Ins Ziel eskortiert

Ein spanischer Nichtangriffspakt sichert Jorge Lorenzo im Duell mit dem Italiener Valentino Rossi den dritten Weltmeistertitel. Wie viel Friedfertigkeit erträgt der sportliche Wettbewerb?

Wie in einer Kunstformation fährt Lorenzo (vorn), flankiert von seinen Landsmännern Pedrosa (links) und Márquez, dem Triumph entgegen.

Wie in einer Kunstformation fährt Lorenzo (vorn), flankiert von seinen Landsmännern Pedrosa (links) und Márquez, dem Triumph entgegen. Bild: Alberto Saiz/Keystone

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Motorradrennen sind keine Länderspiele, eigentlich. Da fährt jeder für sich und jeder gegen jeden, selbst Teamkollegen untereinander. Als man aber dem Mallorquiner Jorge Lorenzo nach der Zieleinfahrt beim Saisonfinale im ­MotoGP in Valencia eine spanische Flagge in die Buckelverstrebung steckte, die in den Rennen die Wirbelsäule schützt, damit er damit noch eine triumphale Runde drehe, wohnte der obligaten Szene etwas mehr Patriotismus inne als andere Male. Wahrscheinlich zu viel.

Spanien schlägt Italien, und zwar ­geballt. In der Siegeseuphorie ging ­Lorenzo der Mund über. Er sagte, seine spanischen Kollegen Marc Márquez und Dani Pedrosa, beide bei einem rivalisierenden Rennstall angestellt, hätten ihm natürlich schon geholfen, da es bei ihm ja um so viel ging, um den dritten Titel in der Königsklasse. Darum hätten sie ihn nicht angegriffen, nicht überholt. Aus Respekt! Und für Spanien! Nanu? ­Erträgt der sportliche Wettbewerb denn so viel Friedfertigkeit?

Márquez beeilte sich, den siegestrunkenen Kollegen zu korrigieren. Er, sagte Márquez, fahre immer um den Sieg. Doch da war es schon zu spät. Dem «Rennen des Jahrhunderts», wie der Showdown zwischen Jorge Lorenzo und Valentino Rossi, beide Yamaha, auch ­genannt wurde, hängt nun dieser schale Beigeschmack an, dass es gar kein echtes Rennen war. Es gab Pfiffe für den ­Sieger, Pfiffe wegen Unsportlichkeit.

Aber noch einmal zurück zum Start. Alle Aufmerksamkeit gehörte zunächst dem grossen Darling des Motorradsports, Valentino Rossi eben, dem Überflieger auf zwei Rädern aus der italienischen Romagna, 36 Jahre alt. Sieben Punkte betrug sein Vorsprung auf den Teamkollegen Lorenzo, einen recht nüchternen Fahrer, 28 Jahre alt, von dem es heisst, er sei zwar schnell und ausgeglichen, aber nicht brillant. Ein Allrounder ohne herausragende Eigenschaften, ohne Hang zu Verrücktheiten.

Eine optische Täuschung

Rossi musste aus der achten und letzten Reihe starten, als Strafe für ein Scharmützel mit Márquez beim Grand Prix von Malaysia. Hinter dem ganzen Feld also, hinter 24 Fahrern, 72 Meter von der ersten Reihe entfernt. Folgte man der Logik dieses Sports, bei dem es um Hundertstel geht, dann sprach alles gegen «Vale». Aber was zählt Logik, fragten die italienischen Zeitungen, wenn Rossi, der «Dottore», daran doktert, einer, der in seiner Karriere schon so manche vermeintliche Gewissheit entkräftete?

Und Rossi startete gut und furios, überwand in den ersten Kurven eine Schar Statisten, das halbe Feld, kämpfte sich dann Runde um Runde und Rang um Rang nach vorne. In Runde 18 war er schon Vierter, ein Wunder, ein scheinbar unaufhaltsamer Run – und doch nur eine optische Täuschung. Der Abstand auf die vordersten drei war da schon so gross, dreizehn Sekunden nämlich, dass er nur auf eine glückliche Fügung hoffen konnte: auf einen Ausrutscher, einen Platzregen, auf ein abenteuerliches Manöver, auf einen Kampf Rad an Rad. Doch dem Trio da vorne stand das Gemüt nicht nach ­einem riskanten Fight, sie fuhren wie in einer Kunstformation: ganz vorne Lorenzo auf Yamaha, dann Márquez und Dani Pedrosa auf Honda. Alles Spanier.

Es sollte wohl so aussehen, als forderten sie sich alles ab. Für die Form. Doch selbst dem Laien fiel auf, dass Márquez den Kampf nur mimte und immer dann etwas grössere Radien fuhr, wenn er ganz nahe an Lorenzo dran war, wenn er zum Überholen hätte ansetzen können. Ja, müssen. Sieben-, achtmal mindestens. Das passte nun mal nicht zum Plan. Die drei da vorne harmonierten wie nach Drehbuch. In der Politik würde man es einen Nichtangriffspakt nennen, eine zwischenzeitliche Suspendierung der Streitigkeiten. Und Rossi drehte dahinter seine Runden in machtloser, trauriger Einsamkeit. Rang 4 reichte nicht, jedenfalls nicht bei einem Sieg Lorenzos.

Ein dickes Biskuit

Es hätte Rossis zehnte Weltmeisterschaft werden können, ein runder Traum. Die «Repubblica» hatte getitelt: «Ganz Italien auf dem Motorrad mit der Nummer 46.» Die «Gazzetta dello Sport» mochte noch in biblischen Tönen hoffen: «Die Letzten werden die Ersten sein.» Mit einem ­patriotischen Nichtangriffspakt hatte niemand gerechnet. Nach dem Rennen sagte Rossi, Márquez und Pedrosa hätten sich wie «Bodyguards» um Lorenzo gesorgt, damit der wohlbehalten zum Titel gelange. Die beiden hätten ein «Biscottone» gebildet zwischen ihm und Lorenzo, ein dickes Biskuit als Sicherheitspuffer, damit der ein Pölsterchen von fünf Punkten hinüberretten konnte.

In Rossis Worten schwang wohl auch ein bisschen Enttäuschung über sich selbst mit. Er hatte ja die ganze Saison hinweg das Klassement angeführt, endlich wieder einmal. Und scheiterte am Ende an den eigenen Nerven, vor zwei Wochen in jener Kurve 14 im GP von ­Malaysia, als er den aufsässigen Márquez, der mit ihm gar nicht so respektvoll umging wie nun mit seinem Landsmann Lorenzo, zu Sturz gebracht hat. Mit einem sanften, fatalen Kniestoss. Da hatte Italien schon verloren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.11.2015, 22:08 Uhr

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