«Die Hände vom Lenkrad, die Augen zu»

Nick Heidfeld hatte im ersten E-Prix einen heftigen Unfall. Der 42-Jährige sagt, er habe nicht aufhören können, Rennen zu fahren. Bei der Premiere in Bern ist er Teamberater.

Nick Heidfeld wurde beim E-Prix 2014 in Peking von Nicolas Prost touchiert und sorgte mit dem Abflug für einen Schreckmoment. Foto: Keystone

Nick Heidfeld wurde beim E-Prix 2014 in Peking von Nicolas Prost touchiert und sorgte mit dem Abflug für einen Schreckmoment. Foto: Keystone

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Rennfahrer haben Benzin im Blut. Wie blutleer waren Sie in der Formel E?
Nun, ich dachte auch immer, die Italiener haben Benzin im Blut, sind patriotisch, schauen nur auf Ferrari, brauchen einen V12-Motor, Kraft. Dann fuhren wir im letzten Jahr in Rom, und das war das bis dahin bestbesuchte Formel-E-Rennen überhaupt. Deshalb ist Benzin im Blut der falsche Ausdruck, es ist ein Rennsport­virus, von dem wir befallen sind.

Die Formel E wurde belächelt, Formel-1-Chef Chase Carey sprach von einer Strassenparty. Kann sie als Rennserie ernst genommen werden?
Definitiv. Am Anfang wurde sie sehr stark belächelt. Doch es ist mit Blick auf die Geschichte gefährlich, etwas zu belächeln und zu sagen: Das Alte ist gut, wir brauchen nichts zu ändern. Das ist in der Wirtschaft so, das ist im Sport so.

«Auf normalen Rennstrecken wäre es selbst mit der neuen Generation von Formel-E-Autos langweilig.»

Waren Sie von Anfang an Feuer und Flamme für die Formel E?
Ich war interessiert. Die allererste Fahrt war dann aber nicht berauschend, weil wir die Leistung um die Hälfte reduziert hatten, um zu schauen, ob alles funktioniert. Als wir auf volle Kraft gingen, war es ganz in Ordnung. Die Kombination von diesem Auto mit Stadtkursen, wo es keine Auslaufzonen gibt, nicht den besten Untergrund, Leitplanken oder Mauern, die ist perfekt. Auf normalen Rennstrecken wäre es selbst mit der neuen Generation von Formel-E-Autos langweilig.

Dass es eng ist, spürten Sie im allerersten Formel-E-Rennen 2014 in Peking, als Sie heftig verunfallten. Was ging Ihnen durch den Kopf?
Während des Abflugs dachte ich nur daran, wie das Ganze enden würde und was in dem Moment gerade passiert. Es fühlte sich an wie in Zeitlupe. Ich weiss noch ziemlich genau, was in jedem Moment in mir vorging. Ich nahm die Hände vom Lenkrad, machte die Augen zu, ich wusste: Gleich kommt der Einschlag. Als ich tatsächlich eingeschlagen war und merkte, dass mir nichts wehtut, dachte ich: Ich bin aber schon lange in der Luft, irgendwann müsste ich doch landen.

Kamen Gedanken an den Tod?
Gar nicht, nur an die nächsten Sekunden, an den Aufprall.

Kannten Sie danach oder davor Gefühle der Angst?
Angst, nein. Bewusstsein dafür, dass es ein Risiko gibt, ja. Das bin ich halt eingegangen.

Sie haben mit Ihrer Lebensgefährtin drei Kinder. Wie geht sie damit um?
Damals schaute sie zum Glück nicht zu. Ich habe sie so schnell wie möglich angerufen und gesagt, dass es mir gut geht.

Was ist es wert, dieses Risiko auf sich zu nehmen?
Es ist meine Passion, etwas, das ich trotz Risiken, meiner Entwicklung als Mensch und meiner Familie nicht aufgeben konnte.

Sie konnten es nicht aufgeben?
So fühlte sich das für mich an.

Ist es eine Sucht?
Der Begriff ist zu negativ behaftet. Ich bin nicht körperlich abhängig wie bei einer Droge. Ich spüre einfach emotional im tiefsten Inneren, dass es das ist, was ich machen will.

Derzeit sind Sie nur Berater des Formel-E-Teams Mahindra und fahren keine Rennen mehr. Wie gehen Sie damit um?
Die Rolle als Berater macht mir Spass. Ich hatte sie schon in den letzten Jahren inne. Ich war zwar Fahrer, aber ich half auch, das Auto weiterzuentwickeln.

Nick Heidfeld fuhr 183 Formel-1-­Rennen, 125 für Sauber, stand 13-mal auf dem Podest. Von 2014-2018 war er Formel-E-Pilot. (Foto: Getty Images)

Wo leben Sie den Drang aus, Rennen zu fahren?
Im Moment gar nicht – der Drang hält sich derzeit auch in Grenzen. Allerdings habe ich mich als Rennfahrer nicht zur Ruhe gesetzt. Und derzeit habe ich das Glück, immerhin noch für die Formel E testen zu können.

Kann die Formel E zur grössten Rennserie überhaupt werden?
Vor ein paar Jahren hätte ich definitiv gesagt: Nein! Aber wenn ich sehe, wie schnell sie sich entwickelt, kann ich mir das vorstellen. Es kommen viele Hersteller dazu. Auf der Strasse drängt alles in Richtung Elektromobilität, das treibt die Formel E vorwärts.

Sie helfen bei der Entwicklung eines Strassenautos von Designer Pininfarina. Es hat 1900 PS. Schlägt Ihr Herz da höher?
Ich komme aus der Formel 1, habe Erfahrung mit Kraft. Aber 1900 PS – das ist gewaltig. Doppelt so viel wie ein Formel-1-Wagen. Leider bin ich das Auto erst im Simulator gefahren, noch in diesem Jahr folgen Testfahrten.

Wie sinnvoll ist es, dass solch ein Auto auf der Strasse fährt?
Ja gut, es gibt noch ein paar andere Autos, die einiges an Leistung haben. Pininfarina will einfach zeigen, was technisch und vom Design her möglich ist.

Ist der Umstieg auf Elektroautos anzustreben?
Es ist derzeit der bessere Weg, als auf Verbrenner zu setzen. Ob es der Weisheit letzter Schluss ist? Auf lange Sicht wohl nicht.

Weshalb nicht?
Es wird Technologien geben, die noch sinnvoller sind. Und wenn jetzt alle komplett auf Elektromobilität setzen würden, wäre das auch unsinnig. Es braucht auch die entsprechenden Ressourcen.

Was mögen Sie an Elektroautos?
Besonders Spass macht die Kontrolle der Leistung. Beim Verbrenner gibt es immer irgendwo eine Verzögerung. Beim Elektroauto bekomme ich genau das, was ich am Gaspedal verlange.

Stört Sie der fehlende Sound?
Es ist interessant, lautlos zu fahren. Zu einem luxuriösen Auto passt das. Aber einen emotional aufgeladenen Sound wie bei einem V10-Motor habe ich bei einem E-Auto nicht erlebt. Im Strassenverkehr ist ein schön klingender Motor für mich schon wichtig. Im Rennsport weniger.

Haben Sie da nicht etwas ­verwechselt?
Nein, wobei ich präzisieren muss: In der Formel E fehlte mir der Sound nicht, ich vermisste nichts.

«Es wird immer in meinem Kopf bleiben, dass ich nicht das erreicht habe, was ich hätte erreichen sollen.»

Auch die Formel 1 ist leiser mit ihren Hybridmotoren. Fehlt Ihnen auch da nichts?
Doch, weil ich weiss, wie es früher war, und deshalb auch, was ich vermissen kann. Ich war vor zwei Jahren in Goodwood am Festival of Speed. Hinter mir startete ein Auto. Ich wusste nicht, was es war. Es war ein Formel-1-Wagen! Früher hörte man den Motor kilometerweit, ich musste mich nicht danebenstellen, um etwas zu hören.

Sie bedauern also nicht, kein Formel-1-Pilot mehr zu sein?
Ich bedaure es nicht mehr. Doch als es 2011 zu Ende ging, war das nicht einfach für mich. Es wird immer in meinem Kopf bleiben, dass ich nicht das erreicht habe, was ich hätte erreichen sollen.

Was wäre das gewesen?
Ein Sportler will gewinnen, nicht nur ein Rennen, auch Meisterschaften, das war immer mein Ziel. Leute reden mir gut zu, sagen, wie lange ich doch in der Formel 1 war, wie oft auf dem Podest, dass ich eine Poleposition erreicht habe, schnellste Runden fuhr und all das. Das ist viel im Vergleich zu anderen. Nur war mein Ziel ein anderes. Ich wollte Weltmeister werden. Und das habe ich nicht erreicht. Dieses Gefühl werde ich immer in mir tragen – bis an mein Ende.

Haben Sie vor allem schlechte Erinnerungen?
Nein, überwiegend positive: Die Rennen, die Erfolge, die Teams, das Zwischenmenschliche, es war toll. Ich erlebte viele schöne Emotionen, gerade in der langen Zeit bei Sauber.

Seit Sie 2001 erstmals für das Team fuhren, leben Sie am Zürichsee. 2018 hatten Sie in der Formel E ein Rennen vor der Haustür. Wie war das?
Aussergewöhnlich. Ich konnte im eigenen Bett schlafen und direkt mit dem Motorrad an die Strecke fahren. Es war überhaupt der beste Event, den die Formel E je hatte. Die Strecke direkt am See, das war hammermässig.

Wie sehr Schweizer sind Sie?
Etwas mehr als früher. Die Kindheit in Deutschland hat mich natürlich geprägt. Aber die Schweiz ist meine Wunschheimat – und Zürich eine der schönsten und lebenswertesten Städte der Welt. Das kulturelle Angebot, die Sicherheit, ärztliche Versorgung, Ausbildung, Sauberkeit – es hört sich komisch an, wenn man das bei einem Städteranking liest. Doch wenn man hier lebt, spürt man, was gemeint ist.

Sie sind 42 und dreifacher Vater.Können Sie nun mit der Familie Verpasstes nachholen?
Die Familie steht bei mir jetzt ganz oben auf der Liste. Aber ich will mich auch nicht beschweren. Ich war früher zwar ab und zu etwas länger unterwegs, dafür war ich ganz für die Familie da, wenn ich zu Hause war.

Erstellt: 20.06.2019, 23:50 Uhr

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