Der kleine Prinz mit dem Zeug zum Grossen

Charles Leclerc bringt alles mit, um Weltmeister zu werden. Der 21-jährige Monegasse verblüfft und begeistert – doch derzeit läuft alles gegen ihn. Auch im Qualifying zum GP von Spanien

Ein Hauch von Melancholie in den Augen und die Blicke auf sich: Charles Leclerc ist gemacht für grosse Momente in der Formel 1. (Foto: Mark Thompson/Getty)

Ein Hauch von Melancholie in den Augen und die Blicke auf sich: Charles Leclerc ist gemacht für grosse Momente in der Formel 1. (Foto: Mark Thompson/Getty)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn Charles Leclerc durch das Fahrerlager geht, zieht er die Blicke auf sich. Seine Augen tragen einen Hauch von Melancholie, die kurzen schwarzen Haare sitzen wuschelig auf dem Kopf, zwei Grübchen zeichnen seine Wangen. Verträumt wirkt er, der junge Mann aus Monaco, der gerade dabei ist, die Welt des Motorsports zu verzaubern. Er, der Petit Prince der Formel 1. Für Wundersames bestimmt, so scheint es.

«Er wird Weltmeister, wenn er im richtigen Auto sitzt», sagt Beat Zehnder. Er ist Teammanager bei Alfa Romeo, ein Jahr lang war das Team aus Hinwil im Zürcher Oberland Arbeitgeber des Grosstalents von der Côte d’Azur. «Er ist die grösste Überraschung, die ich in 25 Jahren erlebt habe, er ist so jung, unheimlich interessiert, setzt sich voll ein. Er hat einen wahnsinnigen Ehrgeiz, ist extrem akribisch.»

Frédéric Vasseur ist der Chef beim Schweizer Rennstall, er war das 2016 noch bei ART Grand Prix und Leclerc schon da sein Fahrer. Die GP3 gewann der Jüngling damals, im Folgejahr die Formel 2, es kam der Ruf aus der Königsklasse, vom Sauber-Team. Heute, mit 21, ist er Pilot bei der Scuderia Ferrari.

Es ist ein Aufstieg in drei Jahren, der seinesgleichen höchstens suchen kann – nicht aber finden wird. Vasseur sagt: «Ich kenne Charles seit vielen Jahren. Ich weiss genau, wie schnell er ist. Aber noch wichtiger sind sein Charisma und seine positive Einstellung.»

Leclerc ist mehr als ein begnadeter Rennfahrer. Er ist «Weltmeistermaterial», so sagt es Zehnder, weil er Gaben hat wie nur ganz wenige im schillernden Fahrerfeld.

«Selbstsicher, tief bescheiden, ruhig, professionell»

«Eine Ausnahmeerscheinung» nennt ihn Josef Leberer, der Physiotherapeut bei Alfa Romeo. «Er ist ein spezieller, unglaublich angenehmer Mensch. Wie er arbeitet, sich den Dingen annähert und kommuniziert, das technische Verständnis, das er hat, diese Kapazität, die in dem Jungen steckt: enorm.» Selbstsicher sei er, sagt ­Leberer, «und auf der anderen Seite tief bescheiden, ruhig, professionell und hat eine starke Ausstrahlung».

Leclerc ist gemacht für grosse Momente im Sport, einig sind sich fast alle im Fahrerlager. Doch derzeit wird dem Petit Prince das Leben schwer gemacht, ist er eben nur Prinz, und König ein anderer: Sebastian Vettel, 31, vierfacher Weltmeister. Im fünften Jahr nun schon setzen sie bei Ferrari alles auf den Deutschen, soll er bestimmt sein für die Erlösung, die gewaltig wäre – und vielleicht ist das sogar noch eine Untertreibung: nach 12 elend langen Jahren ohne Fahrertitel.

Kimi Räikkönen bekam das zu spüren, der Vorgänger von Leclerc im zweiten roten Auto. Leclerc spürt es jetzt. Mattia Binotto, der Teamchef, hatte die Positionen in seinem Rennstall schon vor der Saison klargemacht. Die Italiener halten sich eisern daran.

5 Punkte liegt er hinter Vettel – nur 5 Punkte

Zum Auftakt in Melbourne war Leclerc auf den letzten Runden deutlich schneller als Vettel – er durfte nicht vorbei. In China klebte der Deutsche an seinem Heck, Leclerc musste weichen. Der vierfache Weltmeister konnte sich nicht absetzen, zurückgewechselt wurden die Positionen dennoch nicht.

Dreimal Rang 5, einmal Rang 3, Platz 5 in der WM. Das ist Leclercs Bilanz nach 4 von 21 Grands Prix. Fünf Punkte Rückstand hat er auf seinen Teamkollegen. Nur fünf Punkte. Obwohl so ziemlich alles gegen ihn läuft, was gegen ihn laufen kann. Das war nicht nur in Melbourne und China so.

In Bahrain lag sein erster Sieg bereit – als sein Auto zehn Runden vor Schluss zu stottern begann und Rang 3 blieb. Zuletzt in Baku war er der erste Anwärter auf die Poleposition. Er schlitterte in die Mauer, im Rennen gab es Rang 5.

Leclerc hätte derzeit viele Gründe, zu jammern und zu hadern. Doch es würde nicht zu ihm passen. Vor dem Grand Prix in Spanien, dem heutigen Auftakt zu den Europarennen, sitzt Leclerc im Motorhome von Ferrari. Er sagt: «Wir sind nicht beunruhigt. Wir haben ein gutes Auto ohne grosse Schwäche. Mercedes zeigt zwar starke Leistungen, aber wir wissen, dass wir das mindestens so gut können. Wir haben bislang ein paar Fehler gemacht, aber so etwas passiert im Rennsport. Davon lassen wir uns nicht aus der Ruhe bringen.»

Doch was am Samstag auf dem Circuit de Catalunya passierte, dort, wo sie bei den Wintertests so gross aufgetrumpft hatten mit ihren roten Autos, dürfte sie doch ziemlich beschäftigen bei Ferrari. Sie verloren gewaltig Zeit auf Mercedes, Vettel startet heute als Dritter. Leclerc gar nur als Fünfter, weil er bei einer Fahrt über die Randsteine den Unterboden seines Autos beschädigt hatte.

Dass er auch aufmucken kann, bewies er schon einmal

Vielleicht kommen die beiden so wenigstens aneinander vorbei und das Team umhin, eine nächste Entscheidung am Kommandostand zu treffen. Wie Leclerc auf eine neuerliche Anweisung der Verantwortlichen reagieren würde, ist fraglich. Gegenüber der Tageszeitung «Monaco-Matin» sagte er jüngst: «Ich akzeptiere die Stallorder bis zu einem gewissen Punkt. Aber mein Job ist es, in Führung zu liegen. Dann stellt sich die Frage der Stallorder gar nicht erst.»

Lange wird sich Leclerc nicht abfinden mit der Rolle als Nummer 2. Dass der anständige junge Mann auch aufmucken kann, bewies er in Bahrain. Er überholte Vettel, obwohl er aufgefordert worden war, zuzuwarten. Charles Leclerc ist nicht gemacht für eine Nebenrolle.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.05.2019, 12:24 Uhr

Artikel zum Thema

Ferrari verspielt sämtliche Sympathien

Kommentar Die Scuderia zwingt Grosstalent Leclerc hinter Vierfachweltmeister Vettel. Das ist nur eines: grob unsportlich. Mehr...

Hamilton holt sich nach Ferrari-Drama den Sieg

Video Lange sah alles so gut aus für Ferrari, doch dann streikt der Motor bei Charles Leclerc. Hamilton zieht vorbei und siegt vor Bottas und dem Monegassen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Zylinder und PS: Ein Besucher des Royal-Ascot-Pferderennens beobachtet das Geschehen von einer Parkbank aus. (18. Juni 2019)
(Bild: Mike Egerton) Mehr...