Der Nachwuchs rüttelt die Formel 1 wach

Lando Norris, Max Verstappen und Charles Leclerc beleben den Zirkus mit ihrer Fahrweise und ihrer Art.

Sie sorgen für Feuerwerk: Max Verstappen (21), Lando Norris (19) und Charles Leclerc (21). Fotos: Reuters

Sie sorgen für Feuerwerk: Max Verstappen (21), Lando Norris (19) und Charles Leclerc (21). Fotos: Reuters

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Den Weltmeistern weht ein frischer Wind entgegen. Oder er kommt von der Seite, wie am Donnerstag in Silverstone. Die offizielle Pressekonferenz steht an, steif, steril, technisch. So ist das oft bei diesem Pflichttermin zwischen Fragestellern und Formel-1-Piloten, die zu fünft vorne auf dem Podest hinter einem grauen Tisch sitzen. Nicht so vor dem GP von Grossbritannien.

Lando Norris sitzt neben Lewis Hamilton, der Überfigur. Für die Briten hat das schon Symbolcharakter. Wird Norris der neue Hamilton? Sie träumen wieder einmal auf der Insel, die Boulevardblätter tragen es in grossen Lettern an die Kioske. Zarte 19 ist Norris im November geworden, zu Wunderdingen soll er aber allemal bereit sein in seinem McLaren – auch beim Heimrennen.

Norris’ Lachanfall

Erst aber ist Fragerunde. Von Hamilton will einer wissen, warum die Briten Nigel Mansell einst leidenschaftlicher geliebt hätten als nun ihn. Norris schaltet sich ein: «Liegts am Schnauz?» Hamilton fragt: «Weil meiner nicht richtig wächst?» «Mit meinem wirds auch nicht besser», sagt Norris. Dann hält er sich die Hand vor den Mund, vors Gesicht, kichert, prustet, quietscht, legt den Kopf auf den Tisch, wischt sich die Tränen aus den Augen. Daniel Ricciardo, zwei Plätze weiter, Rennfahrer von Beruf und Clown des rasenden Zirkus im Nebenamt, hat gefragt, wie es überhaupt um die Körperbehaarung des jungen Kollegen stehe.

Die Szene taugt zum Sinnbild. Die Jungen wecken die Formel 1 aus ihrem Tiefschlaf. Unterhaltsam, laut, auffällig, das sind sie. Und: Charakterköpfe mit dem Zeug zu Weltmeistern. Norris ist einer von ihnen, geboren in Bristol im Südwesten Englands, aufgewachsen in wohlhabendem Hause. Sein Vater soll mit dem Verkauf von Versicherungen 200 Millionen Franken angehäuft haben. «Ich mag es nicht, permanent darüber zu reden», sagt Norris. Lieber spricht er über seinen steilen Aufstieg. Ohne das Polster von Papa Adam – er mag es nicht gerne hören – wäre es kaum so gekommen.

Erst versucht sich Lando auf zwei Rädern, als 6-Jähriger stürzt er mit seinem Mini-Motorrad. Er mag sein liebstes Spielzeug nicht mehr. Mit 7 bekommt er einen Kart, fährt im Pferdestall des elterlichen Gehöfts, dann auf der Rennpiste. Mit 15 wechselt er in den Formelsport, wird britischer Formel-4-Meister, 2016 gewinnt er drei Nachwuchsklassen – in einem Jahr. 2018 wird er Zweiter in der Formel 2. Und jetzt also ist er bei McLaren Stammfahrer in der Formel 1.

Ein Spektakel der Jugend

Zak Brown, Norris’ Chef, sagt: «Er ist ein aussergewöhnliches Talent.» Intelligent, präzise, anständig sei er, heisst es vom Team. Auf der Rennstrecke ist er genau so. Viermal hat Norris Punkte geholt. McLaren ist Vierter in der Konstrukteurswertung, Norris Achter in der WM.

Zuletzt gab es Rang 6 in Spielberg, bei diesem Feuerwerk, das die Formel 1 wachrüttelte. Es war ein Spektakel der Jugend. Dank Norris. Dank Charles Leclerc und Max Verstappen, den 21-Jährigen, die sich vorne ein atemberaubendes Duell lieferten in ihren Ferrari und Red Bull. Mercedes mit Hamilton und Bottas? Sebastian Vettel? Statisten bei diesem Schauspiel, das seinen Höhepunkt drei Runden vor Schluss fand, als Verstappen, der Draufgänger aus den Niederlanden, seine neu gewonnene Zurückhaltung ablegte und Leclerc in einer Kurve wegdrängte. Es war ein Grand Prix, wie ihn die Formel 1 lange nicht erlebt hatte. Mit Fahrern auf dem Podest, die für die Zukunft des oft totgesagten Sports stehen.

Reif sind sie nun alle

Leclerc beweist bei Ferrari, dass er sich nicht fürchtet vor viel Verantwortung, dass er nicht gewillt ist, zurückzustecken, nur weil Teamkollege Vettel vierfacher Weltmeister ist. Der Monegasse biss sich durch, als die Italiener auf Vettel setzten und zeigte, dass sie mit ihrer Entscheidung nicht unbedingt richtig lagen.

Verstappen wiederum gilt als Titelkandidat, seit er 2016 als 18-Jähriger von Toro Rosso zu Red Bull wechselte. Mit seiner ungestümen Art verbaute er sich vieles selber. Nun scheint er zu wissen, dass es manchmal auch einer passiveren Fahrweise bedarf, um den Marathon einer Saison erfolgreich zu bestehen. ­Leclerc hat das längst verinnerlicht, Norris ist zu wenig Haudrauf, um etwas anderes zu tun.

Wachsen sie im gleichen Stil weiter, weht der Wind für die alten Weltmeister bald nicht mehr von der Seite. Sondern sturmgleich frontal ins Gesicht.

Erstellt: 13.07.2019, 12:23 Uhr

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