Sie ist stolz auf den Beinamen Pitbull

Milena Körner ist in der 70-jährigen Motorrad-WM-Geschichte die erste Teamchefin.

«Ich habe eine ungewöhnliche Arbeit. Aber ich habe nie etwas anderes gewollt»: Milena Körner, Chefin des Moto2-Teams MV Agusta. Foto: Jesus Robledo Blanco

«Ich habe eine ungewöhnliche Arbeit. Aber ich habe nie etwas anderes gewollt»: Milena Körner, Chefin des Moto2-Teams MV Agusta. Foto: Jesus Robledo Blanco

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Die Ansagen auf Whatsapp sind klar und direkt. «Ich habe nur jetzt noch Zeit», schreibt Milena Körner. Und kurz darauf: «Ich warte in der Box.»

In der Box von MV Agusta sind ganz viele Männer. Nur der Chef ist eine Frau. Und erst noch jung. 34 ist Milena Körner, sie stellt die Welt der Motorräder und Machos auf den Kopf. Mit ein paar Handbewegungen bedeutet sie ihren Mitarbeitern, den Raum zu verlassen. Fürs Gespräch mit dem Journalisten benötigt sie Ruhe – und keine pausenlos plaudernden Italiener.

Es ist Mitte September, GP von San Marino in Misano, eine Art Heimrennen von MV Agusta, dem traditionsreichen italienischen Rennstall, der 2019 nach 42-jähriger Absenz sein Comeback im Moto-Zirkus gab. Teamchefin Körner hat nicht nur deswegen viel zu tun. MV Agusta mit dem Schweizer Fahrer Dominique Aegerter fährt der Moto2-Konkurrenz noch hinterher. «Das ist normal», sagt Körner, «wir müssen viel aufholen und lernen, sind aber auf einem sehr guten Weg. Das ist ein langfristiges Projekt, wir realisieren ständig Fortschritte und sind zufrieden mit der ersten Saison.»

Ihre Rolle – eine Sensation. Bild: Keystone.

Und dann zählt sie all die grossen und kleinen Dinge auf, die es zu erledigen gibt. Sitzungen, Analysen, Abstimmungen, die Tage sind lang und die Nächte kurz. «Die Leidenschaft treibt uns an, wir haben alle die Vision, so schnell wie möglich um Siege kämpfen zu können.»

Liebe auf den ersten Blick beim GP-Besuch mit 13

Milena Körner ist der erste weibliche Teamboss in der seit 1949 ausgetragenen Motorrad-WM. Ihre Rolle ist, selbst wenn die Zeiten 2019 anders sind, eine Sensation. Es ist, wie wenn ein Mann im Synchronschwimmen Verantwortung übernehmen würde. Und irgendwie noch viel mehr.

Denn der MotoGP-Zirkus ist stärker noch als die Formel 1 ein raues Geschäft mit harten Kerlen. Die zierliche Körner stellt man sich auf den ersten Blick eher nicht als Leiterin einer Bande von italienischen Motorradfreaks vor. Nach den ersten Worten allerdings wird einem bewusst, wie wichtig es ihr ist, nicht auf ihr Geschlecht reduziert zu werden. Sie fragt streng: «Wen interessiert es, dass ich eine Frau bin?» Entscheidend seien Fachwissen, Enthusiasmus, Leistung.

Es sind Kategorien, in denen Körner sich keineswegs verstecken muss. Sie wuchs in der Nähe von Zwickau auf, rund 20 Autominuten vom Sachsenring entfernt, und sie war 13, als ihre Grosseltern sie erstmals an einen GP mitnahmen. «Es war Liebe auf den ersten Blick», sagt die Deutsche. Sie habe keinen Pass fürs Fahrerlager gehabt, sei aber über zwei Stunden beim Eingang herumgelungert, bis die Sicherheitsleute ein Einsehen gehabt hätten. Regelmässig besuchte sie als Teenager Rennen, auch ihr Vater ist Fan. «Andere Mädchen interessierten sich für Pferde oder Volleyball, ich für Motorräder.»

Sie lernte die GP-Welt bei Besuchen immer besser kennen, knüpfte Kontakte, erhielt erste Aufträge – auch als eines der Boxengirls, die im Motorradsport bald abgeschafft werden sollen.

Körner studierte Betriebswirtschaftslehre und interkulturelle Kommunikation. Absolvierte ein Austauschjahr in Italien. Lernte die GP-Welt bei Besuchen immer besser kennen, knüpfte Kontakte, erhielt erste Aufträge – auch als eines der Boxengirls, die im Motorradsport bald ebenfalls abgeschafft werden sollen. «Klar sehen manche die jungen Frauen als Objekt, vielleicht gar als Sexobjekt», sagt sie, «aber das sind Klischees. Viele machen das, um ihr Studium zu finanzieren, die Welt zu bereisen, spannende Leute kennen zu lernen.»

Seit 15 Jahren ist Körner im Business unterwegs. Als Gästebetreuerin, im Marketing und in der Logistik, sie erledigte lange die Pressearbeit für das Tech3-Team, war Koordinatorin und verdiente sich den Spitznamen «Pitbull», auf den sie durchaus stolz ist. «Man muss sich Respekt verschaffen», sagt sie. Neben Deutsch und Italienisch spricht Körner Spanisch, Französisch, Englisch, sie ist unkompliziert und schnell und hat keine Mühe, selbstbewusst aufzutreten. «Ich kann unangenehm werden, wenn etwas nicht umgesetzt wird.»

Natürlich erlebt Körner regelmässig Momente, in denen sie es als Frau schwer hat. «Am Anfang merke ich oft, dass man mir nicht die gleichen Qualifikationen zutraut wie einem Mann. Aber wenn man mich einmal kennt, gibt es keine Probleme mehr.» Sie ist detailversessen, weiss Bescheid über das Innenleben eines Motorrads, überrascht damit die Mechaniker, die zuweilen wohl Mühe haben, von einer Frau dirigiert zu werden. «Es war nicht immer einfach. Das Denken ist halt: Eine Frau hat keine Ahnung von Motorrädern.»

Heute werde sie respektiert. Und wenn die Männer das Gefühl hätten, sie seien unter sich, habe sie gelernt, auch mal wegzuhören. «Niemand muss sich verstellen.»

Ihr Aufstieg ist die Konsequenz ihres beharrlichen Weges

Seit 2017 führt Körner den Rennstall des schillernden Besitzers Giovanni Cuzari. Vielleicht ist es die Konsequenz ihres beharrlichen Weges. Sie selber sagt, es sei nie ihr Ziel gewesen, Teamchefin zu werden. «Auch all die anderen Aufgaben haben viel Spass gemacht.»

Das MotoGP-Leben sei intensiv, mit vielen Reisen auf allen Kontinenten, manchmal sei sie monatelang nicht zu Hause in Italien, wo sie mit ihrem Freund lebt. Eine Familie zu gründen jedenfalls sei derzeit kein Thema. «Ich habe eine ungewöhnliche Arbeit. Aber ich habe nie etwas anderes gewollt.»

Und so würde nicht überraschen, sollte Körners Aufstieg weitergehen. Sie hat den Ruf einer akribischen, zuweilen gar pedantischen Chefin. Und ihre weiblichen Soft Skills erlauben ihr einen gewissermassen einzigartigen Blick auf die Dinge. Dominique Aegerter sagt, er habe nie das Gefühl gehabt, Körner sei unvorbereitet. «Sie ist eine Perfektionistin», sagt er. Und Aegerters Manager Oliver Imfeld, der mit Körner seit Monaten über eine Weiterbeschäftigung seines Fahrers verhandelt, beschreibt die Deutsche als «konsequent, ehrlich, kompetent».

Aegerter: «Sie ist eine Perfektionistin.» Bild: Instagram

Mitte November ist Saisonende – und Körner wird ein paar Tage Ruhe finden. «Wenn ich dann zu Hause bin, denke ich, es wäre schön, all die Dinge mehr zu geniessen, die ich mag. Aber schon nach kurzer Zeit zieht es mich zurück.» Hobbys wie Boxen und Fitness rücken wieder in den Hintergrund.

Als Pionierin jedoch sieht sich Milena Körner nicht. «Es wird nicht bald mehrere weibliche Teamchefs geben. Das ist und bleibt ein von Männern dominiertes Geschäft.» Es stört sie nicht. «Ich habe nie darauf geachtet, was andere sagen.»

Erstellt: 04.11.2019, 20:37 Uhr

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