Die Frau, die weiterfährt

Sophia Flörsch hatte in der Formel 3 einen fürchterlichen Unfall. Die 18-Jährige will ihre Karriere fortsetzen. Nur: Wie findet man in seinen Sport zurück?

Mit 270 Stundenkilometern einen Unfall gehabt: Sophia Flörsch.


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Sophia Flörsch bewegt sich langsam nach vorne. Auf allen Vieren wie eine Katze, die sich anpirscht. Nur keine hektische Bewegung. Die Musik im Hintergrund gibt einen anderen Rhythmus vor, aber das ist egal. Für die junge Frau, die ihr Leben bisher dem Ziel untergeordnet hat, schneller als andere zu sein, geht es gerade nicht um Geschwindigkeit. Für sie geht es darum, wieder ein gutes Gefühl für ihren Körper zu bekommen. Um bald wieder eine Rennfahrerin zu sein. Da ist es besser, das Tempo etwas zu drosseln.

Sophia Flörsch schlägt in mehreren Metern Höhe in die Streckenbegrenzung ein. Bei einer Geschwindigkeit von über 270 Stundenkilometern.

Sie hat sich erst mal aufgewärmt an diesem Nachmittag Anfang Januar in der kühlen Halle eines Münchner Fitnessstudios. Nacken, Brustkorb und Hüfte muss Flörsch zurzeit besonders auf die Trainingseinheit vorbereiten. Jene Stellen ihres Körpers, an denen sie nun Narben trägt. Die 18 Jahre alte Münchnerin arbeitet mit einem persönlichen Fitnesstrainer zusammen. Alle Übungen sind auf ihre Bedürfnisse als Motorsportlerin ausgerichtet. Der Winter ist für sie die Zeit der Vorbereitung. Insofern macht Flörsch gerade das, was sie zu Jahresbeginn sonst immer macht. Das Besondere ist, dass sie das überhaupt noch kann.

Erstaunliche Genesung

«Das Meiste habe ich überstanden», sagt Flörsch. «Mich hat vor allem verrückt gemacht, mich von Null heran arbeiten zu müssen. Anfangs habe ich im Training die Schmerzen unterdrückt, weil ich einfach schnell fit werden wollte.» Dass sie schon wieder viel Kraft und Beweglichkeit zurück erlangt hat, überrascht sie selbst. Auch ihr Trainer findet das erstaunlich. Weil der 18. November 2018 das Leben von Sophia Flörsch hätte drastisch verändern, wenn nicht sogar beenden können und sich seitdem auch für sie die Frage stellt: Findet jemand nach so einem Unfall überhaupt wieder in seinen Sport zurück - mit freiem Kopf und alter Routine?

An jenem Sonntag fand das Weltfinale der Formel 3 in der chinesischen Sonderverwaltungszone Macao statt. In der vierten Runde zog Flörsch ihren Wagen auf der Geraden vor der Lisboa-Kurve des Stadtkurses aus dem Windschatten eines Konkurrenten, um zu überholen. Der Fahrer vor ihr verzögerte jedoch plötzlich, Flörsch verlor die linken Reifen und die Kontrolle, krachte gegen die Streckenbegrenzung. Soweit überschneiden sich ihre Erinnerungen mit den Filmaufnahmen. In Videos ist zu sehen, dass Flörsch dann - wie von einer Rampe geschossen - mit ihrem Auto von der Strecke abhebt, ungebremst mit dem Heck zuerst durch und über Fangzäune fliegt und schliesslich mit der Cockpitseite in mehreren Metern Höhe in die Streckenbegrenzung einschlägt. Bei einer Geschwindigkeit von über 270 Stundenkilometern.

Der Unfall von Macao.

Flörsch hat sich die Bilder oft angeschaut. Auch sie findet, dass es schreckliche Videos von einem schrecklichen Unfall sind. Nur kann sie nicht so richtig glauben, dass sie es ist, die in dem durch die Luft geschleuderten Wagen sitzt. Für sie ist das surreal. «Das Fliegen hat sich im Auto anders angefühlt», sagt Flörsch. Mehr wie Schlittern auf der Fahrbahn, weil alles viel zu schnell ging, als dass sie sich klar werden konnte, was mit ihr passiert. «Dann weiss ich nur noch, wie ich auf den Reifenstapeln lag und mir den Feuerlöscher aus dem Gesicht gewischt habe, weil er angegangen ist.» Ihre Augen brannten von dem weissen Schaum, im Mund lag ein ekliger Geschmack. Sie spürte Schmerzen im Rücken und Nacken und ihre am Cockpit aufgeschürften Schienbeine. Flörsch war die ganze Zeit bei Bewusstsein.

11 Stunden Operation

Wie schlimm die Verletzung tatsächlich war und wie viel Glück sie gehabt hat, erfuhr sie erst später. Elf Stunden wurde Flörsch am Tag nach dem Unfall operiert. Ein Stück ihres Hüftknochens wurde in den gebrochenen Halswirbel eingesetzt. Auf den Röntgenbildern war zu sehen, wie nahe der Knochensplitter am Rückenmark lag. Durchdrungen hat er die Nervenbahnen nicht, nur zur Hälfte gequetscht. Bis zur Operation lag Flörsch ausgestreckt auf einer Metallplatte und durfte sich nicht bewegen. Ohne Schmerzmittel, damit sie jegliche Verschlimmerung hätte melden können.

Sophia Flörsch hat einen Traum: die Formel 1. Bild: Keystone

Über die Zeit nach der OP können Flörsch und ihr Vater, der die ganze Zeit in Macao war, lustige Geschichten aus dem Krankenhaus erzählen. Beide lachen dann viel und bei jedem Lachen schwingt spürbar Erleichterung mit, dass zwar die Bilder dramatisch sind, die Folgen des Unfalls aber nicht. Vier Tage nach dem Eingriff konnte Flörsch wenige Schritte laufen, sieben Tage später zurück nach Hause fliegen und etwa einen Monat später mit leichtem Training beginnen. Ein Trauma hat sie nicht erlitten.

Wieso willst du wieder Rennen fahren, hast du keine Angst? Das hat sie oft gehört. Flörsch versteht schon die Frage nicht.

Es ist, vor allem für sie und ihre Familie, wie ein Wunder. Die Anteilnahme war überwältigend, bis heute konnte sie nicht alle Nachrichten beantworten. Formel-1-Piloten wie Fernando Alonso, Nico Rosberg und Nico Hülkenberg wünschten ihr gute Besserung, auch der Präsident des Internationalen Automobilverbands (FIA), Jean Todt, meldete sich. Flörsch weiss das sehr zu schätzen, mit dem Unfall aber hat sie abgeschlossen. «Ich will wieder auf mein früheres Level kommen, wenn nicht sogar ein höheres», sagt sie, «ich will mich noch besser auf die Saison vorbereiten. Und ich freue mich so sehr darauf, wieder im Auto zu sitzen, wie noch nie.»

Vielen fällt es schwer nachzuvollziehen, wie Flörsch einfach so weitermachen kann wie vorher. Wieso willst du wieder Rennen fahren, hast du keine Angst? Das hat sie oft gehört. Flörsch versteht schon die Frage nicht. Nichts wünscht sie sich sehnlicher, als wieder das Visier runter zu klappen. Dass der Motorsport - wie andere Sportarten auch - Gefahren birgt, wissen jene, die ihn betreiben, so gut wie die Zuschauer. Unfälle gehören als einkalkuliertes Risiko dazu. Nur wird das oft vergessen, weil inzwischen selten etwas Schlimmes passiert.

Im März will sie wieder fahren

Angst, sagt Flörsch, hatte sie keine. Den Gedanken, ihre Karriere zu beenden: nie. Natürlich auch, weil sie ihre eigenen Erinnerungen schützen. Als ihr die Ärzte mitteilten, sie könne ihren Sport wieder ohne Einschränkungen ausüben, war sie dankbar. Und dachte dann relativ schnell an verpasste Chancen. Im Dezember standen Tests in der Formel E an. Flörsch hätte sich ausserdem für die 24 Stunden von Le Mans qualifizieren können, dem berühmten Langstreckenrennen. Und im Februar wird für die neu gegründete internationale Formel 3 getestet. Auch das ohne sie. Ende Januar steht eine Untersuchung an, wenn sie danach als medizinisch geheilt gilt, kann sie Rücken und Nacken wieder belasten. In dieser Zeit wird sie auch erstmals zu ihrem Formel-3-Team Van Amersfoort in die Niederlande reisen, zu dem sie seit dem Unfall eine noch engere Beziehung hat. Ab März, so lautet die Prognose, kann sie wieder im Rennwagen sitzen.

Ihr ist jetzt vor allem eines wichtig: Dass sie nicht die Fahrerin mit dem schlimmen Unfall bleibt. «Ich möchte das Mädchen sein, das versucht, Rennen zu gewinnen und Erfolg hat», sagt Flörsch. Mit vier Jahren begann sie im Kart, als erste Frau sammelte sie Punkte in der Formel 4 und fuhr aufs Podest. 2018 folgte der Wechsel in die Formel 3, die schon vielen als Sprungbrett in die Königsklasse gedient hat. In der europäischen Serie der Formel 3 will sie auch dieses Jahr wieder starten.

Für Sophia Flörsch sind das alles Etappen auf dem Weg zu ihrem grossen Ziel, der Formel 1. Daran hat sich durch Macao nichts geändert. Für sie ist der Motorsport ihr Leben. Und so soll es bleiben.

Erstellt: 12.01.2019, 13:08 Uhr

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