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Der 30-jährige Lausbub

Sebastian Vettel ist auch nach über einem Jahrzehnt noch eine erfrischende Erscheinung in der Formel 1. Weil er nie versucht hat, das Kind im Manne zu unterdrücken.

René Hauri
Aufgeregt, zappeli, spitzbübisch, mit leuchtenden Augen: Sebastian Vettel.
Aufgeregt, zappeli, spitzbübisch, mit leuchtenden Augen: Sebastian Vettel.
Keystone

Als wäre er gerade aus seinem Kinderzimmer gehastet, in dem er mit seinen Spielzeugautos hantiert hat. Als hätte er dort mit seinem roten Miniatur-Renn­wagen die Runden wieder einmal am schnellsten gedreht – unter den Augen des grossen Michael Schumachers, der von Plakaten an den Wänden und der Decke lächelt. Und als müsste er nun schnellstmöglich davon berichten.

So wirkt Sebastian Vettel an diesem Sonntag vor zwei Wochen, aufgeregt, zappelig, das Lächeln spitzbübisch, die Augen leuchtend. Doch er sitzt nicht am Küchentisch der Eltern, wo er vom jüngsten Erlebnis im Kinderzimmer erzählt, er sitzt auf einem Stuhl an der Pressekonferenz in Monza, vor einer Hundertschaft Journalisten, und redet darüber, was ihm gerade widerfahren ist – da draussen, auf dem Podest des Autodromo Nazionale.

Zehntausende frenetische Tifosi hatten ihm zugejubelt, seinen Namen skandiert, ihn gefeiert, obwohl er nur Dritter geworden war. Vettel erzählt davon mit grosser – ja kindlicher – Begeisterung. Und als ob er das Bild des unbekümmerten Jungen von einst noch unterstreichen müsste, sagt er: «Ich fühlte mich als König der Welt.» Es könnte ein Filmthema von Walt Disney sein.

Sebastian Vettel ist nach über einem Jahrzehnt und mit 30 noch immer eine erfrischende Erscheinung im durch­gestylten Milliarden-Zirkus Formel 1. «Ich brauche keine Jacht», sagte er einst, «ich gehe lieber schwimmen.» Es gibt kein Model an seiner Seite, kein Gel in seinem Haar, kein Hündchen an der Leine. Lieber läuft er mit Strubbelfrisur durchs Fahrerlager – und ohne Freundin.

Von Emotionen geleitet

Mit Hanna Prater, die er als Jugendlicher am Gymnasium in Heppenheim kennen lernte und mit der er die Töchter Emily (3) und Matilda (2) hat, zeigt er sich kaum in der Öffentlichkeit. Er schottet seine Familie ab, die im thurgauischen Ellighausen wohnt. Nur er soll im Rampenlicht stehen, wie nun vor dem Grand Prix in Singapur, wie zuvor in Monza, wo er wieder einmal der Lausbub war auf dem Podest – neben dem ernsten Valtteri Bottas und Lewis Hamilton, dem Popstar mit funkelnden Nasen- und Ohrpiercings.

Vettel versucht gar nicht erst, das Kind im Manne zu unterdrücken. Er macht Sprüche – gerne auch einmal an der Grenze zum schlechten Geschmack. Ob er mit Red Bull die Weltherrschaft anstrebe, wurde er einmal gefragt. Seine Antwort: «Ich bin zwar Deutscher, aber das habe ich nie gesagt. Ich trage ja keinen Schnauz.» Vettel witzelt, lässt sich von Emotionen leiten. Das mögen sie in Italien, wo sie ihn gleich als einen der ihren akzeptierten.

Sie brauchten keine lange Angewöhnungszeit wie bei einem anderen Deutschen, beim kühlen, berechnenden Schumacher, Vettels Vorbild. Sie haben Vettel bei Ferrari zu Weihnachten eine Vespa geschenkt, darauf steht: «Einer von uns.»

Vettel verhehlt nicht, wenn ihm etwas gefällt, etwas missfällt, er hat das Temperament eines Italieners. In bemerkenswerter Regelmässigkeit kann er am Funk trötzeln, wenn einer mit seinem Wagen nicht gerade über die Wiese holpert, damit er freie Bahn hat, um ihn zu überrunden. «Ridiculous» findet er das dann jeweils, lächerlich, die Hand schnellt hoch – was erlaubst du dir!

Der Unflätige

Er kann auch richtig toben, wie 2016 in Mexiko, als er Max Verstappen als «Bastard» beschimpfte und sich dann an Renndirektor Charlie Whiting wandte, weil es während des Grand Prix keine Strafe gab gegen den wilden Holländer. Seine Worte: «Ich habe eine Nachricht an Charlie: Fuck off! Ehrlich, fuck off!»

Es war der Tiefpunkt einer regelrechten Wutorgie in diesem Jahr 2016. Es lief Vettel nicht, die Mercedes waren wie 2015, in seinem Premierenjahr bei Ferrari, hoch überlegen. Und immer dann ist der Deutsche besonders anfällig für Unflätigkeiten und Überreaktionen.

2014 war das schon so gewesen, als ihm nach vier Weltmeistertiteln in Serie bei Red Bull der junge Daniel Ricciardo zur Seite gestellt wurde – und dieser ihn mit seinen Leistungen erst noch in den Schatten stellte. Damals legte er sich wiederholt mit Fernando Alonso an, seinem Vorgänger bei Ferrari, dem er 2010 um 4 und 2012 um 3 Punkte den WM-­Titel weggeschnappt hatte. Dass er später fand, «es wurde manchmal ein bisschen absurd, als wir uns beide über den jeweils anderen beklagt haben», passt ebenso zu ihm.

Reumütig nach dem Rempler

Hinterher, da merkt er oft erst, was ihm gerade über die Lippen gekommen ist, was er angerichtet haben könnte. Nicht nur mit seinen Worten, auch mit seinen Taten. Wie jüngst in Aserbeidschan, wo er bewies, dass er sich auch in einer erfolgreichen Saison zu Dummheiten hinreissen lassen kann. Hinter dem Safety-Car und in der Hitze des Titelkampfs fühlte er sich durch ein angebliches Bremsmanöver von Lewis Hamilton provoziert, fuhr neben seinen ärgsten Rivalen und rempelte ihn seitlich an.

Nun ist Vettel nicht nur der Meister des Austeilens, sondern auch des Entschuldigens. Er gab sich einmal mehr reumütig, vielleicht entkam er so einer härteren Strafe als den fünf Tagen gemeinnütziger Arbeit, die er in tieferen Serien abzuleisten hat. Wer kann ihm schon böse sein, diesem Mann mit Lausbuben-Gesicht und kindlichem Gemüt.

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