Es geht um groteske Summen

Das Leben der Formel 1 pulsiert in Europa – nirgends so glamourös wie in Monaco. Doch das grosse Geld lockt im Osten.

Monte Carlo ist in der Formel 1 einzigartig – aber lukrativer sind längst traditionsfreie Orte. Foto: Boris Horvat (AFP)

Monte Carlo ist in der Formel 1 einzigartig – aber lukrativer sind längst traditionsfreie Orte. Foto: Boris Horvat (AFP)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Jachten wurden schon einmal in Stellung gebracht. Dicht an dicht stehen sie an diesem wolkenverhangenen Freitagmorgen im Hafen von Monte Carlo. Die grössten und prächtigsten Luxusboote dümpeln draussen auf dem Meer, über 100 Meter messen sie, Hunderte Millionen haben sie gekostet, der Anker hält sie in der Bucht vor der imposanten Kulisse mit den unzähligen alten Hochbauten.

Es ist ruhig, nur die Möwen kreischen. Angestellte putzen die Decks, polieren, klopfen Teppiche. Es sind die letzten Handgriffe vor dem grossen Fest, das heute beginnt, wenn sich die 20 Boliden der Formel 1 an der Côte-d’Azur auf die Zeitenjagd machen. Auf den Schiffen wirds wuseln, klirren die Gläser, knallen die Korken, wummern die Bässe, feiern die Wohlhabenden das Spektakel vor ihnen, vor allem aber sich selber. Ein Anlegeplatz kostet am Grand-Prix-Wochenende bis zu 100 000 Franken.

Ein Sinnbild für die Königsklasse

Monaco ist weit mehr als eines von 21 Rennen im dichten Formel-1-Kalender. Es ist Sinnbild für die Königsklasse, diesen von Bernie Ecclestone zum Milliardenbusiness hochgezüchteten Koloss, diesen Hort des Glamours in der manchmal schmutzigen und hemdsärmligen Welt des Motorsports. Und Monaco ist ihr Herz, ist Tradition, hier wird gerast, seit die Automobil-WM 1950 erstmals stattfand. Hier werden Dramen geschrieben und Helden geboren. Die Formel 1 ohne Monaco? Unvorstellbar.

Die Veranstalter vom Automobile Club de Monaco geniessen entsprechende Vorzüge. An Ecclestone bezahlten sie keine oder nur geringe Lizenzgebühren, das ist unter den neuen Besitzern des Mediengiganten Liberty Media um Formel-1-Chef Chase Carey nicht anders.

Die Osterweiterung

Die US-Amerikaner bekennen sich zur Tradition und gehen überraschend behutsam vor bei der Modernisierung der Rennserie, die sie 2016 für 8 Milliarden Dollar übernahmen. Während Ecclestone seit der Jahrtausendwende auf der Suche nach neuem Geld mit Vollgas Richtung Osten brauste, Rennen in Bahrain, China, der Türkei, Singapur, Abu Dhabi, Südkorea, Indien, Russland und Aserbeidschan austragen liess und den europäischen Veranstaltern mit höheren Kosten drohte, blieb es seit seiner Absetzung 2017 ruhig. Im Gegenteil zur Entwicklung davor, die immer mehr zur Abkehr von Europa wurde, kam sogar Frankreich mit einem Grand Prix zurück und verschwand Malaysia.

Doch die europäischen Organisatoren ächzen weiter unter der finanziellen Last, die ihnen die langfristigen Verträge mit Ecclestone aufbürden. Die Betreiber des Hockenheimrings etwa müssen jährlich rund 20 Millionen Dollar für die Austragung bezahlen, in diesem Jahr können sie das nur, weil Mercedes als Titelsponsor einsprang. Ende 2019 endet der Vertrag: Zukunft offen. Das gilt auch für Spanien, Grossbritannien und Mexiko, deren Organisatoren kaum auf staatliche Gelder hoffen dürfen.

Das ist in Ländern wie Bahrain, China, Russland oder Aserbeidschan selbstredend anders – dort ist die Formel 1 ein Prestigevehikel für die Machthaber. Aserbeidschan soll 40 Millionen Dollar pro Jahr zahlen, manche reden von 60 – Saudiarabien hat jetzt offenbar die gleiche Summe geboten.

Viel Geld, wenig Weitsicht

Es sind geradezu groteske Zahlen, die den Formel-1-Besitzern durchaus die Sinne vernebeln könnten. Doch Liberty Media erweckt nicht den Eindruck, als würde bei ihrem Geschäftsmodell Geld über allem stehen. Gregory Maffei, CEO des Konzerns, sagt: «Orte wie Baku zahlen uns viel Geld, tun aber nichts für die langfristige Stärkung der Marke und die Gesundheit unseres Geschäfts.» Auch er wolle zwar expandieren, vor allem nach Asien, «aber das Herz der Formel 1 schlägt historisch in Europa».

Formel-1-Chef Carey sagt: «Diesem Sport war durch einen immer nur kurzsichtigen Fokus auf schnelle Geschäfte wenig gedient, weil Strategie und Vision ebenso fehlten wie der Wille zu Investitionen.»

Es sind Aussagen, die durchaus als gute Zeichen Richtung Deutschland, Spanien, Grossbritannien und Mexiko gewertet werden dürfen. Allerdings: Nicht an allen vier Destinationen wird 2020 gestartet. Denn ihre Expansionslust bewiesen die Eigentümer bereits mit der Aufnahme von Vietnam in den Rennkalender des nächsten Jahres und mit der Rückkehr ins holländische Zandvoort – mehr als 21 Grands Prix wird es auch 2020 kaum geben.

Marokko? Südafrika?

Zudem soll nach einem Vierteljahrhundert wieder in Afrika gefahren werden. Die einstige marokkanische Hauptstadt Marrakesch hat sich bei der Formel-1-Führung gemeldet, diskutiert wird auch über eine Rückkehr ins südafrikanische Kyalami.

Die Königsklasse will sich weiterbewegen, allerdings weniger ruckartig als in der Vergangenheit. Und ihr Herz soll weiter in Europa schlagen. Nirgends lauter als in Monaco.

Erstellt: 24.05.2019, 23:14 Uhr

Artikel zum Thema

«Ein normales Kind hätte geweint»

Interview Max Verstappen belebt seit vier Jahren die Formel 1 – auch mit ungestümen Aktionen. Vor dem GP von Monaco redet er über sein Temperament und die Kindheit mit einem strengen Vater. Mehr...

Wieder Doppelsieg von Mercedes

Lewis Hamilton siegt in Spanien vor seinem Teamkollegen Valtteri Bottas, der den fünften Doppelsieg der Silberpfeile im fünften Rennen der Saison perfekt macht. Das Podest komplettierte Max Verstappen im Red Bull, der vor den beiden Ferrari-Fahrern Sebastian Vettel und Charles Leclerc abgewinkt wurde. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Sweet Home Gemeinsam leben an zwei Orten

Geldblog Reisedetailhändler Dufry wächst wieder richtig

Die Welt in Bildern

Blumen-Idylle: In Kathmandu, Nepal, fliegt ein Sommervogel von Blüte zu Blüte. (8. November 2019)
(Bild: Navesh Chitrakar) Mehr...