Hässlicher Streit in Lüthis Team

Tom Lüthi blickt auf einen durchzogenen Moto-GP-Saisonstart zurück. In seinem Rennstall Marc-VDS tobt derweil ein Machtkampf. Es geht um Geld und Ehre und Lügen.

Schwierige Zeiten: Tom Lüthi wartet noch auf seinen ersten WM-Punkt im Moto-GP – und nun tobt in seinem Team auch noch ein wüster Konflikt.

Schwierige Zeiten: Tom Lüthi wartet noch auf seinen ersten WM-Punkt im Moto-GP – und nun tobt in seinem Team auch noch ein wüster Konflikt. Bild: Marcel Bieri

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Es sind äusserst unangenehme Wochen für Tom Lüthi. Im Rennstall Marc-VDS des Schweizer Moto-GP-Fahrers eskalierte letzte Woche rund um den GP in Le Mans der hässliche Streit zwischen Besitzer Marc van der Straten und Teamchef Michel Bar­tholémy.

Der in der Westschweiz wohnhafte Milliardär van der Straten wirft seinem belgischen Landsmann Veruntreuung von 10 bis 15 Millionen Euro vor. Es geht im Kern um eine Firma mit Sitz in Herisau, die mittlerweile Bartholémy gehört und bei der ­alle Teammitglieder ausser Lüthi und die anderen Fahrer angestellt sind. Bartholémy streitet ­alle Vorwürfe ab, längst sind Anwälte mit der komplizierten Angelegenheit beauftragt.

Zukunft ungewiss

Das Chaos bei Marc-VDS ist umfassend. Bartholémy akzeptierte die fristlose Kündigung nicht, erschien in Le Mans am Freitag vorerst in der Teambox, trat dann aber dennoch fürs Wochenende von seinem Amt zurück. Derzeit ist völlig offen, wie es weitergeht, die Fronten sind verhärtet, Insider sprechen von Hass und Lügen, Machenschaften und Mil­lionenklagen.

Der Konflikt zieht sich quer durchs Team und ist kaum lösbar, weil es längst auch um die Ehre und um Eitelkeiten geht und darum, nicht nachzugeben. Einer der beiden Widersacher wird sich aber zurückziehen müssen. Vermittler versuchen verzweifelt, eine juristische Lösung zu kreieren, und auch der Moto-GP-Veranstalter Dorna beobachtet die fürs Geschäft schädlichen Vorgänge besorgt.

Einigen sich van der Straten und Bartholémy nicht bald, wird der einstige Vorzeigebetrieb Marc-VDS am nächsten Rennen in Mugello in eineinhalb Wochen nicht dabei sein. Es geht auch um die Arbeitsplätze der rund 50 Mitarbeiter. Und natürlich um die Zukunft von Tom Lüthi. Am Dienstag und Mittwoch hätten wichtige Tests in Barcelona stattfinden sollen. Aber der entlassene Bartholémy gab die Maschinen nicht frei – er hatte den Leasingvertrag für die Motorräder über seine Firma abgeschlossen.

Für Lüthi ist das eine sehr schwierige Situation, er muss sich im riesengrossen Zwist neu­tral verhalten. Der 31-jährige Berner spricht im Interview über seine Gefühlslage und seine ersten Rennen in der Königsklasse, in denen er als Moto-GP-Neuling halbwegs den Erwartungen entsprechend fuhr, WM-Punkte aber mehrmals knapp verpasste.

Wie nehmen Sie die Probleme in Ihrem Team wahr?
Tom Lüthi: Es ist natürlich schwierig für alle Beteiligten, weil wir nicht wissen, wie es weitergeht. Das betrifft nicht nur mich, sondern auch die Mechaniker und viele weitere Mitarbeiter.

Wie sehr belasteten die Ereignisse zuletzt am GP von Le Mans die Arbeit bei Marc-VDS?
Sie können sich vorstellen, dass es nicht einfach war, den Fokus zu behalten. Damit hatte ja niemand gerechnet. Aber es ist meine Aufgabe, mich aufs Rennfahren zu konzentrieren. Das ist mein Job. Und nur darum geht es. Ich darf mir nicht den Kopf zerbrechen über Vorgänge, auf die ich keinen Einfluss besitze.

Befürchten Sie, dass sich Marc-VDS bald aus dem Motorradsport zurückzieht?
Damit darf ich mich nicht beschäftigen. Wie gesagt: Ich bin Angestellter und nicht berechtigt, mich in der Öffentlichkeit zu diesem Konflikt zu äussern. Fakt ist: Nächste Woche fahren wir in Mugello. Ich hoffe, dass es bis dahin eine Lösung geben wird.

In dieser Woche hätten Sie an zwei Tagen in Barcelona fahren können. Für Sie ist die Absage dieser Tests brutal.
Das ist so. Alles war organisiert und geplant, für mich als Moto-GP-Rookie wären diese zwei Tage sehr, sehr wertvoll gewesen, um mich noch besser an die Maschine zu gewöhnen. Es ist unheimlich ärgerlich für mich, verbringe ich diese Woche nun doch in der Schweiz und nicht in Barcelona.

Wie gehen Sie mental mit dieser heiklen Situation um?
Ich bin lange genug im Geschäft, um mit Rückschlägen umgehen zu können. Ich mache Krafttraining, gehe in die Physio und erhole mich. Leider gab es in den letzten Wochen einige Stürze, das war teilweise auch schmerzhaft.

«Es ist unheimlich ärgerlich für mich, verbringe ich  diese Woche in der Schweiz und nicht in Barcelona.»Tom Lüthi

Sie haben nach fünf Saisonrennen als einer von 2 der 25 Fahrer noch keinen WM-Punkt geholt. Beunruhigt Sie das?
Selbstverständlich wäre ich gerne schneller gewesen und in die Punkteränge gefahren. Aber ich benötige nun mal Zeit in der neuen Töffklasse, das war mir ja bewusst gewesen. Es gab erfreuliche Phasen, aber leider auch immer wieder Stürze oder schlechte Starts in die Rennen. Wir hatten oft Probleme mit dem Vorderrad, auch deshalb wären die Tests in Barcelona so wichtig gewesen.

Sie fuhren auf die Ränge 16, 17, 18 und zuletzt wieder 16, beim zweitletzten Rennen in Jerez stürzten Sie und verpassten ­dadurch auf bittere Weise eine Top-15-Platzierung, weil Sie im Nachhinein wegen anderer Stürze locker in die Punkte hätten fahren können. Hat Sie das besonders geschmerzt?
Nein, nicht unbedingt, weil wir damals das Vorderrad einfach nicht in den Griff bekamen. Ich bin überzeugt, dass nicht viel fehlt, um den nächsten Schritt zu nehmen und konstant in die Punkte fahren zu können.

Und wie stark spüren Sie den Druck, weil es auch um Ihre Moto-GP-Zukunft geht und bereits über Ihre Rückkehr in die Moto-2-Kategorie spekuliert wird?
Druck hat man immer. Im Sommer geht es stets um die Verträge in der nächsten Saison, das weiss ich. Am wichtigsten für mich ist weiterhin, dass ich mich voll auf meine Aufgaben als Fahrer konzentriere. Es gefällt mir in der Moto GP, und es ist mein grosses Ziel, auch 2019 dabei zu sein.

Tom Lüthi hinterlässt im Gespräch keinen niedergeschlagenen Eindruck. Aber selbstverständlich beschäftigen ihn die Vorkommnisse in seinem Team. Und weil sich der ehrgeizige Lüthi auch mit dem holprigen Start in die Saison schwertut, befindet er sich gerade in einer delikaten Phase seiner erfolgreichen Karriere.

Er muss in den nächsten Rennen beweisen, Fortschritte realisiert zu haben, sonst dürfte es für ihn schwierig werden, in der Moto GP bleiben zu können. Wobei eine Rückkehr in die Moto 2 nicht nur Nachteile mit sich bringen würde. Als Siegfahrer und Weltmeisterkandidat stand er in den letzten Jahren deutlich stärker im Fokus der Öffent­lichkeit.

Erstellt: 24.05.2018, 10:16 Uhr

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