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Der Mann, der Sauber an den Abgrund drängte

Giedo van der Garde ist zurück in der Formel 1. Der Holländer verklagte 2015 den Schweizer Rennstall.

Einst mit 20 Millionen Franken von Sauber ruhiggestellt – und jetzt erfolgreicher Investor im Immobiliengeschäft: Giedo van der Garde. Foto: Imago
Einst mit 20 Millionen Franken von Sauber ruhiggestellt – und jetzt erfolgreicher Investor im Immobiliengeschäft: Giedo van der Garde. Foto: Imago

Plötzlich platzt der Traum, endet die Formel-1-Karriere auf einen Schlag – und Giedo van der Garde feiert erst einmal. Einen Monat lang, jeden Abend, jede Nacht habe er Party gemacht, sagt er, «weil ich dachte, dass es mir gut geht». Er merkt später: Es geht ihm nicht gut.

Der Holländer war damals, im Frühjahr 2015, seiner grossen Chance beraubt worden, das wird ihm nach all dem Feiern bewusst. Er würde der Motorsportwelt nie beweisen können, dass er ein viel talentierterer Fahrer ist, als die meisten glaubten. Dass er mehr kann, als nur in einer besseren Seifenkiste von Caterham dem Feld hinterherzuschleichen. 2015 hatte er es allen zeigen wollen: im Auto von Sauber.

Bei den Schweizern hatte er einen Vertrag als Stammfahrer unterzeichnet – «im August 2014», sagt er. «Alles war klar, entspannt, ich war richtig glücklich.» Es wurde Winter – und es kam der grosse Hammer für ihn. Neben Marcus Ericsson gab der Rennstall nicht etwa ihn als künftigen Piloten bekannt, sondern Felipe Nasr. «Dabei hatte ich doch einen Vertrag, ich musste doch fahren, zeigen, wie gut ich bin, dass ich Potenzial habe», sagt Van der Garde. Er kämpfte um sein Cockpit, erst vor Gerichten in seiner Heimat, dann vor dem Auftakt in Melbourne auch vor dem Obersten Gerichtshof des australischen Bundesstaates Victoria. Er bekam recht. Und fuhr dann doch nicht.

Die Drohungen des Anwalts

Es hatte nicht wirklich geholfen, dass sein Anwalt gefordert hatte, Saubers Equipment zu beschlagnahmen oder die damalige Teamchefin Monisha Kaltenborn in Beugehaft zu nehmen, sollte dem Urteil nicht nachgekommen werden. Es sind nicht unbedingt Aussagen, die einer friedlichen Zusammenarbeit dienlich wären.

Ihm wurde klar: Es ist vorbei. Er hatte nicht gewonnen. Er hatte verloren.

So kam es, dass Van der Garde am Freitag vor dem Rennen in die Garage der Schweizer spazierte, sich Ericssons Overall mit Schweden-Flagge und dessen Nummer 9 überstreifte, sich den Sitz anpassen lassen wollte – und die meisten Mechaniker gingen. Van der Garde wurde klar: Es ist vorbei. Er hatte nicht gewonnen. Er hatte verloren.

Sie wollten nichts mehr zu tun haben mit ihm, mit dem Mann, der das Team mit seinen Klagen an den Abgrund gedrängt hatte. Van der Garde hatte für seinen Platz bei Sauber zwar bezahlt, von 10 Millionen Franken war die Rede, für die sein 1,5 Milliarden Franken schwerer Schwiegervater Marcel Boekhoorn aufgekommen war. Doch es war zu wenig. Sowohl Nasr als auch Ericsson sollen das Doppelte aufgebracht haben. Es war Geld, auf das Chefin Kaltenborn in der äussersten finanziellen Notlage ihres Teams nicht hatte verzichten können – Verträge mit Van der Garde oder auch Adrian Sutil hin oder her.

Die Aussortierten aber liessen das nicht auf sich sitzen, beide gingen vor Gericht, Van der Garde sagt: «Soviel ich weiss, kämpft Sutil immer noch um sein Geld. Das ist doch Wahnsinn!» Er selber einigte sich mit Sauber, mit knapp 20 Millionen Franken wurde er ruhiggestellt, die Sponsoren der neuen Fahrer dürften dafür aufgekommen sein.

Die Blicke verfolgten ihn

Bei Sauber hiess es hinterher, Schwiegervater Boekhoorn, ein gewiefter Investor, habe versucht, den Rennstall zu ruinieren, um ihn günstig aufkaufen zu können. Es gab auch konkrete Anzeichen dafür. Van der Garde lächelt und sagt: «Irgendeine Geschichte mussten sie ja erzählen. Aber das ist Quatsch. Was hätte er mit Sauber machen sollen? Er ist ein guter Businessmann, aber von der Formel 1 hat er nun wirklich keine Ahnung.»

Van der Garde schon. Und das Ende beschäftigte ihn. Die Bilder liessen ihn nicht mehr los, die Blicke der Mechaniker an jenem Freitag vor dem Grand Prix von Australien. «Ein paar Wochen zuvor lachten wir noch miteinander, hatten wir eine gute Beziehung, waren sie noch froh, dass ich als Testfahrer zum Team gehöre. Dann grüssten sie mich nicht einmal mehr, liefen sie einfach an mir vorbei, das war bitter», sagt Van der Garde.

Da wusste er, dass es keine Zukunft geben wird in diesem Team – überhaupt in der Formel 1. Einen Fahrer, der seinen Arbeitgeber verklagt, will kein Rennstall haben.

«Ich habe fürs Rennfahren gelebt, und auf einmal war das alles weg.»

Der Holländer flog zurück nach Amsterdam, schaute das Rennen am Fernseher und sah, wie Nasr und Ericsson auf die Plätze 5 und 8 fuhren. Es war der nächste Schlag ins Gesicht. «Das war so richtig Scheisse», sagt er, «das Auto lief zu Beginn der Saison so gut. Das machte es für mich noch schwieriger, das Ganze zu akzeptieren.» Er stürzte sich in die Partys. Es folgte: der grosse Kater.

Van der Garde taumelte nur noch. Monate lang tat er gar nichts, wusste nicht, wohin mit sich. «Ich konnte eine Sache richtig gut in meinem Leben: Das war, Rennen zu fahren. Dafür habe ich gelebt, und auf einmal war das alles weg. Ich brauchte lange, um das zu verarbeiten», sagt er. Fast ein Jahr lang habe das gedauert, er unterhielt sich mit seinem Mentaltrainer, rappelte sich nach und nach auf, kam wieder auf die Beine.

Vaterfreuden vor 3 Tagen

Es ist Frühherbst 2018 und Melbourne weit weg. Van der Garde ist 33 – und wieder zufrieden. Vor drei Tagen ist er erstmals Vater geworden, kam Sohn Jaxx Gi zur Welt, «es gibt kein Gefühl, das diesem nahe kommt», sagt er. Er ist erfolgreicher Investor, kauft mit seiner Firma Häuser in und um Amsterdam auf, renoviert sie und veräussert sie zu einem hohen Preis. Die vier Wohnungen, an denen er derzeit arbeitet, haben zwischen 300 und 700 Quadratmeter Wohnfläche, «schön, damit kann ich ganz gut Geld verdienen», sagt er.

Van der Garde ist auch wieder Rennfahrer, engagiert in der Langstrecken-WM. Und er ist zurück in der Formel 1: als Kommentator des holländischen Fernsehens. «Es geht mir sehr gut», sagt er, «ich geniesse vor allem die Zeit zu Hause und merke jetzt, was mir früher gefehlt hat.» Vielleicht musste es ja so kommen für ihn.

Doch: Würde er noch einmal gleich vorgehen, noch einmal alles riskieren vor Gericht? «Ich weiss es nicht. Das war eine Entscheidung, die damals richtig schien. Aber was passiert ist, ist passiert. Das Leben geht weiter.»

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