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«Der Halo-Schutzbügel ist gruselig»

Norbert Haug, der ehemalige Motorsportchef von Mercedes, hält nicht viel von der Ausführung des neuen Cockpitschutzes in der Formel 1.

Dario Greco
Norbert Haug war von 1990 bis Ende 2012 der Motorsportchef von Mercedes-Benz.
Norbert Haug war von 1990 bis Ende 2012 der Motorsportchef von Mercedes-Benz.
Raphael Moser

Bern, Kongresszentrum Kursaal. Im ausverkauften Saal unterhalten Norbert Haug und Mario Illien das Publikum. Zuvor tagten die Schweizer Garagisten, Thema: Mobilität und Digitalität. Die Podiumsgäste schauen aber lieber zurück als voraus. 20 Jahre ist es her, seit der frühere Mercedes-Motorsportchef und der kongeniale Motorenbauer aus dem Bündnerland McLaren-Mercedes an die Spitze der Formel 1 führten. Es werden Videosequenzen vom Titelgewinn Mika Häkkinens 1998 gezeigt, manche davon sehen sie heute zum ersten Mal. Auf ihrer Reise zurück in die Neunzigerjahre ist Haug mit Illien einig: Früher war einiges besser in der Formel 1.

Norbert Haug, finden Sie die Formel 1 langweilig? Es gab in der vergangenen Saison einige Rennen, die mir sehr gefallen haben. Insgesamt war die Formel 1 in den letzten Jahren aber weniger spannend, als das zuvor schon der Fall war. Das Saisonfinale 2017 in Abu Dhabi war nur schwer von einem freien Training zu unterscheiden. Die Formel 1 verabschiedete sich mit diesem Eindruck in die Winterpause, den Verantwortlichen muss das zu denken geben.

Welche Verbesserungsvorschläge haben Sie? Die Autos sind zu perfekt, an der Spitze wird kaum überholt. Ein Überholmanöver um Platz 15 ist zwar schön, interessant aber ist, was vorne passiert. Insgesamt ist die Formel 1 zu teuer, selbst das schwächste Team benötigt pro Jahr ein Budget von über 100 Millionen Franken. Ich sehe allerdings wenig Änderungschancen, solange die immensen Kosten bei Aerodynamik und Motoren nicht drastisch eingeschränkt werden.

Die Forderung nach Reformen ist nicht neu. Umgesetzt wurden sie kaum einmal, weil sich die Teams nicht einig wurden. Ich habe Meetings erlebt, da konnten wir uns nicht einmal auf den Termin für das nächste Treffen einigen. Mehrheiten zu finden und so den Weg zu definieren, der eingeschlagen werden soll – das ist die grosse Herausforderung. Das klappt nur, wenn jede Partei ein Stück weit von ihrer Position abrückt. Dass das nicht geschieht, hat durchaus seine Logik: Warum soll ein Team, das vorne liegt, Zugeständnisse machen, die womöglich zu seinem Nachteil sind?

Ferrari droht mit dem Ausstieg aus der Serie. Wie ernst nehmen Sie das? Es gibt einige Hersteller, die nicht zufrieden damit sind, wie sich die Dinge entwickeln. Ferrari und andere Teams überlegen sich deshalb sehr genau, wie Alternativen aussehen könnten. Ich würde an ihrer Stelle mit Gleichgesinnten solche zu entwickeln versuchen.

Mercedes dominierte die Formel 1 in den letzten vier Jahren. Wie schädlich ist das? Mercedes macht einen exzellenten Job. Die Besten definieren den Speed. Schuld an der Langeweile sind nicht sie, sondern jene, die nicht hinterherkommen.

Was macht das Team besser als die anderen? Alles, so jedenfalls sah es in den letzten vier Jahren aus. Management und Techniker sind ausgezeichnet, und der Motor ist seit Jahren der beste. Auch das Chassis ist hervorragend, schliesslich fahren andere Teams mit identischen Mercedes-Motoren. Zudem ist Lewis Hamilton ein absoluter Ausnahmefahrer.

Wäre Hamilton/Vettel eine wünschenswerte Fahrerpaarung für Mercedes? 2008 haben wir bei McLaren-Mercedes mit Sebastian Vettel verhandelt. Diese Kombination hätte es also damals schon geben können, aber es kam nicht so weit. In der Formel 1 ist nichts unmöglich, aber darauf, dass es diese Paarung bei Mercedes geben wird, würde ich trotzdem nicht wetten.

Ihre Anfänge in der Formel 1 sind eng mit Sauber verknüpft. Haben Sie noch Kontakt zu Peter Sauber? Seit einiger Zeit nicht mehr. Bis 2012, meiner letzten Saison in der Formel 1, begegneten wir uns natürlich oft. ¨

Das Sauber-Team musste in den letzten Jahren ums Überleben kämpfen. Haben Sie mitgelitten? Ich hätte dem Team in dieser Zeit Besseres gewünscht. Unsere gemeinsame Zeit endete ja schon vor 23 Jahren, als Mercedes seine Kooperation mit McLaren startete. Ich habe aber stets bewundert, was Sauber leistete, dass man sich nie unterkriegen liess. Und jetzt sind die Weichen so gestellt, dass es sportlich wieder aufwärtsgehen sollte.

Alfa Romeo ist bei Sauber eingestiegen. Verliert der Schweizer Rennstall seine Identität? Auf keinen Fall. Beide Seiten werden voneinander profitieren. Mit dem aktuellen Ferrari-Motor verfügt Sauber über eine konkurrenzfähige Antriebseinheit. Ausserdem ist es mit Teamchef Frédéric Vasseur gut geführt, er ist ein Fachmann, ein Racer, der nach vorne will.

Ist es für Privatteams schwieriger geworden, in der Formel 1 zu bestehen? Nicht nur für sie. Mercedes, Ferrari und Red Bull gewannen seit 2014 alle Rennen. Für alle anderen Teams war es kaum möglich, das Podest zu erreichen.

Wie soll der Dominanz entgegengewirkt werden? Die Einführung restriktiver technischer Reglemente, die als Kostenbremse wirken, ist so aktuell wie eh und je. Alle Teams zusammen haben derzeit ein Jahresbudget von ungefähr 2 Milliarden Dollar, somit kostet die Teams ein Rennen im Schnitt rund 100 Millionen.

Im letzten Jahr wurde Michael Schumacher in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen, Sie haben die Laudatio gehalten. Wissen Sie, wie es ihm geht? Ich respektiere den Wunsch der Familie Schumacher nach Privatsphäre und möchte das jedem empfehlen, der Michael mag und an ihn denkt. Wer schon einmal einen schweren Krankheitsfall in der Familie hatte, weiss, wie belastend ständige Nachfragen nach dem Gesundheitszustand sind.

Aber Sie können verstehen, dass es die Fans interessiert? Ja. Aber es gehört sich, zu respektieren, was die Familie wünscht.

Gibt es heute noch Figuren, die polarisieren wie Schumacher? Michael wurde ja nicht dadurch bekannt, dass er polarisierte, sondern durch seine grossartigen Erfolge. Ich bin sicher, dass es nach wie vor solche Fahrertypen gibt. Dass sie weniger eindrücklich rüberkommen, hat vor allem mit den Veränderungen in der Medienwelt zu tun. Egal, was die Piloten heute tun, alles landet sofort in den sozialen Medien. Sie stehen permanent unter Beobachtung, das wirkt nicht gerade animierend.

Langweilige Fahrer wegen sozialer Medien? Vielleicht. Früher haben nach Saisonschluss in Suzuka alle gemeinsam ein Fest gefeiert, wie es heute wohl undenkbar wäre. Was heute in der Bar gesungen wird, landet im Internet. Die Fahrer sind deshalb zurückhaltender geworden und veröffentlichen lieber unverfängliche Bilder von ihrem Frühstück.

Blicken wir auf die Saison 2018. Die Autos verfügen neu über den Halo-Cockpitschutz. Braucht es diesen? Den Namen Halo – Heiligenschein – finde ich als Bezeichnung so unpassend und damit gruselig wie den Schutzbügel selbst. Dabei bin ich ein entschiedener Vertreter des Sicherheitsgedankens in bestmöglicher Umsetzung. Es gibt besser aussehende Entwürfe eines Cockpitschutzes, die ihren Zweck auch erfüllen, zum Beispiel in der Indycar-Serie (eine Art Windschutzscheibe).

Wer kann 2018 Mercedes und Weltmeister Hamilton stoppen? Ferrari traue ich das zu, wenn es noch einmal einen Schritt nach vorne macht. Das Team hatte es letzte Saison bis zum Crash in Singapur in der Hand. Als Fan hätte ich nichts dagegen, wenn es in der neuen Saison ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Mercedes oder gar einen Dreikampf mit Red Bull geben würde. Als Realist sehe ich die Silberpfeile aber weiter in der Favoritenrolle.

Wer wird Weltmeister? Ich tippe auf denjenigen mit den meisten Punkten.

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