Und jetzt ist er der Zweitbeste der Welt

Jeremy Seewer hat einen spektakulären Aufstieg in die Weltspitze der höchsten WM-Klasse hinter sich. Nun ist der Motocross-Titel sein Ziel. Dafür sitzt er 120 Tage im Jahr auf dem Motorrad.

Nur einer war in der WM besser als der junge Bülacher Jeremy Seewer.

Nur einer war in der WM besser als der junge Bülacher Jeremy Seewer. Bild: Robertus Pudyanto (Getty Images)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wer Jeremy Seewer zuhört, der würde ihn am liebsten wachrütteln. Zweiter ist er geworden in der MXGP, der höchsten Klasse der Motocross-WM. Es ist ein riesiger Coup. Kein Schweizer hat jemals Ähnliches vollbracht wie der junge Mann aus Bülach. Und dann redet er darüber in einer Art, als würde er einen Vortrag über die Bundesfinanzen halten.

Er, aus der kleinen, wenig motorsportfreundlichen Schweiz, ist Weltklasse. «Das ist mir schon bewusst, aber auf einem gewissen Niveau ist das auch normal geworden.» Das ist, was der 25-Jährige dazu sagt. Es könnte ihm als Arroganz ausgelegt werden. Wer mit ihm redet, weiss: Es ist alles andere. Seewer muss schlicht so denken, will er sich nicht verrückt machen lassen. «Würde ich mir jeden Tag sagen: Ich bin in der Weltspitze, dann würde das nicht gehen. Wäre es nicht ganz normal geworden für mich, wäre ich nicht so erfolgreich.»

«Wenn ich all die Namen durchgehe und realisiere, dass nur einer von ihnen vor mir liegt, ist das schon heftig.»Jeremy Seewer

Das also ist die Realität: Zweiter in der WM der Grossen, geschlagen nur vom Slowenen Tim Gajser, einem Weltmeister in der Vorstufe MX2, zweifachen Weltmeister in der MXGP, einem der Stars der Szene. Dahinter ein Sammelsurium an weiteren Lichtgestalten. «Wenn ich all die Namen durchgehe und realisiere, dass nur einer von ihnen vor mir liegt, ist das schon heftig», sagt Seewer – es hat schon fast etwas von Euphorie. Der Nebensatz, der folgt, weniger: «Aber ich sollte mich jetzt nicht darauf ausruhen, schon bald folgen die nächsten Ziele.»

Es ist diese Haltung, die Seewer dorthin gebracht hat, wo er nun ist. Er lässt sich nicht beirren, nicht von Erfolgen, nicht von Enttäuschungen, von Zweiflern oder Schulterklopfern. Er hat es immer so gehandhabt.

Vater schraubt, Sohn baggert

Manch einer hat den Aufwand, den die Seewers früher betrieben, als Spinnerei abgetan. 5000 Kilometer legten sie im Jahr zurück, damit der Junior Rennen fahren und auf Pisten trainieren konnte, die es in der Schweiz nicht gibt. Vater René, einst selber Rennfahrer, schraubte zu Hause in der Motorradwerkstatt in seiner Freizeit am Töff. Jeremy baggerte mit seinem Bruder Roger im Garten zehn Hügel zusammen, auf denen sie jede freie Minute ihre Runden drehten.

Vor dem Elternhaus begann der Weg, der für einen Schweizer mit unüberwindbaren Hürden durchsetzt schien. Seewer meisterte ihn, Stufe für Stufe, wundersam geradlinig. 2011 wurde er Zweiter an der Junioren-WM, 2012 Fünfter in der EM, im Folgejahr Zweiter, 2014 stieg er in die MX2 auf, wurde Zehnter, Fünfter und zweimal Zweiter. Im letzten Jahr debütierte er auf höchster Stufe mit der kräftigen und schweren 450-cm³-Maschine. Es gab Rang 8 für den Rookie. Schon das ein Exploit.

Jeremy Seewer hat in der MXGP Dreck und Schlamm, vor allem aber viel Staub aufgewirbelt. Foto: Robertus Pudyanto (Getty Images)

Was in dieser Saison folgte, die Seewer am vorletzten Wochenende mit den Rängen 4 und 3 in Hongkong abschloss, nennt er «sehr, sehr stark». Eigentlich war es deutlich mehr. «Trotzdem bleibt für mich alles gleich. Ich mache weiter wie bisher, schliesslich habe ich mein grösstes Ziel noch nicht erreicht.» Der WM-Titel, davon spricht der Zürcher. «Weit ist es nicht mehr», sagt Seewer, «und doch ist es noch ein grosser Schritt.»

Was ihm noch fehlt? «Wenn ich sehen würde, was ich noch klar besser machen müsste, wäre das zu einfach. Ich bewege mich auf einem Level, auf dem es nur noch um Kleinigkeiten geht, die schwierig herauszufiltern sind», sagt er. Die Anforderungen an ihn sind sowohl körperlich als auch psychisch riesig. Dennoch verzichtet Seewer auf die Arbeit mit einem Mentaltrainer. «Ich habe sehr viel gelernt über die mentale Komponente, ich weiss, wie ich mich einstellen muss. Ich bin mein eigener Mentaltrainer.» Der Ablauf vor dem Start sei stets derselbe, er geht im Kopf noch einmal die Piste durch «und ich glaube an meine Fähigkeiten. Solche Faktoren sind entscheidend.» Wichtig auch, dass die Teammitglieder wissen, wie sie mit ihm umgehen müssen.

Den strengen Lehrer zur Seite

Als erster Schweizer ist er in einem Werksteam untergekommen, bei Yamaha, wo sich über 20 Leute um ihn und Romain Febvre kümmern, seinen Teamkollegen und einer dieser einstigen Weltmeister, die Seewer hinter sich liess. Die Mannschaft stellt ihm einen Trainingsmechaniker zur Seite, der in der Vorbereitung dabei ist. 80 Tage im Jahr sitzt Seewer auf dem Motorrad – die 18 Grands Prix und das MX of Nations vom kommenden Sonntag in Assen ausgenommen, 120 Tage kommen so zusammen.

«Mein Trainingsmechaniker ist mein strengster Lehrer», sagt Seewer. «Würde er mir andauernd sagen, wie gut ich bin, ginge es nicht. ­Jeder braucht Leute, die ihn ­kritisieren.» Früher sei das sein Vater gewesen. Mittlerweile ist dieser nur noch geniessender Zuschauer und der Junior nur selten zu Gast zu Hause in Bülach.

Seewer wohnt im belgischen Lommel, Motocross-Mekka. In höchstens zwei Autostunden findet er 15 Pisten mit sämtlichen Unterlagen, weich, hart, Sand, Lehm. Manchmal, da denkt er kurz darüber nach, wo er jetzt wohl stünde, wäre er hier aufgewachsen, hätte er früher ganz auf Motocross gesetzt wie viele seiner Gegner – und nicht erst eine Ausbildung zum Polymechaniker gemacht. Dann verwirft er die Gedanken. Was sollen sie auch? Er ist dort, wo er sich als kleiner Bub immer hingeträumt hat. Und vielleicht, sagt er, hilft ihm ja jetzt auch, dass er für seine Karriere hatte kämpfen müssen. Er weiss, was es heisst, ein Ziel mit aller Konsequenz zu verfolgen.

Das zahlt sich nun aus. Auch finanziell. Zahlen nennt Seewer nicht, die Besten seines Sports würden aber um eine Million Franken verdienen. «Ich verdiene auch gut», sagt er, «aber wenn ich zurückdenke, was wir alles investiert haben… Seit ich sieben war, lebe ich diesen Sport. Es ist schön, dass etwas zurückkommt. Aber es ist ein hartes Business, ich kann mich verletzen und bin schnell weg vom Fenster.» Also will er den Moment geniessen. So gut das eben geht im harten Kampf in der Weltspitze.

Erstellt: 24.09.2019, 11:59 Uhr

Geschwächt ans MX of Nations

Es hätte zum Höhepunkt der Schweizer werden können: das MX of Nations vor Zehntausenden Fans am Sonntag in Assen. Doch beim letzten MXGP-Rennen verletzte sich der WM-Fünfte Arnaud Tonus an der Hand. Amateur Cyrill Scheiwiller ersetzt ihn. Neben ihm und Seewer startet Valentin Guillod, der verletzt praktisch die ganze MXGP-Saison verpasste. (rha)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Grosser Sammelspass für die ganze Familie

Perfekt für kalte Wintertage: Bei jedem Einkauf Marken sammeln und gegen exklusive «Disney Winterzauber»-Prämien von Coop eintauschen!

Kommentare

Blogs

Sweet Home Einmal flachlegen, bitte

Mamablog «Spiel mir das Lied vom Trotz»

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Fast wie auf der Titanic: Ein Liebespaar betrachtet die untergehende Sonne im untergehenden Venedig (17. November 2019).
(Bild: Luca Bruno) Mehr...