Aegerter braucht Geld

Dominique Aegerter kämpft erneut um seine Karriere – sportlich und wirtschaftlich. Ihm fehlen Sponsoren.

Fährt mit seinem Team MV Augusta meist hinterher: Dominique Aegerter.

Fährt mit seinem Team MV Augusta meist hinterher: Dominique Aegerter. Bild: Keystone

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Um Dominique Aegerter zu verstehen, muss man ihn kennen. Und um ihn zu kennen, muss man ihn verstehen. 28 ist der Motorradfahrer mittlerweile, er ist jungenhaft geblieben, lebensfroh, gutmütig, unbedarft. Man könnte, wenn man ihm böse sein wollte, behaupten, er sei manchmal naiv. Oliver Imfeld aber sagt: «Aegerter ist ein Glücksfall für jeden Arbeitgeber. Jeder andere Fahrer wäre nicht so positiv. Er nimmt die Sache, wie sie ist, und macht das Beste daraus.»

Imfeld ist der bestens vernetzte Manager, der bis Ende Juni während 30 Jahren DJ Bobo betreute. Seit ein paar Monaten kümmert er sich um Aegerter, es ist eine schwierige Aufgabe, weil die Karriere des Piloten schon wieder in der Sackgasse steckt.

2013 und 2014 wurde Aegerter WM-Fünfter in der Moto-2-Kategorie, er überzeugte mit Startmanövern und Konstanz. Es heisst, er habe zwischen 2014 und 2017 eine halbe Million Franken brutto jährlich kassiert. ­Aegerter schmunzelt, wenn er darauf angesprochen wird, sagt dann, er möchte nicht übers Geld reden, tut es dann aber doch ­ungewöhnlich offen. Er habe gut verdient, ja, und auch einiges auf die Seite legen können. «Aber es war nicht so viel. Und geht es so weiter, ist das Geld bald weg.»

Paydriver auf Geldsuche

Hört man Aegerter zu, ist man fasziniert, wie authentisch er ist. Oder wie naiv. Vielleicht beides. Wobei: Als naiv empfinden ihn wohl vor allem Menschen, die selber nicht so zugänglich sind.

Aegerter lebt also von seinem Ersparten, um weiter als WM-­Pilot unterwegs sein zu können. Er blickt auf zwei äusserst schwierige Jahre zurück, 2018 half ein Crowdfunding mit, die Saison zu finanzieren, es kam etwas mehr als eine Viertelmillion zusammen – Rekord für einen Schweizer Sportler. Beim Rennstall Kiefer habe er rund 700'000 Franken bezahlen müssen, um dabei sein zu dürfen, sagt er, in diesem Jahr bei MV Agusta sei es etwa die Hälfte. Und noch fehle ein tiefer sechsstelliger Betrag.

Knapp die Hälfte aller Moto-2-Fahrer wird bezahlt, der Rest sind Paydriver, die Geld mitbringen. Im besten Fall durch Sponsoren. «Ich habe leider keinen Millionär in der Familie», sagt Aegerter. Selbst für ein frohes Gemüt wie ihn ist die Situation belastend. In diesem Sommer aber wirkt er noch motivierter, noch kämpferischer, noch überzeugter, einen Weg zurück zum Erfolg zu finden: «Ich weiss, dass ich ein Top-5-Fahrer sein kann.»

Dominique Aegerter ist ein ausgeprägter Familienmensch, mittlerweile arbeitet der Bruder zu 100 Prozent für ihn, den Lohn bezahlt er («Kevin muss ja auch leben können»), das 50-Prozent-Pensum der Mutter dagegen ist unentgeltlich. «Ich spüre grosse Unterstützung», sagt Aegerter und fügt an: «Das ist auch eine Verpflichtung.»

Aegerters Basis ist zu Hause im beschaulichen Rohrbach im Oberaargau. Hier besass der ­Vater eine Garage, hier fuhr er als Dreijähriger erstmals auf einem kleinen Motorrad umher, hier tankt er Kraft. In der Sommerpause war er zwei Wochen in Japan, er nahm zum sechsten Mal am traditionsreichen 8-Stunden-Rennen von Suzuka teil. Und es lief, natürlich, nicht wunsch­gemäss. Nach drei Podestplätzen seit 2016 erreichte er mit seinem Honda-Team und zusammen mit Xavi Fores und Ryo Mizuno Rang 6. «Wir waren schnell, ich war sehr schnell», sagt Aegerter, «aber ­leider hatten wir eine ­harte 90-Sekunden-Strafe erhalten und mussten in der Boxengasse starten.» Ein Mechaniker hatte die Reifenmarkierung im ­Training falsch angebracht. Von Rang 66 fuhr das Trio nach vorne, mehr als Platz 6 sei nicht möglich gewesen. «Aber es war wie immer grosser Fun in ­Suzuka.»

Am Wochenende geht der Alltag für Aegerter mit dem GP von Tschechien in Brünn weiter. Seit dieser Saison ist er bei MV Augusta unter Vertrag, es ist eine traditionsreiche Marke aus ­Italien: 1945 gegründet, 75 WM-Titel, 274 GP-Siege, mehr als 3000 Podestplätze. Allein 109 Rennen gewann der legendäre Giacomo Agostini, der 13 seiner 15 WM-Titel für MV Agusta holte.

Das ist lange her. 2019 gab der Rennstall nach 42 Jahren sein Comeback, wie erwartet tut er sich schwer. Aegerters Töff ist zu langsam dafür, an Top-5-Ergebnisse zu denken, einmal wurde er Neunter, das war in Assen, das nächste Mal resultierte Platz 20.

Zwölf Punkte nach neun ­Rennen bedeuten Rang 19 in der Gesamtwertung. «Das ist enttäuschend», sagt Aegerter, «aber wir machen Fortschritte.» Probleme gibt es überall, Aerodynamik und Grip, Chassis und Abstimmung. Ist eines halbwegs gelöst, taucht ein anderes auf. «Ich bin sicher, dass wir bald besser sind», sagt Aegerter. «Das ist ein sehr spannendes Projekt.»

Aufgeben ist keine Option

Noch weiss Aegerter nicht, in welchem Team er 2020 fahren wird. Er würde ganz gerne bei MV Agusta bleiben. «Aber entscheidend ist, dass ich nächstes Jahr wieder Geld verdiene.» ­Manager Imfeld, der einst Autorennen fuhr und die Motoszene seit Jahrzehnten verfolgt, führt viele Gespräche. «Dominique besitzt grosses Potenzial», sagt Imfeld, «als ­Fahrer und als Werbefigur.»

In der Vergangenheit fiel ­Aegerter manchmal mit zweifelhaften Entscheidungen auf. Er pokerte zu hoch, überschätzte seine Position. Nun geht es ­einzig darum, die Karriere zu retten. Aegerter stand immer im Schatten von Tom Lüthi, Berner wie er, aber erfolgreicher und besser, vielleicht auch akribischer und fokussierter. Lüthi ist 2019 nach seiner Rückkehr in die Moto2 sofort wieder Titelkandidat. Imfeld findet, Aegerter werde wegen seiner fröhlichen Art in eine falsche Schublade gesteckt: «Er arbeitet hart und ist enorm ehrgeizig.» Und Aegerter meint, er habe bewiesen, ein Siegfahrer sein zu können.

Genau genommen gewann er einmal, 2014 auf dem Sachsenring. Und im Herbst 2017 triumphierte er in Misano vor Lüthi, nachträglich aber wurde ihm der Sieg aberkannt, weil im Qualifying eine Ölprobe entnommen worden war, die sich als nicht ­regelkonform erwies. Aegerter war zwar schuldlos, doch aus dem historischen Schweizer Doppelsieg wurde Lüthis 16. GP-Erfolg.

Seither geht es für Aegerter fast nur noch abwärts. Aufgeben aber kommt nicht infrage, und es klingt wie sein ganz persön­liches Motto, als er einmal sagt: «Es kommt schon gut.»

Erstellt: 02.08.2019, 21:34 Uhr

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