Lichtgestalt im Schlamm

An diesem Wochenende strömen Zehntausende Motocrossfans nach Frauenfeld. Auch, weil der junge Zürcher Jeremy Seewer um den WM-Titel kämpft.

Getrübte Aussichten gibt es für Jeremy Seewer derzeit höchstens wegen der Bodenbeschaffenheit wie hier im russischen Orljonok. Foto: Ray Archer (Suzuki Racing)

Getrübte Aussichten gibt es für Jeremy Seewer derzeit höchstens wegen der Bodenbeschaffenheit wie hier im russischen Orljonok. Foto: Ray Archer (Suzuki Racing)

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Es sind Dimensionen, die sonst nur das Ausland kennt. 35'000 Zuschauer; 500 freiwillige Helfer; 1,6 Millionen Franken Budget; 600 Lastwagenladungen an Aushub und Humus, die von Baggern zu 20 Hindernissen aufgeschüttet werden; die grösste Fernsehstation des Landes überträgt live – von diesem Motorsportanlass. In der Schweiz.

Normalerweise ist diese Brachland für Anhänger röhrender Motoren und Spektakel auf zwei oder mehr Rädern. Doch in Frauenfeld ist das an diesem ­Wochenende anders. Da locken die besten Motocrossfahrer der Welt die Massen nach Gachnang, in den Westen des thurgauischen Hauptorts. Zum zweiten Mal nach 2016 ist man hier Veranstalter von WM-­Läufen. Am Sonntag jagen die Piloten der Kategorien MX2 (250-cm3-Motorräder) und MXGP (450-cm3-Maschinen) über die ­aufgebaute Buckelpiste.

«Jeder will mich siegen sehen»

Unter ihnen einer, der massgeblich verantwortlich ist für den Boom in seiner Heimat: Jeremy Seewer, 23-jährig, aus Bülach. Er befindet sich mit seiner ­Suzuki mitten im Kampf um den WM-­Titel in der MX2-Klasse. 50 Punkte Rückstand hat er derzeit auf den Letten Pauls ­Jonass, fünf Rennwochenenden stehen noch an, 250 Punkte gibt es maximal zu gewinnen. «Die Chancen werden immer kleiner», sagt Seewer, «aber wir haben die Hoffnung nicht verloren, wir geben alles. Ich versuche aber, nicht zu sehr an den Titel zu denken.» Und an das Drumherum, das gerade in Frauenfeld ein Ausmass annehmen wird, wie es der Zürcher vor ein paar Jahren noch für unmöglich gehalten hätte. «Ich spüre viel Druck. Schliesslich kommt jeder, um mich siegen zu sehen», sagt er. «Doch das ist normal. Ich will das ja auch.»

Seewer scheint ganz gut damit zurechtzukommen, dass er zu einer Grösse seines Sports aufgestiegen ist, dass er im Schlamm von Frauenfeld so etwas wie eine Lichtgestalt des Schweizer ­Motocross sein soll. Gelassen sagt er: «An den Rummel habe ich mich gewöhnt.» Dieser nimmt stetig zu.

Denis Birrer, der den Zürcher seit über einem Jahrzehnt eng begleitet und sämtliche Verträge für ihn aushandelt, sagt: «Es gibt viele Interviewanfragen von ausländischen Magazinen, und nun sind wir auch in der Schweiz auf dem Weg, nicht mehr nur eine Randsportart zu sein. Das hat viel mit Jeremy zu tun. Er kämpft als einer von drei Fahrern um den WM-Titel. Und von diesen ist er derjenige mit der besten Ausstrahlung.»

Der geschliffene Gegner

Seewer hat sich seinen Status hart ­erarbeitet, reiste mit seinen Eltern ­Wochenende für Wochenende an die Strecken in Italien und Belgien, um ­wenigstens im Ansatz die gleichen Trainingsbedingungen zu haben wie die ausländische Konkurrenz. Vielleicht macht ihn gerade das so interessant für Medien und Fans. Dass nicht alles so gradlinig verlief in seiner Karriere, nicht alles ­vorgezeichnet war wie etwa bei Pauls ­Jonass, seinem härtesten Gegner.

Dieser war bereits mit 12 Jahren in das Programm von Motocrossgigant KTM aufgenommen worden. Der heute 20-jährige Lette durchlief die Schule erfolgreich. Das Ergebnis: «Er macht keine Fehler, hat keine Ecken und Kanten: Böse gesagt ist Jonass ein Produkt von KTM», so formuliert es Birrer. Seewer sagt: «Ich habe eine kalte Beziehung zu ihm. Aber das ist mit jedem Gegner so. Wir respektieren einander, sagen Hallo und Tschüss – mehr aber nicht.»

Es geht ja auch um viel. Für Jonass. Für Seewer. Erst recht an diesem ­Wochenende.


Der Unverwüstliche

Wenn Jeremy Seewer nächstes Jahr in die MXGP aufsteigt, dann wird auch er noch immer dabei sein: Antonio «Tony» Cairoli, der unverwüstliche Italiener. Der 31-Jährige fährt gerade seine neunte Saison in der höchsten Klasse. Sechs WM-Titel hat er in dieser Zeit gefeiert – zuvor tat er das schon zweimal in der MX2-Kategorie. Und bereits führt der Mann aus Sizilien das Klassement wieder an.

«Ich kann ihn nur mit MotoGP-Star Valentino Rossi vergleichen», sagt Denis Birrer, der Manager von Seewer, der an diesem Wochenende als Experte für SRF in Frauenfeld weilen wird. «Die ­Passion, die er hat, das Herz, der unbedingte Wille, zu siegen – das alles macht ihn zu einem riesigen Vorbild.»

Möglichkeiten, um etwas von einem der grössten Motocrossfahrer der ­Geschichte zu lernen, hat Seewer zur Genüge. Dieser wohnt wie er im belgischen Lommel. (rha)


Im Gedenken an den toten Bruder

Die Ziffern auf seinem Motorrad sind klein. Schliesslich müssen drei Platz finden. 243, das ist die Startnummer des Slowenen Tim Gajser. Ein Geburtsdatum, 24. März, der Tag, an dem sein Bruder Zan zur Welt kam. Kennen gelernt hat ihn Tim Gajser nie.

1995, noch ein Jahr vor Tims Geburt, fiel Zan einem tragischen Unfall zum ­Opfer. Der damals Dreijährige lief während eines Motocrossrennens auf die Piste hinter einen Hügel, als sein Vater Bogomir mit seinem Motorrad angeflogen kam und Zan mit voller Wucht traf. Der Bub war sofort tot. Doch die Familie wandte sich nicht vom Sport ab, im Gegenteil. Sie konzentrierte sich ganz auf die Karriere von Tim, der noch einen älteren Bruder und zwei jüngere Schwestern hat. Mit Blick auf die Vorgeschichte sagt Tim Gajser: «Ich wollte so unbedingt Erfolg haben in diesem Sport.» Entsprechend kompromisslos kämpfte er sich hoch. 2015 gewann er den MX2-Titel; 2016, in seinem Premierenjahr, siegte er in der höchsten Kategorie. (rha)


Der Chrampfer zwischen Stuhl und Bank

2015 hätte das Jahr von Max Nagl werden sollen. Der Deutsche griff in seiner neunten Saison auf höchster Stufe erstmals nach dem Titel, führte in der Gesamtwertung. Dann erlitt er im Qualifying zum Heimrennen in Teutschenthal einen Fussbruch. Er verpasste fünf Rennen und den Coup.

Nicht nur deshalb bezeichnet Denis Birrer den Bayern als «tragische Figur». Sondern auch, weil der 30-Jährige, der im Vorjahr hinter Gajser und Cairoli ­Dritter wurde, nach elf Saisons keinen Platz mehr in der MXGP finden dürfte. Sein Team Husqvarna verlängert den Vertrag nicht. «Er war nie das riesige ­Talent, der grosse Stilist. Er ist ein Chrampfer, der sich alles hart erarbeiten musste. Er lieferte gute Resultate, aber wenn ein starker Junger kommt, dann fällt einer wie er zwischen Stuhl und Bank», sagt Birrer. So wird Nagl wohl ohne ganz ­grossen Titel bleiben. Sein Rückstand auf Cairoli beträgt 231 Punkte. (rha)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.08.2017, 23:52 Uhr

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