Rosbergs letzter Coup

Nico Rosberg überrumpelt alle und tritt als erster Formel-1-Weltmeister seit Alain Prost vor 23 Jahren zurück.

Nico Rosberg macht nach 206 Formel-1-Grands-Prix Schluss. Foto: Thompson (Getty)

Nico Rosberg macht nach 206 Formel-1-Grands-Prix Schluss. Foto: Thompson (Getty)

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Nein, Nico Rosberg ist nichts anzumerken gewesen in der Stunde des Triumphs. Er jubelte, er stammelte, er weinte, und er feierte, nachdem er am Sonntag in Abu Dhabi zum ersten Mal den Formel-1-Titel eingefahren hatte. Rein gar nichts deutete darauf hin, dass er Gedanken ans Karrierenende hegte. Als Rosberg gefragt wurde, ob er in der kommenden Saison, die Ende März in Melbourne beginnt, die Startnummer 1 ausführen werde, die stets dem Champion gebührt, da antwortete er: Die 6 sei schon immer seine Glückszahl gewesen. Mit der 6 auf dem Auto sei schliesslich auch sein Vater Keke 1982 Weltmeister geworden. Wahrscheinlich werde er der 6 treu bleiben. Nun weiss die Welt: Das wird er nicht. Rosberg wird der ganzen Formel 1 untreu. Er hört auf. Mit 31.

Gestern Freitagabend wurde Rosberg auf der Gala des Automobilweltverbandes in Wien offiziell als Weltmeister geehrt. Vor dem festlichen Anlass gab es am Nachmittag eine Pressekonferenz, auf der er seinen überraschenden Entschluss kundtat. Kurz darauf lieferten er und das Mercedes-Team, für das er seit 2010 gefahren war und bei dem er bis 2018 einen gültigen Kontrakt besass, schriftliche Erklärungen. Als Grund für seinen Schritt nannte Rosberg: Seit 25 Jahren sei der WM-Titel sein «einziges, grosses Ziel» gewesen: «Ich musste viel dafür opfern, aber trotz all dieser harten Arbeit, dieser Schmerzen und dem ganzen Verzicht blieb dies immer mein Ziel. Und jetzt ist es so weit, ich habe den Berg erklommen, ich bin an der Spitze angekommen.» Jetzt abzutreten, fühle sich «richtig an», so Rosberg. Mehr noch: «Ich spüre eine grosse Erleichterung», lässt er wissen.

Überraschung: Der Formel-1-Weltmeister verkündete an einer Pressekonferenz seinen Rücktritt.

Der Entschluss zum abrupten Stopp sei am Montagabend gereift, also ziemlich genau 24 Stunden nach seiner aufregenden Fahrt auf Platz 2 beim Grossen Preis von Abu Dhabi, den sein Mercedes-Kollege Lewis Hamilton gewann. Bei der Gelegenheit hatte der Brite Rosberg, den er in den vergangenen zwei Jahren zweimal bezwungen hatte, noch einmal ge­ärgert. Hamilton hatte den Teamrivalen bewusst behindert und versucht, in die Fänge der Verfolger zu bremsen. Es war ein letzter, verzweifelter Versuch, Rosbergs Krönung zu verhindern. Und ein erneutes Beispiel dafür, wie die beiden sich seit drei Jahren beharkt hatten.

Der grosse Preis

In der Erklärung zum Abschied deutet Rosberg an, wie sehr ihm dieses Gegeneinander zugesetzt hatte. «Ich kann euch sagen, diese Saison war verdammt hart», schreibt er an seine Fans, «nach den grossen Enttäuschungen der letzten zwei Jahre habe ich wie verrückt alles gegeben, habe jeden Stein umgedreht und nichts unversucht gelassen; diese Enttäuschungen waren der Antrieb, auf ein neues Level zu kommen. Ein Level, das ich bisher noch nicht erreicht hatte. Und natürlich hatte dies auch einen Einfluss auf meine Familie, die ich sehr liebe – es war ein riesiger Aufwand für uns.»

Rosberg ist seit 2014 mit Vivian Sibold verheiratet, die zuvor schon lange seine Freundin war. Seit 2015 haben die beiden eine Tochter. Rosberg erwähnt seine familiäre Situation im Zusammenhang mit seinem Rücktritt ausdrücklich. Seine Familie habe «auf viele Dinge verzichtet für das eine grosse Ziel, alles wurde ihm untergeordnet». Seine Frau habe «verstanden, dass dieses Jahr unsere grosse Chance war, endlich zuzuschlagen».

Rosberg schreibt tatsächlich «unsere grosse Chance» – so, als wolle er den Gegensatz zu Hamilton, der seit einiger Zeit privat demonstrativ als Junggeselle und auf den Rennstrecken demonstrativ als Einzelkämpfer seine Runden zieht, noch einmal herausstreichen. Rosberg unterrichtete Hamilton vorab über seinen Entschluss. Die knappe öffentliche Reaktion des dreifachen Weltmeisters: «Ich werde die Rivalität vermissen.»

In Japan keimte der Gedanke

Der Gedanke, den Sport möglicherweise als Weltmeister zu verlassen, war Rosberg erstmals vor zwei Monaten gekommen. Nach seinem neunten Sieg in dieser Saison am 9. Oktober in Suzuka standen noch vier Rennen aus, Rosberg hatte 33 Punkte Vorsprung, und er wusste, «der Titel war in meinen Händen». Ein weiterer Schlüsselmoment: die Minuten vor dem Saisonfinale in Abu Dhabi. «Da wusste ich, dies hier könnte dein letztes Rennen sein. Und es fühlte sich alles plötzlich so klar und richtig an vor dem Start»: ­Rosbergs Äusserungen zu seinem Aus klingen fast schon beseelt.

Er ist der erste Fahrer seit Alain Prost 1993, der als Weltmeister zurücktritt. Der Franzose hatte seinen Ausstieg allerdings schon drei Rennen vor Saisonende bekannt gegeben. Weiter unerreicht an der Spitze der speziellsten Rücktritte aus der Formel 1 bleibt Niki Lauda. Der war 1979 nach zuvor zwei WM-Titeln beim Training in Montreal einfach aus seinem Brabham geklettert und hatte kundgetan: «Ich will nicht mehr im Kreis fahren.» Zweieinhalb Jahre später kam er zurück und tat genau das wieder. 1984 wurde Lauda noch einmal Weltmeister. Rücktritte sind in der Formel 1 häufiger nicht endgültig gewesen.

Muss jetzt Sauber verzichten?

Wer Rosbergs Platz neben Hamilton bei Mercedes im kommenden Jahr einnehmen darf, ist noch völlig offen. Die Firma unterhält beste Beziehungen zu Pascal Wehrlein (22), der 2015 die Touren­wagen-Serie DTM gewann, sich in der abgelaufenen Formel-1-Saison beim Hinterbänkler-Team Manor recht achtbar schlug und auch bei Sauber hoch im Kurs steht. «Unerwartet und aufregend» nennt Teamchef Toto Wolff die Situation, so kurzfristig einen begehrten Arbeitsplatz vergeben zu dürfen.

Erstellt: 02.12.2016, 23:52 Uhr

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