«Man wird kastriert»

Rückzugsgedanken, Ärger mit dem Motorenpartner und Hohn von der Konkurrenz: Red Bull macht in der Formel 1 schwere Zeiten durch.

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Wie schnelllebig die Sportwelt ist, zeigt derzeit die Situation von Red Bull in der Formel 1. Von 2010 bis 2013 dominierte das Brause-Team, allen voran der vierfache Weltmeister Sebastian Vettel, die Motorsport-Königsklasse beinahe nach Belieben, um in der darauffolgenden Saison die Mercedes-Heckflügel besser zu kennen als die eigene Boxengasse. Auch der Start ins aktuelle Rennjahr ist gründlich missglückt – der Vorjahresdritte Daniel Ricciardo wurde überrundet und landete auf Rang 6, Neuling Daniil Kwjat konnte wegen eines Getriebeschadens gar nicht erst starten.

Nach dem überlegenen Mercedes-Doppelsieg vom Wochenende prophezeite Red Bulls Motorsportberater Helmut Marko eine grosse Langeweile: «Vorne fahren einsam zwei Autos, und dahinter wird nicht überholt.» Gegenüber «Auto Motor und Sport» ging der 71-Jährige sogar noch einen Schritt weiter: «Wir sind unzufrieden damit, wie die Formel 1 regiert und geführt wird. Deshalb wird bei uns auch über ein Ausstiegsszenario nachgedacht, wenn die Kosten-Nutzen-Rechnung nicht mehr aufgeht.»

«Geht doch zur Klagemauer»

Beim derzeitigen Branchenprimus hingegen hat man für solche Beschwerden maximal ein müdes Lächeln übrig. «In Jerusalem hat es eine Mauer, dort könnt ihr hin», lautete der ungewohnt heftige Kommentar von Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff.

Möglicherweise ist man im Lager der Silberpfeile deshalb mittlerweile etwas angesäuert, weil der Red-Bull-Designer Adrian Newey öffentlich die Frage aufwarf, ob die FIA mit zweierlei Mass misst. «Laufend wurden Ideen von uns verboten, um uns einzubremsen. Zum Beispiel der angeblasene Diffusor und die Motorsteuerung», polterte Newey, der jahrelang das überlegene Chassis für Vettel entworfen hatte: «Bei Mercedes sagt keiner etwas.» Marko findet sogar, dass Designer wie Newey «kastriert» würden, und zieht in Betracht, dass der Patron der Trendmarke keinen Spass daran hat: «Es gibt das Risiko, dass Herr Mateschitz seine Formel-1-Leidenschaft verliert.»

Ferrari als Verbündeten verloren

Der Grazer Marko ärgerte sich zudem, dass sein Rennstall in seinen dominanten Jahren zu flexible Flügel mehrmals ändern musste, «aber gut, dann werden die Einschaltquoten und das Interesse eben weiter runtergehen».

Im Kampf gegen die Dominanz der Silberpfeile haben die Österreicher auch noch einen wichtigen Support verloren: Ferrari, vormals unzufrieden, feierte mit Vettels drittem Rang in Melbourne den inoffiziellen «Best-of-the-rest-Sieg», weshalb man nicht mehr grosse Lust hat, das Reglement zu kritisieren. «Unsere Aufgabe ist es, Mercedes zu attackieren und nicht schon wieder die Regeln zu ändern», sagte der Teamchef der Scuderia, Maurizio Arrivabene.

Und dann noch Krach mit dem Lieferanten

Neben dem Ärger mit der FIA und dem Hohn aus dem Silberpfeil-Lager ist die dritte Baustelle für Red Bull quasi hausgemacht. Denn Motorenpartner Renault fehlen laut eigener Schätzung bis zu 100 PS auf die Weltmeister. «Es ist frustrierend, einen Motor zu bekommen, der so weit zurückliegt», klagte Newey und deutet ein offenbar gestörtes Verhältnis zum Lieferanten an: «Es scheint eine richtige Abneigung seitens Renaults zu geben, uns aufzunehmen.»

Und was sagt der als wenig zurückhaltend geltende Formel-1-Boss Bernie Ecclestone dazu? Bisher noch gar nichts, vielleicht weil er insgeheim gar ein bisschen Verständnis für die entthronten Könige aufbringt. Schliesslich sagte der Multimilliardär kürzlich, dass er glaube, einer der beiden Mercedes-Fahrer werde Weltmeister. Schliesslich ging Ecclestone noch einen Schritt weiter: «Ich setze sogar alles, was ich besitze, auf diesen Tipp.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.03.2015, 15:15 Uhr

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