuletzt sportlich, vor allem jedoch unternehmerisch. Nicht nur, dass grosse Sponsoren kaum gewonnen werden können, auch die Kosten steigen Jahr für Jahr, entgegen anders lautenden Beteuerungen des Internationalen Automobilverbandes FIA und von Chef­vermarkter Bernie Ecclestone. So kostet der letzte Saison eingeführte komplizierte Hybrid-Antrieb allein 25 Millionen Franken an Leasing pro Saison und damit rund dreimal so viel wie der Motor zuvor.

Wobei Sauber selbst hier einen Geldweg fand, indem es den in Zürich geborenen Italiener Raffaele Marciello als Testfahrer holte. Der 20-Jährige ist Mitglied im Nachwuchsprogramm von Ferrari, weshalb Sauber den Antriebs­strang der Scuderia deutlich verbilligt erhält. Doch auch so müssen total rund 90 Millionen Franken pro Jahr aufgetrieben werden, um einiger­massen konkurrenzfähig zu sein.

Sauber-Chefin Monisha Kaltenborn fordert seit langem eine Budgetobergrenze, die sie als einziges wirksames Mittel gegen die explodierenden Kosten sieht. Solange diese aber nicht eingeführt und der Grossteil der 880 Millionen Franken aus dem Einnahmetopf der Formel 1 an die mächtigen Teams ausgeschüttet wird, werden eben auch einmal Verträge gebrochen, wenn es finanziell Sinn macht.

Nicht der einzige Fall

So, wie das bei Van der Garde der Fall war. So, wie es im Übrigen auch beim letztjährigen Stammfahrer Adrian Sutil zu sein scheint. Der Deutsche dürfte ebenfalls über einen Kontrakt für die anstehende Saison verfügen. Jedenfalls wehrt auch er sich auf dem Rechtsweg, die Rückkehr ins Team ist aber nicht sein Ziel.

Kaltenborn kann vorgehalten werden, als ausgebildete Juristin bei den Fahrerverträgen unvorsichtig agiert zu haben. Allerdings ist ein Fall wie der­jenige Van der Gardes in der Formel 1 auch noch nie vorgekommen. Die Sauber-Chefin dürfte schlicht unterschätzt haben, was passieren kann, wenn ein Pilot bis zum Äussersten geht, um seine Rechte durchzusetzen.

Weshalb er das tut, bleibt zumindest vorerst sein Geheimnis. Die Aussicht, für das Team zu fahren, das ihn ausdrücklich nicht mehr wollte, klingt jedenfalls wenig verlockend, auch wenn Van der Garde nach der Verhandlung sagte, er freue sich auf die Zusammenarbeit. Zudem dürfte er sich damit auch sämtliche Chancen auf eine längerfristige Zukunft in der Formel 1 verbaut haben. Kein Team wird ihn mehr einstellen, wenn es eine Alter­native gibt.

Van der Gardes Vorgehen ist für die Welt der Formel 1, in der Verträge regelmässig gebrochen werden, derart extrem, dass bereits erste Gerüchte gestreut werden. Demnach soll hinter der Klage der Versuch stecken, Sauber in den Ruin zu stürzen, damit der Rennstall von den Holländern um Van der Gardes Schwiegervater Marcel Boekhoorn günstig aufgekauft werden könnte. Boekhoorn ist unter anderem Besitzer des Modelabels McGregor. Sein Vermögen wird auf 1,5 Milliarden Franken geschätzt. Allein um Geld dürfte es diesen Kreisen in diesem Verfahren kaum gehen.

Ungewissheit statt Zuversicht

Ganz im Gegensatz zu Sauber. Sollte es Van der Garde gar gelingen, seinen Vertrag, den er für die ganze Saison besitzt, durchzusetzen, wäre das Team existenziell gefährdet. Denn dann müsste einer der finanzstarken Jung­piloten weichen, der nächste Prozess drohte, und vor allem würde die dringend benötigte Mitgift fehlen. Dabei war die Zuversicht doch so gross, nach der verpatzten letzten Saison ohne Punkt 2015 mit einem stark verbesserten Auto zurückzuschlagen. Nun ist die Ungewissheit plötzlich grösser denn je.

Erstellt: 11.03.2015, 23:30 Uhr

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