«Der Budget-Deckel rettet die Formel 1»

Der ehemalige Rennfahrer Marc Surer glaubt an eine gute Zukunft der Königsklasse und hofft auf ein Duell Mercedes gegen Sauber

Allein auf weiter Flur: Wieder einmal lieferten sich Ferrari und Mercedes im Abschlusstraining zum GP von Bahrain einen Vierkampf.

Allein auf weiter Flur: Wieder einmal lieferten sich Ferrari und Mercedes im Abschlusstraining zum GP von Bahrain einen Vierkampf. Bild: Keystone

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Noch ein letztes Mal machen sie sich an diesem Samstagabend auf die Zeitenjagd: Valtteri Bottas im Mercedes, Teamkollege Lewis Hamilton, dahinter die zwei roten Rennwagen von Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen. Vettel entscheidet den Vierkampf auf dem Circuit in Sakhir vor ­Räikkönen, Bottas und Hamilton für sich. Der Brite wird wegen eines Getriebewechsels für das heutige Rennen um fünf Ränge nach hinten versetzt. Auf Platz 4 rückt ­Daniel Ricciardo nach, der Fahrer von Red Bull, des dritten ganz reichen Rennstalls in der Formel 1.

Sie sind im Qualifying von Bahrain also wieder einmal unter sich, die grossen Teams der Formel 1. Sie sollten es geniessen. Denn vielleicht wird dieser exklusive Zirkel bald aufgebrochen.

So zumindest ist es in der Vorstellung der Besitzer, der Männer des Medienkonzerns Liberty ­Media. Diese unterbreiteten den Teamchefs am Freitag ihre Vorschläge für die Formel 1 der Zukunft – ab 2021, wenn die Verträge auslaufen, die diese 2013 noch mit Bernie Ecclestone ausgehandelt hatten, dem Zampano von einst.

Die zentrale und umstrittenste Idee: die Einführung eines Kostendeckels. 150 Millionen Dollar sollen die Teams künftig pro Jahr noch ausgeben dürfen. Bei Budgets, die sich bei Ferrari oder Mercedes bei über 400 Millionen Dollar bewegen, kommt das einem radikalen Schnitt gleich. Allerdings sind von diesen 150 Millionen die Löhne der Fahrer und des Managements sowie die Kosten für das Marketing ausgenommen. «Deshalb ist es in einer ehrlichen Rechnung ein 250-Millionen-Dollar-Budget», sagt Marc Surer, der ehemalige Formel-1-Fahrer und Fernsehexperte. «Der Einschnitt ist also nicht ganz so gross. Sicher müssen die Werksteams längerfristig etwas reduzieren, aber dass sie jetzt aufschreien und sagen, sie müssten massenhaft Leute entlassen, das ist dann doch etwas übertrieben.»

Surer kümmert sich derzeit um 11 statt um 1000 PS

Ferrari, dessen Präsident Sergio Marchionne wiederholt mit dem Ausstieg drohte, sollte ihm die Stossrichtung für 2021 missfallen, erhält zudem weiterhin Sonderzahlungen, unabhängig der WM-Klassierung. Zwar werden diese wohl von rund 100 auf etwa 50 Millionen Dollar pro Jahr halbiert, ein Anreiz für das traditionsreichste Team für einen Verbleib in der Formel 1 ist das aber allemal. «Marchionne muss damit zufrieden sein. Man ist Ferrari sehr entgegengekommen», sagt Surer.

Der Basler beobachtet die Formel 1 zurzeit zwar aus der Ferne, weil der TV-Sender Sky Deutschland die Übertragungsrechte nicht mehr erwarb und der 66-Jährige damit seine Stelle als Experte verlor. Während die Formel-1-Fahrer in Bahrain mit ihren 1000-PS-­Gefährten um Hundertstel kämpfen, kümmert er sich daheim an der Costa Blanca um weniger Pferdestärken, um elf genau: um die elf Rösser, die in seinem Pensionsstall untergebracht sind. Mit den Gedanken aber ist er auch jetzt beim Grand-Prix-Zirkus.

Es braucht private Rennställe – als Puffer für die Werksteams

Surer hat sich die Pläne von Liberty Media genau angeschaut – und findet Gefallen an den Vorschlägen der Eigentümer. «Sie gehen in die richtige Richtung. Es kann doch nicht sein, dass Teams wie Williams nur noch fahren können, wenn sie Piloten haben, die Geld mitbringen. Die Kosten sind derart hoch, dass nur der Budget-Deckel die Formel 1 retten kann», sagt er. Privatteams wie Williams oder Sauber seien essenziell für die Serie, «die Werksteams brauchen eine Pufferzone nach hinten. Es verginge ­ihnen die Lust, müssten sie am Ende des Feldes herumfahren.»

Surer hofft, dass die kleineren Teams künftig wieder fähig sind für Exploits. «Sie werden auch nach 2020 nicht um WM-Titel fahren. Aber ihre Chance ist, dass sie ein Auto bauen, das auf gewissen Strecken einen Vorteil hat. Etwa in ­Monaco oder auf Hochgeschwindigkeitskursen – während die Besten Kompromisse eingehen müssen, weil sie in jedem Rennen vorne mitfahren müssen», sagt er. «Die Grossen werden jammern, weil sie plötzlich gegen einen Sauber kämpfen müssen. Aber genau diesen Überraschungseffekt braucht die Formel 1.» Und der also soll 2021 wieder möglich sein. Überhaupt glaubt der Mann, der zwischen 1979 und 1986 82 Grands Prix bestritt, dass dann eine bessere Ära anbricht. Auch dank der Motoren, die einfacher und lauter werden sollen. Eines der zwei Energie-Rückgewinnungssysteme dürfte wegfallen. Und es wird – geht es nach Liberty Media – mit höheren Drehzahlen gefahren. Weil gleichzeitig die maximale Benzinmenge von derzeit 100 kg pro Rennen erhöht werden soll, dürfte es wieder lärmiger werden auf den Strecken. «Der Sound ist wichtig», sagt Surer. «Früher hörte man, wenn der Fahrer schaltete, wenn er vom Gas ging, wenn er wieder drauf drückte. Jetzt geht das völlig unter. Die Formel 1 muss wieder in die Richtung gehen, dass es den Zuschauern kalt den Rücken hinunterläuft, wenn das Feld angerast kommt.»

Im Zentrum soll künftig aber nicht mehr das Auto stehen, sondern der Fahrer, so sagten es die Besitzer. Surer sagt: «Eigentlich ist der jetzige, bullige Wagen ideal dafür. Bewegen ihn die Piloten am Limit, sieht man fahrerisch riesige Unterschiede.» Um das zu verstärken, sollte die Telemetrie abgeschafft werden, die Übertragung der Messwerte vom Auto auf den Computer, findet Surer, «zumindest an den Rennwochenenden». Es könne ja nicht sein, dass ein Bottas einen ­Hamilton schlage, nur weil er ­exakt wisse, wo dieser bremse oder wo er wie stark einlenke. «Ein Fahrer mit weniger Talent kann das alles lernen. Ich wünsche mir, dass es wieder mehr auf das Gespür ankommt.»

Einfacherer Frontflügel – und das Überhol-Problem ist gelöst

Und noch einen Tipp hat Surer für das Team um Formel-1-Chef Chase Carey und Sportchef Ross Brawn, das sich über mangelnde Überholmanöver beschwert: «Vereinfacht den Frontflügel, dann sind 90 Prozent dieses Problems gelöst.» Dieser sei derart komplex gebaut, «aus 20 Teilen», dass er entsprechend sensibel auf Luftverwirbelungen ­reagiere. «Jedes Teil leitet die Luft in irgendeine Richtung. Kommt diese nicht zentral von vorne, funktioniert der Flügel nicht mehr.»

Surer ist nicht der Einzige, der eine Menge Vorschläge hat für die neuen Chefs. Entsprechend lange und mühsam dürfte der Weg sein, bis die Formel 1 der Zukunft definiert ist. Die Gegenwart jedenfalls sieht erst einmal so aus: Ferrari vor Ferrari, Mercedes und Red Bull.

Erstellt: 07.04.2018, 21:34 Uhr

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