Die frühere Sauber-Chefin setzt jetzt auf virtuelle Boliden

Monisha Kaltenborn lässt Hobbypiloten in Zürich und Cham über die Rennstrecken der Welt rasen – in reellen Cockpits und doch virtuell.

Sie hat das Steuer in der Hand: Monisha Kaltenborn (48) mit ihren Boliden, die sich nur auf den Bildschirmen bewegen. Foto: Reto Oeschger

Sie hat das Steuer in der Hand: Monisha Kaltenborn (48) mit ihren Boliden, die sich nur auf den Bildschirmen bewegen. Foto: Reto Oeschger

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Es riecht nicht nach Benzin oder Motorenöl. Kein Mechaniker, der dicke Räder über den Asphalt rollen würde. Keine dröhnenden Rennwagen im Hintergrund, keine umherwuselnden Männer in Overalls. Alles ruhig, alles steril. Und doch gibt es ihn hier zu finden, den Temporausch, den Nervenkitzel des Rennfahrens.

Ein Gebäude beim Stadtzürcher Bahnhof Tiefenbrunnen: Eine goldene Treppe führt hinauf in den ersten Stock. Hinter der Bar steht ein junger Mann und poliert Gläser. Über ihm hängen riesige Lampenschirme, rundherum stehen Sofas. Um die Ecke: vier Boliden, räderlos, sternförmig angeordnet auf einem Glasboden, auf dem vor kurzem noch Cüpli getrunken wurden und getanzt wurde. Je drei Bildschirme ­stehen vor den Chassis, Kostenpunkt pro Gerät: 120000 Franken.

Willkommen in der Formula V, wo auf den Rennstrecken dieser Welt gerast werden kann. In reellen Cockpits und doch virtuell. Zu Übungszwecken für Nachwuchspiloten oder einfach zum Spass. Was Monisha Kaltenborn im ehemaligen Club Meylenstein aufgebaut hat, entspricht dem Zeitgeist: Umweltfreundlich, risikofrei, für jeden zugänglich, für jeden erschwinglich.

Eine Ergänzung zur Königsklasse

Kaltenborn war die Chefin des Formel-1-Teams Sauber, heute steht sie dieser Formel Virtuell vor, der Formula V. Bald wird die Serie umbenannt in Racing Unleashed, das Logo gleicht zu sehr demjenigen der Formel 1. Man wolle ja auch nicht verglichen werden mit der Königsklasse des Motorsports, sagt Kaltenborn, «wir sehen uns als Ergänzung.»

48 ist die Österreicherin im Mai geworden, die Welt der rasenden Boliden hat sie noch immer fest im Griff. Seit sie weg ist aus der Formel 1 hat sie viel Sport getrieben, die Ernährung umgestellt, entsprechend schmal wirkt sie auf dem breiten Ledersofa.

Hier also ist sie gelandet, von der grösstmöglichen Bühne des Motorsports auf einem Sofa in einem ehemaligen Ausgehlokal. Doch Kaltenborns Pläne sind gross, sie will mit der Serie zumindest die halbe Welt erobern.

Die Querelen bei Sauber

Wie es ist, zu den Grossen des Geschäfts zu gehören, weiss sie. Ab 2000 arbeitete die gebürtige Inderin im Team von Peter Sauber, 2010 wurde sie Chefin. Seit Sommer 2017 ist sie das nicht mehr, es gab Unstimmigkeiten zwischen den neuen Besitzern von Longbow Finance und ihr. Sie selber hatte die Investmentgesellschaft an Bord geholt und so den Untergang des Rennstalls verhindert.

«Ich hoffe nicht, dass meine Söhne sagen, ich hätte nie Zeit gehabt. Ich war sehr viel weg, aber bei allem involviert.»Monisha Kaltenborn

Doch nun, da die finanziellen Sorgen weit weg sind, mit Alfa Romeo ein weiterer potenter Partner zum Team gehört und es die Früchte zu ernten gilt, ist sie nicht mehr dabei. Frustriert deswegen sei sie nicht, versichert Kaltenborn. «Ich hatte meine Zeit. Ich trug lange die Verantwortung und habe mein Ziel erreicht: Das Unternehmen zu sichern. Das jetzt ist nicht mehr meine Arbeit.»

Es sei ihr nicht schwergefallen, nach so vielen Jahren Abschied zu nehmen, die Umstände hätten es ihr erleichtert. «Es war keine Atmosphäre mehr, in der ich gerne tätig bin. Ich mag ständige Querelen nicht. Für mich war wichtig, einen klaren Schlussstrich ziehen zu können.» Diesen zog sie.

Sie möchte eine Rückkehr in die Formel 1 zwar nicht ausschliessen, «doch zurzeit bin ich lieber hier, wo ich so viel Spass und Freude vermitteln kann. Das ist eines der grössten Probleme, die der reale Motorsport hat: Die fehlende Nähe zu den Zuschauern. Wir hier bringen den Sport durch das eigene Erleben näher.»

Zurück in die Formel 1? Kaltenborn schliesst es nicht aus, ist in der Formula V aber zufrieden. (Bild: Keystone/Franck Robichon)

Der 600-Millionen-Mann

Seit Juli ist Kaltenborn die Chefin. Francisco Fernandez hat sie geholt, der Besitzer der Formula V, der als Software-Unternehmer ein geschätztes Vermögen von 600 Millionen Franken angehäuft hat. Kaltenborn wusste nichts vom virtuellen Rennsport, «doch nach zehn Minuten Gespräch mit einem Mitarbeiter war ich schon mittendrin, sprach ich von ‹wir› statt ‹ihr›». Als sie kam, krempelte sie erst einmal um, wechselte einen Grossteil der Belegschaft aus, holte auch motorsporterfahrene Leute.

Die studierte Juristin hat also ihre nächste Herausforderung gefunden. «Ich brauche das offenbar – etwas, bei dem ich mich anstrengen muss, aus dem ich etwas erschaffen kann», sagt sie, diese Erfüllung im Beruf.

Ihr Mann und ihre beiden Söhne, 14 und 17 Jahre alt, kennen es nicht anders. «Ich hoffe nicht, dass sie einmal sagen werden, ich hätte nie Zeit gehabt für sie. Ich war vielleicht sehr viel weg, aber bei allen Dingen involviert. Es war nie so, dass ich nicht wusste, was zu Hause los ist.» Sie habe es nach der Trennung von Sauber auch genossen daheim in Küsnacht, «aber ich bin eben auch offen für neue Projekte».

Ein solches war auch 2018 an sie herangetragen worden, von Emily di Comberti, einer Unternehmerin aus französisch-monegassischer Familie. Die beiden Frauen gründeten ein Team in der Formel 4, der niedrigsten Klasse des Formel-Sports. KDC Racing, K für Kaltenborn, DC für Di Comberti. Nach ein paar wenigen Rennen in Italien und Deutschland war Schluss. «Di Combertis persönliche Umstände verunmöglichten es, weiterzumachen», sagt Kaltenborn. Nachtrauern mochte sie auch dem nicht. «Es muss im Leben immer weitergehen, man muss immer weitermachen. Es gibt so vieles, was man tun kann.»

Sie versucht sich erst einmal in der Virtualität.

Erstellt: 30.12.2019, 07:04 Uhr

Wenn die Hobbypilotin glaubt, Monza zu beherrschen

In der Formula V sollen Jungrennfahrer auf ihre Karriere vorbereitet werden und Spasspiloten das Gefühl haben, zur grossen Welt des Motorsports zu gehören.

Manch ein Möchtegern-Pilot dürfte beim Anblick der Boliden der Formula V aufatmen: Ins Cockpit passen nicht nur durchtrainierte Rennsportler, der Schalensitz ist ziemlich breit.

Darin liegt der Fahrer förmlich, die Pedalen werden an die Grösse angepasst, die Gurte festgezurrt, das Lenkrad angebracht. Es ist eines aus der Formel 1 2015 – mit allen Knöpfen drauf. Gebraucht werden nur wenige. Monisha Kaltenborn spricht von einer Linie, die sie ziehen müssen. Realitätsnah und doch nicht zu sehr, um auch dem Hobbypiloten gerecht zu werden. Reifenverschleiss, Wind, Benzinverbrauch, all das könnte simuliert werden. Doch Formula V verzichtet darauf.

Die Bildschirme gehen an, die Vorderreifen sind darauf zu sehen, die Strecke aus tiefer Sicht. Beschleunigung, die Gurte ziehen sich fest; bremsen, sie lösen sich; über die Randsteine fahren, die hinteren Dämpfer vibrieren; auf der Wiese rumpelt die ganze Karosserie. Beschleunigen, bremsen, nach wenigen Sekunden ist die Welt rundherum verschwunden, gibt es nur noch Pilot und Strecke, den Tunnelblick.

Junge Rennfahrer würden hier trainieren, sagt Kaltenborn, «es ist ein günstiges Lernwerkzeug und der Schritt auf die reale Strecke ziemlich klein». Es gibt aber auch viele Anfänger. Jüngst sei eine junge Frau vorbeigekommen, die mit Motorsport «nichts am Hut hatte». Sie fuhr auf der Strecke von Monza und war derart begeistert, dass sie sich das Formel-1-Rennen im Autodromo vor Ort anschauen wollte. «Es gibt eine ganz andere Beziehung zu dem Ganzen, weil sie nicht nur Zuschauerin war, sondern quasi Teil davon. Sie denkt: Hey, hier bin auch ich schon gefahren.»

Sie schielt nach Deutschland

Das will Kaltenborn möglichst vielen vermitteln. Die Formula V soll wachsen – und zwar schnell. In Cham fiel im Frühjahr der Startschuss, dort stehen fünf Simulatoren, in Zürich vier, jüngst wurden in Madrid und in Ferraris Heimatort Maranello Lounges eröffnet. Nun schielt Kaltenborn nach Deutschland und in andere westeuropäische Länder oder nach Asien. Die Vision: Auf der ganzen Welt können Teilnehmer zeitgleich gegeneinander fahren.

Zurzeit messen sich die besten Piloten an sieben Wochenenden in Cham. Künftig soll die Renn-Software für den Hausgebrauch erworben werden können, die Qualifikationen würden dann am heimischen Computer gefahren, die Finals in den Simulatoren vor Ort. «Wir wollen ein gesellschaftliches Erlebnis schaffen», sagt Kaltenborn. «Oft wird bei Simulator- oder E-Sports moniert, dass die Teilnehmer vereinsamen. Genau das wollen wir nicht.» (rha)

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