Diese Brüder dominieren die Motorrad-WM

Marc Marquez führt die MotoGP an, sein Bruder Alex hält in der Moto2 Tom Lüthi auf Distanz – wie ähnlich sind sich die beiden?

Für einmal ruhig und nebeneinander: Marc (links) und sein Bruder Alex Marquez. Foto: Alejandro Garcia

Für einmal ruhig und nebeneinander: Marc (links) und sein Bruder Alex Marquez. Foto: Alejandro Garcia

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Punkt um Punkt ziehen sie davon. Vergrössern den Vorsprung Woche für Woche. Doch während das beim einen normal geworden und längst keine Überraschung mehr ist, muss der andere das Dominieren erst lernen. Er lernt schnell.

Marc und Alex Marquez heissen die beiden rasenden Brüder in der Motorrad-WM. Doch nicht nur das, sie sind auch ausserordentlich erfolgreich. Marc hat schon sieben WM-Titel gewonnen und nähert sich dem achten – womit ihm zur Marke von Valentino Rossi nur noch einer fehlte. Mit 26.

Alex wiederum führt die zweithöchste Stufe an, die Moto2, dort fuhr der 23-Jährige in den vergangenen Wochen alles und damit auch Tom Lüthi in Grund und Boden. 2014 hat er die Moto3-WM gewonnen, Marc im selben Jahr zum zweiten Mal die MotoGP – sie gingen als erstes Brüderpaar in die Geschichte ein, das im selben Jahr Weltmeister wird. Wer weiss: Vielleicht gelingt Alex für 2020 der Sprung in die Königsklasse.

Und dann? Dann kommt mit dem doppelten Marquez etwas auf die MotoGP zu.

Herkunft
Treffen im Restaurant Nobadis

Die Brüder stammen aus Cervera, einer Kleinstadt in der Nähe von Barcelona, und leben noch immer dort. All ihre Pokale sind im Elternhaus aufgestellt. Statt in ein Steuerparadies zu ziehen, geniesst Marc, der bei Repsol Honda geschätzt zehn Millionen Euro im Jahr verdient, «die Nähe zu erstklassigen Trainingsmöglichkeiten».

In Cervera gibt es auch ein Marquez-Museum, zudem ist dort der Fanclub daheim, Onkel Ramon ist der Chef. An Rennsonntagen trifft sich der Fanclub im Tapas-Restaurant Nobadis, um sich gemeinsam die Grand Prix anzusehen.

Werdegang
Keine eigene Klasse für Marc

Vater Julian Marquez ist begeisterter Motorradfahrer und unternahm in jüngeren Jahren jedes Jahr mit Freunden eine Töfftour zum GP von Spanien in Jerez, Andalusien. An Marc und Alex gab er die Passion weiter. Mit vier wünschte sich Marc ein Motorrad zu Weihnachten – und bekam eines mit Stützrädern. Ein Jahr später bestritt er sein erstes Rennen, obwohl es für sein Alter noch keine passende Kategorie gab. In der WM debütierte er als 15-Jähriger 2008.

Zu dieser Zeit war Alex 12 – aber schon gleich gross wie sein Bruder. Heute ist er 12 Zentimeter grösser. Die Voraussetzungen, Motorrad zu fahren, sind also unterschiedlich. Früh entwickelte sich die Passion auch bei ihm, kein Wunder: Er wurde zwangsläufig an die Rennen seines Bruders mitgeschleppt. Mit neun wurde er katalanischer Regionalmeister in der 50er-Klasse. Sein Einstieg in die Moto3-WM erfolgte 2012 mit 16.

Stil
«Benutz deinen Kopf»

Es gab Zeiten, da nannten sie Marc Marquez «El Niño», das Kind. Die sind vorbei. Heute lautet sein Übername «Smiling Assassin».

Tatsächlich wirkt er neben der Strecke überfreundlich, wie ein Sonnenschein, in der Schule war er ein Musterknabe. Ist das Visier aber einmal unten, kennt er nur ein Tempo: Vollgas. Mit seiner rüpelhaften Fahrweise hat er sich schon mit vielen Konkurrenten angelegt, die Streitereien mit Valentino Rossi sind legendär. Auch Dominique Aegerter musste schon dran glauben. Alfred Willeke, einstiger Cheftechniker von Tom Lüthi, sagte einmal: «Der Typ ist völlig ausser Kontrolle, führt sich auf, als gehöre die Piste nur ihm.»

Alex Marquez fährt überlegter, weniger aggressiv im Zweikampf mit den Gegnern. Aber auch er gibt ungern nach. Und er stürzt immer mal wieder, in dieser Saison in ­Jerez und Malaysia. Besonders furchterregend sein Highsider im vergangenen Jahr in Japan. Speziell der Zwischenfall beim GP in Assen Anfang Juni. An der Spitze des Rennens lief das Duell zwischen Lorenzo Baldassarri und Leader Marquez, der Italiener räumte den Spanier ab – dieser revanchierte sich mit Tätlichkeiten.

«Benutz deinen Kopf und mach keine Dummheiten», habe ihm Marc einmal gesagt, berichtet Alex. Sie haben richtig gelesen: Sagte ihm Marc!

Alex:
«Ich höre jetzt mehr auf ihn»

«Marc gibt mir jeden Tag Ratschläge, nicht nur wenn es um Motorräder geht. Er ist mein grosser Bruder und weiss viel mehr als ich», sagte Alex einmal. Die beiden trainieren täglich miteinander, auf der nahen Motocross-Strecke, im Fitnessstudio oder auf dem Fahrrad. Beide sind Fans des FC Barcelona und spielen oft miteinander Fussball auf der Playstation.

Aber gut Ding musste Weile ­haben. Alex wollte sich von seinem älteren Bruder abheben, seine eigene Sache durchziehen: «Wir haben eine wirklich gute Verbindung und teilen viele Dinge und Hobbys. Aber um ehrlich zu sein: Ich höre jetzt mehr auf meinen Bruder als noch vor zwei Jahren.»

Marc:
«Er weiss jetzt, was er kann»

Als Alex in den letzten Jahren immer mal wieder seinem Namen als Bruchpilot alle Ehre machte, litt Marc mit. «Ich versuchte, ihm zu helfen.» Einfach war es nicht.

Umso mehr geniesse er es, dass das Brüderpaar in beiden Klassen vorne wegfährt. «Wir stehen jeden Tag mit einem Lächeln auf. Alles läuft gut. Alex hat jetzt mehr Selbstvertrauen und weiss, was er kann.»

Zukunft
Noch mehr Titel

Für Marc gibt es in der Motorrad-WM nur noch zwei Ziele: Ohne schlimmere Verletzung zu bleiben – und noch mehr Titel gewinnen. Schon 2020 könnte er mit Valentino Rossi gleichziehen und stünde mit 26 an Position 3 der ewigen Rangliste. Scheinbar uneinholbar vorne liegen nur noch Angel Nieto mit 13 Titeln und Giacomo Agostini mit 15. Aber was heisst bei Marc schon: uneinholbar?

Alex dagegen muss den Sprung in die MotoGP-Klasse erst noch schaffen, und bislang scheinen die Teams einen zweiten Marquez zu scheuen: Die aktuelle Saison ist schon seine fünfte in der Moto2. Ob es für 2020 reicht? Er selbst sagt: «Mein Verhältnis zur MotoGP ist nicht wirklich gut, denn jedes Jahr wird viel geredet, und am Ende bleibe ich dann doch in der Moto2. Deshalb will ich darüber noch nicht zu viel nachdenken.»


Bildstrecke: Auch diese Geschwisterpaare schrieben Sportgeschichte


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Erstellt: 11.08.2019, 10:34 Uhr

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