«Das ist Racing! Das wollen wir sehen!»

Marc Surer, einst Formel-1-Fahrer und heute TV-Experte, spricht über Zweikämpfe und Fehler der Mercedes-Gegner.

Ein viel zu selten gesehenes Bild: Sebastian Vettel im Ferrari fährt vor Lewis Hamiltons Mercedes.

Ein viel zu selten gesehenes Bild: Sebastian Vettel im Ferrari fährt vor Lewis Hamiltons Mercedes. Bild: Keystone

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Marc Surer, kann Dominanz spannend sein?
Es gibt die Motivation: David gegen Goliath, wer kann den Dominator schlagen? In Spielberg hat das endlich jemand geschafft.

Max Verstappen gewann nach einem aufregenden Rennen. Wie gut tat das der Formel 1?
Es war dringend nötig. In Montreal lag schon Sebastian Vettel vor Lewis Hamilton – bis die Kommissare eine totale Fehlentscheidung trafen. Jemand muss zeigen, dass Mercedes geschlagen werden kann, dann lebt die Formel 1 auch sofort wieder.

In Montreal wurde Vettel bestraft, weil er Hamilton den Weg abschnitt. In Spielberg gewann Verstappen, obwohl er Leclerc von der Strecke drängte. Wie sahen Sie das?
Montreal war ein klarer Fall: Vettel gerät auf die Wiese und kommt von dort zurück auf die Strecke. Da kann er mit dreckigen Reifen nicht einen Haken schlagen, um Hamilton Platz zu machen, sonst dreht er sich. Und dann kracht es erst recht. Er kann auch nicht bremsen, sonst rutscht er in den Mercedes. Er hat alles richtig gemacht.

Bis auf den Fahrfehler.
Ja, aber dass er sich dann beim Wiederbeschleunigen verteidigt, ist logisch. Keiner hat einen Schaden davongetragen, die Reihenfolge ist geblieben. Es war unnötig, dort einzugreifen und ihm eine 5-Sekunden-Strafe aufzubrummen.

«Wenn einer in einer Kurve bei 80 km/h den anderen etwas abdrängt, dann – um Gotteswillen! – braucht niemand einzugreifen.»

Und die Situation mit Leclerc und Verstappen in Spielberg?
Verstappen war in der Kurve innen, Leclerc zog aussen mit. Wenn einer das tut, weiss er, dass irgendwann die Strasse ausgeht. In Monaco hätte Verstappen das nicht gemacht, dort kommt die Mauer. In Spielberg hat es eine Auslaufzone. Er wusste, dass ihm nichts passiert, deshalb riskierte er es. Also: keine Strafe. Wenigstens sahen das auch die Kommissare so – nach dreistündiger Beratung.

Wie finden Sie, dass über solche Dinge diskutiert werden muss?
Da denke ich an die guten alten Zeiten: Solange niemand zu Schaden kam, wurde nicht eingegriffen. Es gab gar gefährliche Situationen, die nicht sanktioniert wurden. Etwa, als Schumacher Häkkinen auf einer Geraden in Spa aufs Gras hinausdrückte. Das sind unfaire Manöver, die bestraft gehören. Aber wenn in einer Kurve bei 80 km/h der eine den anderen etwas abdrängt, dann – um Gottes willen! – braucht doch niemand einzugreifen. Das ist Racing! Das wollen wir sehen!

Marc Surer, Ex-Rennfahrer und heute TV-Experte. (Foto: Freshfocus)

Wann wurde zu Ihrer Zeit eingegriffen?
Nur wenn es einen Unfall gab. Und zwar einen richtigen. Sonst nie, nie. Heute dagegen, wo die Strecken so sicher sind, wird das getan. Das ist ein völliger Witz. In Le Castellet können sie neben der Strecke schneller fahren als darauf.

Es ging bei Verstappen und Vettel um den Sieg. Ist nicht nur deshalb der Aufschrei so gross?
Es darf nicht sein, dass der Sieger von den Kommissaren bestimmt wird. Sie können ihn beim nächsten Rennen in der Startaufstellung zurückversetzen. Aber den Sieg wegnehmen? Erst recht noch, wenn der Fahrer wie hier Vettel nicht einmal einen Vorteil hatte? Das verfälscht nur das Ergebnis.

Für die Kommissare darf doch keine Rolle spielen, ob es um Platz 1 oder 8 geht.
Wahrscheinlich spielt das für sie auch keine Rolle. Wobei, wenn ich sehe, wie lange in Spielberg diskutiert wurde nach dem Rennen… Vielleicht ging es doch darum, dass sie nicht noch einmal den Sieger bestimmen wollten.

Wie viel Freude macht Ihnen die Formel 1?
Ich bin wie die meisten enttäuscht. Bei den Tests in Montmeló sah es so aus, als hätte Ferrari einen Vorsprung. Nun stellt sich heraus, dass es mit diesem Aerodynamik-Konzept schwer ist, das Auto weiterzuentwickeln. Mercedes begann bescheidener, doch das Konzept eignet sich zur Weiterentwicklung.

Red Bull und Ferrari schaffen seit fünf Jahren den Anschluss nicht. Was sagt das über sie?
Mercedes hat den stärksten Motor und die effizienteste Energierückgewinnung. Dadurch kann sich das Team erlauben, mehr auf den Abtrieb, den Anpressdruck zu setzen. Auf den Geraden halten die Autos trotzdem mit. Red Bull dagegen, das in der Vergangenheit einen unterlegenen Renault-Motor hatte, musste schauen, möglichst wenig Luftwiderstand zu haben. Ferrari arbeitete in dieselbe Richtung – offensichtlich war das falsch.

«Ich frage mich schon, ob Ferraris Windkanal so funktioniert, wie er sollte. Dass es so viele Fehlschlüsse gibt, ist ungewöhnlich.»

Was läuft bei Ferrari schief?
Eigentlich bringt es jeweils ein gutes Auto, doch dann gehts nicht weiter. Das war schon 2018 so. Vor Singapur brachte Ferrari neue Teile – und das Auto war sogar langsamer. Ich frage mich schon, ob Ferraris Windkanal so funktioniert, wie er sollte. Dass es so viele Fehlschüsse gibt, ist ungewöhnlich. Und dass die Autos wenig Abtrieb haben, ist jetzt noch gravierender, weil die Reifen schwieriger auf Temperatur zu bringen sind. Dadurch ist Ferrari doppelt bestraft. Davor schonte das Auto durch den fehlenden Abtrieb wenigstens die Reifen – doch nun werden diese stärker gefordert.

Deshalb wollten Ferrari und Red Bull auf die Vorjahresreifen umschwenken. Ist das legitim?
Es ist ein Eingeständnis, dass sie das falsche Konzept haben.

War der Vorschlag fair?
Man kann jemanden nicht bestrafen, weil er einen guten Job macht. Mercedes hat einfach den optimalen Motor, das optimale Konzept.

Und alle Teams konnten die Reifen im letzten Jahr testen.
Das wundert mich auch: Eigentlich hätten sie das Auto aufgrund der Reifen entwickeln müssen. Die dünneren Pneus wurden 2018 dreimal eingesetzt. Immer war Mercedes schnell. Das hätte Warnung genug sein müssen. Dass die vielen hellen Köpfe, diese Hunderte von Ingenieuren, das nicht auf die Reihe kriegen, das erstaunt.

Was Angestellte und Budget angeht, sind Ferrari und Red Bull auf Mercedes-Niveau.
Es geht nur darum, wie gut die Leute sind – und wie stark die Führung ist. Inzwischen haben sie aber begriffen, dass sie versuchen müssen, mehr Abtrieb hinzubekommen. Die Teams müssen die Autos praktisch umbauen.

Ist das noch möglich?
Die Topteams können das. Vielleicht haben wir ja nach der Sommerpause plötzlich eine ganz andere Situation.

Die Mercedes-Gegner hoffen auch auf die Regeländerungen für 2021. Zu Recht?
Im Moment sieht es so aus, als würde sich nicht viel ändern. Bei der Aerodynamik ein bisschen, die Autos werden kleiner, der Radstand kürzer. Eigentlich würde man erwarten, dass Adrian Newey bei Red Bull eine geniale Idee hat, aber er ist auch nicht mehr der Jüngste. Zudem ist die Equipe von Mercedes so gut, dass die beste Lösung nicht mehr automatisch von Red Bull kommt.

Der Umsturz kommt also nicht?
Kaum. Ich hoffe aber, dass das Feld etwas zusammenrückt. Wobei es immer besser ist, wenn ein Reglement bestehen bleibt, damit Teams aufholen können. Auf diese Saison hin wurden die Front- und Heckflügel verändert – prompt fährt Mercedes noch mehr davon.

Es bleibt beim Hybridantrieb. Gut so?
Die Motoren sind teuer und kompliziert. Aber es fallen praktisch keine mehr aus. Die Teams haben die Technik im Griff.

Spricht noch etwas anderes für den Antrieb?
Er ist sehr fortschrittlich. So hat die Sportabteilung eines Autoherstellers Argumente: Sie tut etwas für die Zukunft, für die Strassenautos.

«In der Formel 1 holt ein Wagen 160 PS an Energie zurück – pro Runde! Das ist Wahnsinn.»

Kann von dieser komplizierten Technik etwas in die Strassenautos fliessen?
Im Prinzip schon. Mercedes meldete: Der Formel-1-Motor ist unser effizientester Motor überhaupt. Es ist schon enorm: Wenn ich mit einem kleinen Elektroauto fahre, muss ich immer wieder bremsen, dass ich fast aufs Lenkrad falle, um die Batterie ein klein wenig zu laden. In der Formel 1 holt ein Wagen 160 PS an Energie zurück – pro Runde! Das ist Wahnsinn.

Interessiert das den Fan?
Schauen Sie sich die IndyCar-Serie an: Da fahren noch zwei Motorenmarken mit, die Autos sind einheitlich, das interessiert kaum mehr jemanden – abgesehen vom Klassiker Indy 500. Die Formel 1 dagegen liefert Gesprächsstoff. Die Vielfalt gibt es wegen der technischen Möglichkeiten. Ein Hersteller kann sich vermarkten. Wenn Mercedes sagen kann, wir haben den besten und stärksten Hybridmotor, ist das die beste Werbung überhaupt.



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Erstellt: 14.07.2019, 11:44 Uhr

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