Eingesperrt und genötigt nach Formel-1-Boykott

Najah Yusuf setzte 2017 einen Facebook-Post ab, in dem sie zum Boykott des GP von Bahrain aufrief. Seither sitzt sie in Haft.

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«2017 kritisierte ich den GP von Bahrain auf Facebook. Ich wurde verhaftet, geschlagen und sexuell genötigt.» Mit diesen zwei Sätzen beginnt ein Brief, den die englische Zeitung «The Guardian» am Mittwoch veröffentlichte. Er stammt von einer vierfachen Mutter, geschrieben hat sie ihn in Isa Town, einer Stadt im Norden von Bahrain. 22 Kilometer entfernt gastiert an diesem Wochenende ein millionenschwerer Zirkus: die Formel 1.

Najah Yusuf wird nicht dabei sein. Das wäre sie auch nicht, wenn sie nicht im Gefängnis sässe in ebendiesem Isa Town. Denn Yusuf wehrt sich gegen dieses Rennen, sie hat dazu aufgerufen, es zu boykottieren. Dieses Fest der Superlative, es ist für sie «nichts ausser einer jährlichen Erinnerung an unser Leiden in unserem Kampf gegen Tyrannei und Unterdrückung».

Unter einem Vorwand auf die Wache gelockt

Eine Woche nachdem Sebastian Vettel im April 2017 auf der Insel Bahrain seinen 44. Sieg in einem Formel-1-Rennen feierte, wurde Yusuf zur Polizeistation Muharraq gebeten, vier Kilometer vom Flughafen weg, an dem in diesen Tagen Tausende Motorsport-Fans landen werden. Die Bahrainerin wurde unter dem Vorwand auf die Wache gelockt, ein Formular für ihren Sohn unterschreiben zu müssen.

Najah Yusuf, das Gesicht der Proteste gegen den GP von Bahrain. (Bild: Facebook)

Yusuf wurde das Telefon weggenommen, ihr wurde angedroht, dass man ihren Sohn töten würde, wenn sie dieses nicht entsperrt. «Das Schlimmste von allem aber», schreibt sie, «war, dass die Beamten mir meinen Hijab vom Körper rissen und mich einer von ihnen vergewaltigte». Nun sitzt Najah Yusuf immer noch in Isa Town im Gefängnis, der Vorwurf des bahrainischen Regimes: terroristische Straftat. Yusufs Facebook-Eintrag:

«Die Formel 1 in Bahrain ist nichts mehr als ein Weg für die (in Bahrain regierende) Al-Khalifa-Familie, um ihre Verbrechen und ihre schweren Menschenrechtsverletzungen zu beschönigen.»

Der GP im Sog des Arabischen Frühlings

Yusuf ist kein Einzelfall, aber sie ist das Gesicht des Protests gegen die Regierung auf der Insel. Diese gibt es auch nicht erst seit dem Facebook-Post der Mutter von vier Kindern. Begonnen hatte alles im Jahr 2011; der Arabische Frühling war ausgebrochen, die Protestwelle, von der vom Maghreb bis auf die Arabische Halbinsel praktisch alle Länder betroffen waren. In Bahrain richtete sich die Wut der schiitischen Mehrheit im Land gegen die sunnitische Regierung um König Scheich Hamad bin Issa Al Khalifa. Sie fühlt sich diskriminiert und unterdrückt, auf dem Arbeitsmarkt oder im Alltag.

Für die Gegner des Königs ist der Grand Prix von Bahrain als ein Feindbild. Weil dann die Motorsportwelt auf Bahrain blickt, weil man sich dann von der besten Seite präsentieren kann, ungeachtet der Missstände. Denn die Formel 1, die dank einer aufwendigen Netflix-Dokumentation gerade auch über die Motorsportszene hinaus begeistert, interessiert nur etwas: die Formel 1.

«Du, Lewis, hast eine moralische Verantwortung»

2011 wurde das Rennen infolge der Proteste abgesagt, 2012 versuchten Demonstranten, das Gleiche zu erreichen, selbst am Renntag kam es zu Demonstrationen. Der damals 22-jährige Videojournalist Ahmed Ismail Hassan dokumentierte die Vorfälle und wurde dabei von einem Militärangehörigen in Zivil erschossen. Tausende kamen zu seiner Beerdigung, wieder kam es zu Aufständen. Bei diesen gab es zahlreiche Verletzte, ein 15-jähriger Knabe wurde getötet.

An diesem Wochenende ist die Formel 1 also erneut zu Gast in Bahrain, der GP wird zum 15. Mal ausgetragen. Najah Yusuf muss drei Jahre im Gefängnis absitzen, so das offizielle Urteil. Sie und andere Aktivisten appellieren an die Teams, vor allem an Mercedes und Superstar Lewis Hamilton. Paul Scriven, ein englischer Politiker, sagt im «Guardian»: «Wir müssen Hamilton in die Augen sehen und fragen: ‹Lewis, ist es angemessen, Millionen zu verdienen und auf einem Podium zu stehen, das der Rücken von Najah Yusuf sein könnte? Du, Lewis, hast eine moralische Verantwortung.›»

Hamiltons Team Mercedes antwortete in einem Statement auf die Unruhen rund um das Rennen: «Als ein Team der Formel 1 ist Mercedes vertraglich daran gebunden, an allen Rennen der Saison teilzunehmen», steht darin.

(mro)

Erstellt: 29.03.2019, 18:46 Uhr

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