Der Thriller von Valencia

Nie war Motorradsport böser und grossartiger als beim Showdown um die Weltmeisterschaft in der Königsklasse: Valentino Rossi vs. Jorge Lorenzo, Italien vs. Spanien.

Rasend Rad an Rad: Valentino Rossi führt vor dem WM-Finale knapp vor Teamkollege Jorge Lorenzo. Foto: Maurizio Brambatti (Keystone)

Rasend Rad an Rad: Valentino Rossi führt vor dem WM-Finale knapp vor Teamkollege Jorge Lorenzo. Foto: Maurizio Brambatti (Keystone)

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Nun bricht also tatsächlich der Tag an, an dem der Motorradsport ein Gross­ereignis bietet, einen Programmpunkt für das ganz breite Publikum. Voll Rohr aus der Nische. Mit lärmenden Motoren und tausend Polemiken aus der Box für die «happy few», die Schar der Aficio­nados. Wer hätte für möglich gehalten, dass ein GP der Zentauren, ein Rennen der verwegenen Männer in Dauerschieflage, die in Valencia das Moto-GP-Finale austragen, zum televisionären Must werden würde? Für alle, na gut, sicher für alle Italiener und Spanier.

Valencia, Sonntag, 14 Uhr.

Draussen in der übrigen Welt macht man sich keine Vorstellung davon, mit welch überdrehter Leidenschaft und mit welch heiligem, patriotischem Furor in Italien und Spanien, den beiden Motorradländern, diesem Rennen entgegen­gefiebert wird, dem Showdown zwischen Valentino Rossi und Jorge ­Lorenzo. Zwischen dem kleinen Herrgott dieses Sports, der mit 36 seinen zehnten Weltmeistertitel gewinnen könnte, und seinem recht irdischen Heraus­forderer, der sich während der Schwächephase der Nummer 46 seit 2010 ein ansehnlichesn Palmarès (2 WM-Titel, 34 Siege) errast hat. Beide fahren Yamaha, sind Teamkollegen, verbringen viel Zeit miteinander. Und sind Gegner, erbitterte Gegner. Sieben Punkte trennen sie an der WM-Spitze, dahinter nichts. Vorteil «Vale», normalerweise.

Marquez und sein Idol

Aber eben, nichts ist mehr normal seit jenem Vorfall in Kurve 14, in Sepang, Kuala Lumpur, an einem feuchten, heissen Tropentag vor zwei Wochen.

Sepang ist die Hölle. Der Schweiss fliesst in Bächen unter den Schutzan-zügen, unter dem Helm der Fahrer. Man muss die Szene, die sich in der siebten Runde abspielt, ganz nah heran­zoomen, damit sie ihre Transformationskraft ­entfaltet. In den Haupt­rollen: Marc ­Marquez, der jugendliche Titelverteidiger, und Valentino Rossi, der «Dottore», Gewinner von 112 GPs in den letzten 20 Jahren. Von den beiden gibt es berührende Fotos, als der Katalane 15 war, ein Teenager mit schiefen Zähnen und aufgeregtem Lachen neben seinem Idol. Man sollte die Bilder in der Folge oft ­sehen.

Kniebeugen mit Folgen

Diesmal ist Marquez in der WM abgeschlagen. Im Rennen fighten die beiden um Platz 3, aggressiv, nahe am Limit. Rossi verliert Zeit auf die Spitze, auf ­Lorenzo. Und ärgert sich. In der siebten Runde, Kurve 14, richtet er sich auf, bremst fast bis zum Stillstand und redet auf Marquez ein. Die beiden kommen sich ganz nahe. Marquez lehnt sich in die Kurve, berührt mit der rechten Schulter das linke Knie Rossis. Und stürzt. Rossi beendet das Rennen als Dritter. Über dem Podium hängt die Gewissheit, dass das Rennen noch lange nicht zu Ende sein wird.

Zwei Sekunden dauerte die Szene, in der Superslowmotion etwas länger. In Italien und Spanien lief sie seither so oft am TV, aufgenommen aus allen Perspektiven, dass sie sich in die Köpfe gebrannt hat. Physiker erklärten mit Formeln, wie stark Flieh- und Gravitationskräfte in diesem Sport wirken, wie gefährlich er ist. Funktionäre zitierten aus Regel­werken. Vor allem aber wurde in den letzten zwei Wochen recht unwissenschaftlich über einen kleinen Reflex ­gestritten, ein kurzes Kniebeugen Rossis, das Marquez’ Sturz wahrscheinlich ­verursachte.

Für die Spanier eine bösartige «patada», ein Tritt, mit dem sich die ­Legende selbst entehrt habe, für immer. Die meisten Italiener sahen in derselben Geste höchstens eine genervte «spintarella», einen kleinen Schubser des ­«Dottore», der sich vom schnöseligen Spanier nicht jede Respektlosigkeit bieten lassen müsse. Schliesslich gebe es in ­diesem Sport auch ungeschriebene ­Gesetze. Man verglich den Kniestoss mit ­Zidanes Kopfstoss, mit Tysons Ohrbiss.

Die sportliche Obrigkeit bestrafte Rossi halb schwer: Er durfte die Punkte behalten, muss in Valencia aber als ­Letzter starten. Ein bedeutendes Handicap, aber kein definitives. Wenn es ­morgen regnet, ist alles möglich. Wenn sich die Schar vor Rossi wie durch ein ­Wunder teilt, ähnlich wie das Meer bei ­Moses, dann wäre «46» schnell vorne dabei. Wenn dann noch der eine oder andere Italiener die Wege von Lorenzo kreuzt, die Radien seiner Kurven verengt, wie das Marquez mit Rossi tat, ­Italien gegen Spanien, ihn vielleicht ­sogar ein bisschen stubst und schubst, ja dann . . .

Die Unschuld verloren

Ein Thriller, Sonntag, 14 Uhr.

Die 110'000 Eintrittskarten waren schnell weg. Die Organisatoren hätten die Tribünen zweimal füllen können, so gross war die Nachfrage. Es gibt nun Fans, die klagen, ihr Sport habe in der Kurve 14 von Sepang seine Unschuld ­verloren. Bisher war es nämlich immer so gewesen, dass sich die Welt namens MotoGP als eine bessere wähnte, eine mit hehren Werten der Kameradschaft, so etwas wie das Rugby des Motorsports. Weniger verbissen als die Formel 1, auch weniger kommerzialisiert. In den Rennen forderte man sich alles gab. Doch nach den Rennen umarmten sich die Fahrer, assen zusammen Pasta, erzählten einander erleichtert von den grenzwertigen Abenteuern auf der Piste.

Rossi verkörperte dieses kulturelle Selbstverständnis. In den letzten zwei Jahrzehnten lieh er dem Sport sein ­charismatisches, immerzu bübisch ­lächelndes Gesicht – Peter Pan mit 300 Sachen. Mit einer Körpergrösse von 1,82 Meter war Rossi ja eigentlich gar nicht gemacht fürs Motorradfahren. Da ­passen Jockeys besser, kleine, dünne Männer. Er war immer anders, begabter. Ein Glücksfall, ein Glückskind. Nun schenkt er dem Motorradsport auch noch seine aufregendste, spannendste Stunde.

Erstellt: 06.11.2015, 22:48 Uhr

Wie Rossi Weltmeister wird

Valentino Rossi wird im Duell mit Jorge Lorenzo vom letzten Startplatz aus zum zehnten Mal Weltmeister, wenn:


  • er 1. oder 2. wird

  • Lorenzo 2. und er 3. wird

  • Lorenzo 3. und er mindestens 6. wird

  • Lorenzo 4. und er mindestens 9. wird

  • Lorenzo 5. und er mindestens 11. wird

  • Lorenzo 6. und er mindestens 12. wird

  • Lorenzo 7. und er mindestens 13. wird

  • Lorenzo 8. und er mindestens 14. wird

  • Lorenzo 9. und er mindestens 15. wird

  • Lorenzo nicht über Platz 10 hinauskommt oder ausfällt

Lorenzo (l.) und Rossi: Beide fahren Yamaha, sind Teamkollegen, verbringen viel Zeit miteinander. Und sind Gegner, erbitterte Gegner. Foto: Keystone

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