Gentleman im Motorradsattel

Luigi Taveri, dreifacher Motorrad-Weltmeister und einer der populärsten Schweizer Sportler, ist im Alter von 88 Jahren verstorben.

Luigi Taveri. Die Schweizer Motorrad-Legende ist im Alter von 88 Jahren verstorben.

Luigi Taveri. Die Schweizer Motorrad-Legende ist im Alter von 88 Jahren verstorben. Bild: Keystone

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Luigi Taveri war 1 Stunde, 15 Minuten und 34,2 Sekunden lang mit seiner 125-cm3-Honda durch die Gegend gerast. Durch Dörfer und Städtchen, bergauf und bergab, vorbei an Schaf-, Kuh- und Pferdeweiden, an Feldern mit gelben Stechginsterbüschen, über Brücken, Tramschienen und dick aufgetragenen Strassenmarkierungen. Oft nur wenige Zentimeter neben Steinmauern, ungeschützten Leitungsmasten und Telefonkabinen. Nach 3 Runden und 182,163 km hatte der 32-jährige Schweizer aus Horgen das Ziel an der Glencrutchery Road gegenüber dem Friedhof von Douglas erreicht. Wenig später stand der Fahrer bei der Siegerehrung zuoberst auf dem Podest.

Es war der 6. Juni 1962, und da er nach seinem ersten Triumph bei der legendären Tourist Trophy auf der Isle of Man noch weitere fünf Rennen der Strassenweltmeisterschaft in Serie gewann, holte sich der Zürcher Ende Saison auch gleich den ersten von drei WM-Titeln in seiner Karriere. 1964 und 1965 feierte er zwei weitere Siege bei der TT auf der Isle of Man.

Es fing im Seitenwagen an

143 Rennen hat Luigi Taveri in der Motorradstrassen-WM bestritten, 30-mal fuhr er als Sieger durchs Ziel, insgesamt stand er 89-mal auf dem Podest. Nach dem ersten Titel 1962 folgten zwei weitere: 1964 und 1966, als er am 11. September in Monza die WM vorzeitig entschied. Der «Tages-Anzeiger» würdigte ihn tags darauf entsprechend: «Der tüchtige Horgner Motorradrennfahrer Luigi Taveri zerstreute am Sonntag auf dem Monza-Kurs alle Bedenken über eine mögliche Niederlage in der 125-cm3-Weltmeisterschaft, denn der Schweizer fuhr ein schlechthin glänzendes Rennen und schlug gleichzeitig alle Monza-Klassenrekorde und seine Gegner eindeutig.»

Seine Karriere im Motorradsport begann Luigi Taveri als Beifahrer im Seitenwagen seines um 17 Jahre älteren Bruders Hans, mit dem er 1947 als 18-Jähriger beim Grossen Preis von Europa auf der Rundstrecke im Berner Bremgartenwald sein erstes internationales Rennen bestritt. Ein Jahr später fuhr er auf einer 500er-Maschine seines Bruders sein erstes Rennen in einer Soloklasse und klassierte sich bei einem Rasenrennen in Aarau als Dritter.

Nachdem er einige Jahre mit Maschinen italienischer Hersteller gefahren war, erhielt er 1961 einen Werksvertrag bei Honda. Weil seine Gattin Tilde vernommen hatte, dass das japanische Werk in die WM einsteigen wollte, und dem Firmengründer Soichiro Honda persönlich per Luftpost einen Brief sandte, in dem sie ihm die Dienste ihres talentierten Gatten anpries.

Sparsam und zum Geld geschaut

Ende 1966 gab Luigi Taveri seinen Rücktritt aus der WM, bestritt allerdings bis Ende 1967 mit geschenkten Maschinen seines früheren Arbeitgebers Honda noch einige internationale Rennen. Zum letzten Mal startete er beim Bergrennen Ollon-Villars in der Westschweiz. Im selben Jahr lud ihn die Honda-Geschäftsleitung, die ihn verehrte, nach Japan ein, «wo sie für mich ein wunderschönes Abschiedsfest organisierte», wie er später einmal erzählte. «Einen schöneren Abschluss meiner Karriere hätte ich mir nicht vorstellen können.»

Danach gründete der nur 1,62 m grosse und 58 kg schwere Taveri in Wädenswil eine Karosserie- und Spritzwerkstatt, die heute noch unter seinem Namen existiert. «Ich konnte als Rennfahrer viel Geld verdienen und dennoch nicht einfach aufhören und in die Sonne schauen. Da ich sparsam war und zum Geld geschaut habe, konnte ich mir ein eigenes Geschäft aufbauen», schrieb er einmal in einer Gastkolumne in der SonntagsZeitung.

Mit seiner Frau, mit der er im Juni 2015 den 60. Hochzeitstag feierte und seit 1968 in Samstagern lebte, reiste Luigi Taveri seit seinem Rücktritt und bis vor wenigen Jahren alljährlich an einen einzigen Grand-Prix. Der stets freundliche, zurückhaltende und bescheidene Mann war auf den vielen Rennstrecken, wo er alte Kumpels traf, sich aber auch mit jungen Fahrern unterhielt, immer herzlich willkommen. 2005 etwa gehörte er in Valencia zu den Gratulanten, die sich über den WM-Titel des jungen Berners Thomas Lüthi freuten.

Mit 77 auf den Jakobsweg

Auch an vielen anderen Motorsportveranstaltungen war Luigi Taveri ein gern gesehener Gast. Bis ins hohe Alter bestritt er Oldtimer- und Veteranenrennen. Jahrzehntelang träumte der Vater einer Tochter und eines Sohnes davon, den Jakobsweg mit dem Velo zu befahren. 2006, im Alter von 77 Jahren, hatte er den langgehegten Wunsch dann realisiert und innert zwei Wochen mit dem Mountainbike, begleitet von seiner Frau und Tochter Blanca, 936 km von der französischen-spanischen Grenze nach Santiago de Compostela zurückgelegt. Für ihn war das in erster Linie keine sportliche Herausforderung. «Ausschlaggebend war das Gefühl der Dankbarkeit für das Leben, das ich erfahren durfte», erklärte der stets herzlich lächelnde Gentleman nach seiner Rückkehr aus Galizien.

Luigi Taveri musste nach einem Gehirnschlag ins Spital eingeliefert werden. Am 1. März ist er im Alter von 88 Jahren verstorben.

Erstellt: 01.03.2018, 22:39 Uhr

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