«Dann bleibt das Auto einfach stehen»

Sauber droht wegen eines Urteils vor dem F1-Start am Sonntag ein Chaos. Wie geht es weiter und was kann das Team nun tun? Dazu Formel-1-Experte Marc Surer.

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Was halten Sie vom Urteil des australischen Richters, das Giedo van der Garde recht gab?
Offensichtlich muss der Vertrag hieb- und stichfest sein, denn es ist ja – neben dem Schiedsgericht in der Schweiz – bereits der zweite Richter, der zugunsten von Van der Garde entschied. Nur sind natürlich beides Richter, die keine Ahnung haben von der Formel 1. Dass ein Team ohne Geld nicht fahren kann, wird einfach übersehen. Sie richten sich nur nach dem Wortlaut.

Sie waren also überrascht vom Urteil?
Ja, weil es überhaupt überraschend war, dass sich jemand einen Platz in einem Auto erzwingen will. Das funktioniert ja sowieso nicht. Das Auto bleibt dann einfach nach einer Runde stehen. Was Van der Garde damit erreichen will, ist unsinnig. In einem Team, das den Fahrer nicht mehr will, hat dieser doch keine Chance. Er will wohl einfach damit bezwecken, dass er recht bekommt, weil er sich betrogen fühlt.

Glauben Sie, dass das Team Van der Garde absichtlich ein schlechtes Auto zur Verfügung stellen würde, wenn er denn für Sauber fahren wird?
Das ist die grosse Frage. Schliesslich muss Sauber ja mit zwei Autos antreten. Aber: Lassen sie Van der Garde korrekt fahren, weil sie derzeit über ein gutes Auto verfügen, mit dem Punkte geholt werden können? Oder wollen sie ihn zurückbinden, indem sie ihn wegen eines technischen Problems stehen lassen? Dann wären aber 50 Prozent der Chance auf Punkte weg. Also: Lassen sie ihn leerlaufen? Oder betreuen sie ihn gut und beissen in den sauren Apfel, um dann nach diesem Rennen weiterzuschauen?

Das Urteil soll aber für die ganze Saison gelten.
Das hat mich auch überrascht. Aber eben: Es muss doch noch ein Gericht urteilen, das auch Ahnung von der Formel 1 hat und weiss, dass ohne Geld nichts läuft.

Was würde es für Sauber finanziell bedeuten, wenn sich Van der Garde auf der ganzen Linie durchsetzen würde?
Das wäre eine Katastrophe. Sie haben mit Felipe Nasr und Marcus Ericsson ja zwei Fahrer, deren Sponsoren bereits bezahlt haben. Dann kommt ein Dritter, der ihnen das Auto streitig macht … Es ist nicht absehbar, was das bedeuten wird. Denn Sauber konnte ja nur deshalb überleben, weil es eben diese zwei Fahrer zusätzlich verpflichtet hat, die genügend Geld bringen. Ohne sie hätte Sauber den Winter gar nicht überlebt. Ein Gericht, das die Formel 1 kennt, würde sagen: Die Umstände haben nichts anderes zugelassen. Und ein Fahrer, der dieses Business kennt, sollte eigentlich auch wissen, dass so etwas passieren kann. In jedem Vertrag, den ich hatte, stand jeweils, er könne aus höheren Gründen gekündigt werden. Was das heisst, wurde zwar nicht definiert. Aber finanzielle Schwierigkeiten gehören wohl dazu.

Sind Vertragsbrüche in der Formel 1 an der Tagesordnung?
Vertragsbrüche gab es immer. Oft ist es auch so, dass ein Fahrer ein Team verlässt. Wie es Sauber im Übrigen auch schon passiert ist, als McLaren-Mercedes Kimi Räikkönen holte. Plötzlich fuhr das Sauber-Team danach mit Mercedes-Lastwagen vor, offensichtlich lief da ein Deal im Hintergrund. Das gab es schon oft, dass ein Pilot aussteigt, weil er ein besseres Angebot erhalten hat. Aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass jemals ein Fahrer ein Team eingeklagt hat, das ist schon ungewöhnlich.

Wie sehr schadet sich Van der Garde damit?
Dieser Fahrer wird nirgends mehr einen Vertrag bekommen. Ausser in einem Team, das ihn einfach wegen des Geldes nimmt. Für Van der Grade war das wohl der letzte Strohhalm, um in der Formel 1 zu bleiben. Denn er ist mit 29 Jahren ja eigentlich zu alt, um in der Formel 1 noch Fuss zu fassen.

Haben die Verantwortlichen bei Sauber die Situation unterschätzt?
Ja, auch das ist erstaunlich, ist Teamchefin Monisha Kaltenborn doch Rechtsanwältin. Nur: Zu diesem Zeitpunkt, als sie den Vertrag mit Van der Garde abschloss (im Juni 2014), ging sie auch davon aus, mit ihm weiterzufahren. Er bringt ja auch eine Mitgift mit. Aber weil sich die Situation zugespitzt hat, musste man sich eben für die zwei anderen Fahrer entscheiden.

Ist Monisha Kaltenborn noch tragbar?
Sie ist sogar die Einzige, die einen Ausweg finden kann. Sie kennt die Formel 1 und die rechtliche Situation. Sie ist genau die Richtige, um aus diesem Schlamassel herauszukommen.

Wenn nicht, würde das das Ende von Sauber bedeuten?
Das weiss ich nicht. Aber irgendwie werden sie da schon rauskommen. Auch wenn Van der Garde in Melbourne im Cockpit sitzt, würde ich darauf wetten, dass er das in zwei Wochen in Malaysia bereits nicht mehr tut.

Die Verantwortlichen von Sauber sagen, es sei nicht möglich, das Auto innert zwei Tagen für einen neuen Fahrer anzupassen. Was halten Sie von diesem Argument?
Naja, der Sitz muss gemacht werden. Das ist in ein paar Stunden möglich – wenn man denn will. Schlimmstenfalls hätte Sauber vielleicht noch einen Sitz von Van der Garde aus dem Vorjahr, den man einpassen könnte. Das kann nicht das Problem sein.

Und dass Van der Garde ein Sicherheitsrisiko darstellen würde, weil er das Auto nicht kennt?
Dann hätte man ihn auch letztes Jahr nie an einem Freitag fahren lassen dürfen.

Es sind also fadenscheinige Argumente von Sauber?
Ja, es sind schwache Argumente. Das lässt darauf schliessen, dass der Vertrag eindeutig ist, sonst wären ihnen andere Argumente eingefallen.

Warum hat der Internationale Automobilverband FIA noch nicht eingegriffen?
Auch das erstaunt mich. Denn die FIA hat ja eine Kopie von jedem Vertrag, der abgeschlossen wurde. Es war auch der FIA bekannt, dass Sutil und Van der Garde zu diesem Zeitpunkt Verträge hatten, als diejenigen mit Nasr und Ericsson abgeschlossen wurden.

Was ist Sauber unter diesen Umständen zuzutrauen?
Punkte sind in jedem Rennen möglich. Diesbezüglich wird es also nicht mehr so schlimm wie letztes Jahr.

Erstellt: 11.03.2015, 13:13 Uhr

Das wünscht dem Sauber-Team niemand: Stillstand in der Box. (Archiv)

Experte: Marc Surer äussert sich bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet zum Fall Van der Garde/Sauber. (Bild: www.volkswagen.de)

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