«Die vielen Sympathien liessen auch Neid entstehen»

Peter Sauber sorgte über 20 Jahre für Formel-1-Begeisterung in der Schweiz – und war beliebt. Jedoch nicht bei allen, sagt der 75-Jährige.

«Wenn ich heute in eine alte Agenda schaue, wird mir schwindlig»: Peter Sauber kann den Ruhestand mittlerweile geniessen. <i>(Bild: Christian Merz)</i>

«Wenn ich heute in eine alte Agenda schaue, wird mir schwindlig»: Peter Sauber kann den Ruhestand mittlerweile geniessen. (Bild: Christian Merz)

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Glitzer und Glamour auf der einen Seite, Peter Sauber auf der anderen. Sie passten nie in die Formel 1.
Ich passe auf den ersten Blick nicht in die Formel 1. Und auf den zweiten auch nicht. Ich glaube aber, ich habe der Formel 1 mit meiner Art gutgetan. Das sahen auch die anderen Teamchefs so.

Wurden Sie nicht belächelt mit Ihrem kleinen Team aus der Schweiz?
Sie mögen ab und zu gelächelt haben über mich, aber sie haben respektiert, was wir leisteten. Sie gratulierten auch. Etwas nämlich fehlt in der Formel 1, was in der Schweiz stark verbreitet ist.

Was?
Neid. Es gibt im Sport durchaus Missgunst. Aber einen Neid, wie wir ihn hier haben, gibt es nicht. Es gibt einen passenden Spruch aus dem Glarnerland: Die ältesten beiden Glarner sind der Föhn und der Neid.

Ihnen flogen in der Schweiz doch die Sympathien zu.
Die vielen Sympathien liessen auch Neid entstehen. Vielleicht bin ich zu sensibel. Aber es wurde sehr oft positiv über uns geschrieben. Dann wurde ich auch noch Schweizer des Jahres. Das erzeugt schon Neid.

Beschäftigte Sie das?
Dafür hatte ich keine Zeit.

Sie kommen aus einer erfolgreichen Unternehmerfamilie. Waren Sie Neid gewohnt?
Realisiert habe ich so etwas jedenfalls nicht.

Neid also soll es nicht geben in der Formel 1. Wie ehrlich ist sie?
Egal ob Industrie oder Banken, es ist überall genauso ehrlich oder unehrlich wie in der Formel 1. Der Unterschied ist, dass in der Formel 1 immer eine Kamera dabei ist und es eine sehr kleine Welt ist. Es ist einfach, ein Thema hochzubringen und dann breitzuwalzen.

Sie durchlebten erfolgreiche und schwierige Phasen. 2016 konnten Sie die Löhne nicht mehr rechtzeitig bezahlen. Wie sehr hat Ihnen das zugesetzt?
Die letzten zwei Jahre vor dem Verkauf im Sommer 2016 waren sehr fordernd. So formuliert es jeweils Monisha Kaltenborn. Sie war die Teamchefin, trotzdem trug ich in letzter Konsequenz die Verantwortung. Es war sehr unangenehm, und ich war glücklich, als wir mit Longbow Finance einen Investor fanden. Auch BMW hatte 2009 versucht, das Team zu verkaufen. Es gelang nicht. Es lockte gar Hochstapler an. Ich musste das Team damals zurückkaufen. Es war eine Mission Impossible. Ich hatte niemanden, der mich unterstützte.

Hatten auch Sie mit Hoch­staplern zu tun?
Die kamen meistens nur bis zu Frau Kaltenborn. Aber wir mussten jede Möglichkeit prüfen, auch bei Leuten, bei denen wir früher schnell abgewinkt hätten.

War das auch beim letztlich geplatzten Deal mit russischen Investoren so?

Dort hatten wir ein gutes Gefühl. Ich war zweimal in Moskau. Viele taten Kaltenborn unrecht, indem sie sagten, nicht einmal das mit dem Fahrer habe geklappt, mit Sergei Sirotkin, der Teil des Deals war. Sirotkin war ein Jahr lang Testfahrer bei uns, das brachte viel Geld. Wir gingen davon aus, dass der Deal zustande kommt. Das war nicht so.

«Die Last, diese Belastung, die enorm war, fiel plötzlich von mir ab. Es entstand eine Leere.»

In der Formel 1 dreht sich viel um ganz viel Geld. Hat Sie das verändert?
Nein, ich hatte Zeit, mich daran zu gewöhnen. Als ich 1993 in die Formel 1 kam, hatten wir ein Budget von 20 Millionen Franken wie schon davor in der Sportwagen-WM. Es stieg kontinuierlich. Heute sind es über 140 Millionen.

Da kann jemand schnell den Bezug zur Realität verlieren.
Ich und meine Familie blieben auf dem Boden. Natürlich leisteten wir uns einen gewissen Luxus. Ich fuhr aber nie spezielle Autos, brauchte keine Spielzeuge wie Flugzeuge oder Jachten.

Wie froh sind Sie, tragen Sie die Verantwortung nicht mehr?
Unheimlich froh. Auch, dass mich niemand fragte, ob ich im Verwaltungsrat bleiben möchte oder ein Beratermandat wollte. Ich hätte wohl zugesagt. Das wäre nicht gut gewesen. Gedanklich bin ich mit dem Team auch so noch viel zu stark verbunden. Während der Rennen hört mich meine Frau zu Hause ausrufen, wenn ich das Gefühl habe, die Autos kämen zu spät zum Reifenwechsel. Ich lebe voll mit.

Nicht nur Sie, auch Ihr Name ist aus der Formel 1 verschwunden. Wie ist das für Sie?
Das ist traurig. Für die Schweiz und die Formel 1 mindestens so sehr wie für mich. Wir sind das viertälteste Team. Dass der Name Sauber verschwindet, ist nicht gut. Die Formel 1 lebt auch von der Tradition. In China gab es den 1000. Grand Prix, Sauber steht bei 462. Aber grundsätzlich mache ich es mir einfach. Ich sage: Wenn es für das Team gut ist, ist es auch gut für mich. Die Verantwortlichen müssen entscheiden, und zu denen habe ich volles Vertrauen. Es gibt einen mehrjährigen Vertrag mit Alfa Romeo.

Der Besitzer kommt aus Schweden, der Name des Teams ist italienisch: Die Schweiz hat ihr Formel-1-Team verloren.
Wem gehört Nestlé? Wem gehört Novartis? Wem die Swiss? Es stört niemanden mehr, dass die Lufthansa Hauptaktionärin ist.

Würde die Swiss aber German heissen, gäbe es einen Aufschrei.
Nehmen wir an, ein Hersteller hätte uns beauftragt, für ihn Formel-1-Wagen zu bauen. Etwa Audi. Für die Deutschen haben wir fünf Jahre lang die Aerodynamik für die Autos gemacht, mit denen sie Le Mans gewannen. Hätten wir Formel-1-Autos für sie gebaut, wäre nirgends Sauber draufgestanden. Stolz wären wir dennoch gewesen. Und: Die Firma ist rein schweizerisch. Longbow Finance ist ein Schweizer Unternehmen.

«Nachzutrauern und zu sagen, ich sei ein schlechter Vater gewesen, weil ich nie da war, ist sinnlos.»

Im Sommer 2016 waren Sie auf einen Schlag weg. Wussten Sie etwas mit sich anzufangen?
Das war nicht einfach. Die Last, diese Belastung, die enorm war, fiel plötzlich von mir ab. Es entstand eine Leere. Vielleicht war der Vorteil, dass ich da schon 73 war und nicht unbedingt noch Aktivitäten suchen musste.

Welche Passion haben Sie?
Ich spiele Golf, recht und schlecht, wenig ambitioniert. Ich mache das meiner Frau zuliebe. Ich fahre noch Töff, oft bin ich den ganzen Tag unterwegs. Und ich reite – jüngst ritt ich zum 58. Mal auf dem Sechseläutenplatz um den Böögg. Früher kam alles zu kurz. Wenn ich heute in eine alte Agenda schaue, wird mir schwindlig. Für ein Meeting schnell nach Stuttgart, dann direkt zu einem Test nach Le Castellet und am nächsten Tag in die Firma – ich weiss nicht, wie das ging.

Kam auch Ihre Familie zu kurz?
Ich hatte viel zu wenig Zeit für sie.

Bereuen Sie das?
Eigentlich müsste ich das. Aber was hätte ich tun sollen? Es ist sinnlos, dem nachzutrauern und zu sagen, ich sei ein schlechter Vater gewesen, weil ich nie da war. Meine Frau hat das so hervorragend gemacht. Aber ja, wenn ich sehe, wie sich meine Söhne Philipp und Alex um ihre Kinder kümmern, ist das eine andere Welt. Sie sind beruflich engagiert, kommen aber am Abend nach Hause. Ich kam nicht nach Hause.

Sagen Ihnen Ihre Söhne, dass sie Sie als Vater vermissten?
Es gibt es schon, dass wir darüber reden, oder dass meine Frau einen Spruch macht: Du warst ja auch nie zu Hause. Aber für uns war das normal. Für meine Frau war klar, dass sie zu Hause bleibt, wenn wir Kinder haben.

Geniessen Sie heute die Zeit mit Ihrer Familie?
Ich habe Familienanlässe, die ich früher nie hatte. Wenn heute ein Enkel Geburtstag hat, dann ist das ein Event, zu dem die ganze Familie kommt. Früher haben uns Geburtstage weniger bedeutet. Natürlich haben meine Kinder etwas bekommen, und sie hatten ihre Feste. Aber so gross wie heute war das damals nicht. Wir sehen uns bei den vier Geburtstagen der Enkelkinder und auch sonst sehr oft. Es ist schön.

Wie war es für Ihre Frau, dass Sie plötzlich zu Hause waren?
Es war ungewohnt für sie, dass beim Morgenessen jemand sitzen bleibt und Zeitung liest. Aber es hat sich eingependelt.

Wie fand sie eigentlich, dass Sie Ihren ersten Rennwagen C1 nannten, wegen Christiane?
Ihr Wunsch war es sicher nicht. Aber ich denke, gefreut hat sie sich schon.

In dieser Saison dreht der C38 seine Runden – mit Kimi Räikkönen am Steuer. Was geht Ihnen durch den Kopf?
Es freut mich sehr, dass er zu uns zurückgekommen ist. Ich sage immer uns – Sie sehen, die innere Verbundenheit ist noch immer da. Was schön ist: Kimi freut sich genauso, dass er zurück ist, das spüre ich, wenn ich ihn treffe.

Hat er sich in den 18 Jahren verändert?
In gewissen Dingen ist er wie damals. In Interviews kann er noch immer sehr knapp antworten. Aber das Kindliche von einst ist weg. Er ist viel professioneller.

Wie ist er privat?
Er hat jetzt Familie. Dass er einst mit Kindern «bäbele» würde, konnte ich mir nicht vorstellen.

War er früher kühler, mehr auf sich bezogen?
Er war cooler, das ist der richtige Ausdruck. Natürlich hat er dieses Image auch kultiviert.

Sie haben ihn vor 18 Jahren in die Formel 1 geholt, obwohl er nur sehr wenig Erfahrung hatte. Weshalb?
Es beeindruckte mich, was sein Manager erzählte.

Nämlich?
Er hatte Kimi an einem Kartrennen gesehen. Es war nass, und weil Kimi kein Geld hatte für Regenpneus, fuhr er mit profillosen Reifen. Die Art, wie er fuhr, mit welchem Gefühl, das liess den Manager staunen. Solche Dinge erzählte er. Ich habe aus einem Bauchgefühl heraus eingewilligt.

Und es nicht bereut?
Erst einmal wollte er drei Testtage. Das war unmöglich, viel zu teuer. Aber im Nachhinein verstand ich, weshalb. Kimi war vorher 23 Rennen in der Formel Renault gefahren. Das ist nichts. Als er bei uns im Auto sass und mehr als vier schnelle Runden hätte drehen sollen, kam er an die Box. Ich glaube, er konnte den Kopf nicht länger halten wegen der hohen Fliehkräfte.

Was unterschied ihn von anderen Fahrern?
Seine Körpersprache. Wenn er im Fahrerlager auf mich zulief, hatte ich das Gefühl, ich müsse einen Schritt zur Seite machen, sonst laufe er durch mich hindurch. Er war extrem fokussiert – und doch auch kindlich-naiv. Und sein Umgang mit der komplizierten Technik. Wir hatten Schaltung und Kupplung am Lenkrad, was für ihn neu war. Er fuhr los, als hätte er nie etwas anderes gemacht.

Gehört er zu Ihren Freunden? Ist es überhaupt möglich, in der Formel 1 Freunde zu haben?
Mit dem Wort Freunde bin ich vorsichtig. Ich brauche nicht einmal eine Hand, um abzuzählen, wer meine Freunde sind. Es gibt Personen auf dem Rennplatz, zu denen ich ein Vertrauensverhältnis habe, auch ein herzliches Verhältnis. Bei Kimi ist das nicht einfach. Obwohl: Im letzten Jahr in Abu Dhabi gab es eine Umarmung, die schon herzlich war.

Was bleibt Ihnen von der ­Formel 1?
Mir hat der Motorsport sehr viel gegeben. Ich hatte Erfolgserlebnisse, von denen ich vermutlich heute noch zehre. Ich brachte Mercedes nach 33 Jahren zurück in den Motorsport. Oder dass wir mit einem kleinen Team in Hinwil ein Auto bauten, das Le Mans gewann. Gegen Porsche oder Jaguar. Ich hatte schon da viel mehr erreicht, als ich je gedacht hätte.

Wie verfolgen Sie nun Rennen?
Ich schaue sie am Fernseher und habe daneben auf dem iPad die Abschnittszeiten. In den eineinhalb Stunden bin ich noch immer so konzentriert, dass ich froh bin, wenn es fertig ist.

So nüchtern, wie Sie heute auf dem Sofa analysieren, wirkten Sie an der Strecke. Half das?
Auf jeden Fall. Vor allem dann, wenn es krachte. Ich habe einmal meinen Puls gemessen am Start. Der ging von 70 hoch auf vielleicht 90 – wenn ich aber daheim ein Skirennen schaute, hatte ich einen Puls von 120. Es war professionelle Routine, das schützte mich.

Gab es Unfälle, die Sie bestürzten?
Sicher jener von Karl Wendlinger in Monaco. Und ein ähnlicher von Sergio Perez am selben Ort.

Wie verarbeiteten Sie das?
Das mit Wendlinger war schon heftig. Er lag 19 Tage im Koma.

Stellten Sie sich die Sinnfrage?
Wenn jemand aus Begeisterung einen Sport ausübt und dabei erst noch Millionen Menschen fasziniert zuschauen, erübrigt sich die Sinnfrage. Deshalb macht es auch Sinn, wenn 20 Männer einem Ball hinterherrennen.

Erstellt: 24.04.2019, 00:30 Uhr

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