«Ferrari hat keine Chance mit dem Protest»

Paul Gutjahr (76) war 22 Jahre lang Formel-1-Kommissar. Der Berner spricht über die Strafe gegen Sebastian Vettel in Kanada und sagt, wieso früher weniger geahndet wurde.

Der Ausritt, der Sebastian Vettel um den Sieg brachte. Video: SRF

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Sebastian Vettel erhielt in Kanada eine 5-Sekunden-Strafe, Lewis Hamilton gewann deshalb. Machen Kommissare die Formel 1 kaputt?
Es kommt immer darauf an, wen man fragt. In England sagen wohl sehr viele, dass es richtig war, Vettel zu bestrafen.

Ferrari will gegen das Urteil Protest einlegen …
… das ist durch, das ist vorbei.

Es gibt keine Chance auf Erfolg?
Ferrari hat keine Chance mit dem Protest. Es geht um das Recht auf Revision, und in diesem Artikel steht, dass der Entscheid allenfalls noch einmal überdacht werden kann, wenn es neue Elemente in diesem Fall gibt. Die wird es aber nicht geben.

Ist die Datenlage derart klar?
Erst muss man verstehen, wie der Prozess läuft. Es ist der Rennleiter, der entscheidet, ob eine Situation untersucht werden muss. Er hat sämtliche Angaben, die die Kommissare vor Ort auch haben. In deren Büro ist ein Techniker, der Zugang zu allen Daten hat. Sie können die Situation in der Verlangsamung schauen, haben andere Kameras zur Verfügung, etwa aus der Helikopterperspektive, sie haben viel mehr Angaben als der Zuschauer. Aber klar frage ich, der das Rennen am Fernseher gesehen hat ohne all die Informationen, wie viele andere auch: Wieso erhält er jetzt eine Strafe, er war ja vorne, als er auf den Rasen rutschte und dann zurück auf die Strecke?

Und: Wieso bekam er sie?
Es gibt eine Grundregel: Wenn einer eine Strecke mit allen vier Rädern verlässt, was hier der Fall war, darf er nicht auf die Strecke zurückkehren, wenn er andere behindert. Das gilt aber eigentlich nur dann, wenn sich die Fahrer in einem Zweikampf befinden. Und auch dieser ist genau definiert: Der Hinterherfahrende muss in einer gewissen Schlagdistanz sein. Ob das so war, weiss ich nicht, weil mir die Daten fehlen.

Aber zumindest hatte Hamilton nicht angegriffen in dieser Kurve.
Richtig.

Dann fällt doch das Argument vom Zweikampf weg.
Wenn es einen Angriff gegeben hätte, dann wäre für mich der Fall klar. Ob es den gab, war zumindest nicht eindeutig. Aber ich will mir nicht anmassen, das Urteil infrage zu stellen.

Konnten Sie bei Vettel eine Absicht erkennen?
Nein. Er musste nur schauen, dass er das Auto unter Kontrolle hält.

«Ich habe immer die Philosophie vertreten, die Fahrer fahren zu lassen. Die sollen das untereinander ausmachen.»

Spielt die Absicht in der Urteilsbegründung überhaupt eine Rolle?
Naja, absichtlich fährt ja einer ohnehin nicht über den Rasen, er hat ja keinen Vorteil dadurch.

Finden Sie das Urteil hart?
Ich habe immer die Philosophie vertreten, die Fahrer fahren zu lassen. Die sollen das untereinander ausmachen. Wir sollten nur dann eingreifen, wenn es wirklich unfair wird.

War das hier der Fall?
Auf den ersten Blick eher nicht.

Manchmal wird durchgegriffen, manchmal nicht. Die Bestrafungen scheinen willkürlich.
Es ist immer eine Ermessenssache, die aufgrund von Fakten festgelegt wird. An Ort und Stelle.

Wäre es besser gewesen, die Entscheidung in Ruhe nach dem Rennen zu fällen?
Es ist immer schlecht, nach dem Rennen das Klassement zu ändern. Besser sofort eine Strafe, und jeder weiss, woran er ist.

Die Kommissare müssen extrem viele Daten in kurzer Zeit auswerten. Ist das eine Fehlerquelle?
Die heutigen Autos sind derart mit Elektronik ausgerüstet, dass man auf den Meter genau sagen kann, wo einer gefahren ist. Die Distanz zum anderen Auto ist exakt festgehalten, der Zeitabstand, der Tempounterschied, was Vettel eingangs Kurve für eine Geschwindigkeit hatte, welche Hamilton – das alles wird übereinandergelegt und angeschaut. Aber ja: Am Ende ist es immer ein menschlicher Entscheid.

Gerd Ennser, Chefkommissar beim GP von Kanada, und der Fahrervertreter Emanuele Pirro, der im Gremium sass, werden derzeit kritisiert. Zurecht?
Mit Pirro habe ich oft zusammengearbeitet, er ist ein erfahrener Pilot. Er ist sehr vernünftig. Und Gerd Ennser habe ich ausgebildet, er ist Jurist, ein guter Mann, ein überlegter auch. Er hat nicht irgendwie etwas gegen Vettel oder für ihn.

Das sollte auch Grundvoraussetzung sein für dieses Amt.
Klar, und dennoch wird das vielfach angezweifelt. Aber es sind ja nicht nur diese zwei, die den Entscheid gefällt haben, es ist ein Gremium aus vier Personen.

«Die Kommissare sehen alles. Die Formel 1 ist durch und durch gläsern.»

Es ging in Kanada um den Sieg. Ist da besonderes Fingerspitzengefühl gefragt?
Nein. Demjenigen, der um den 6. Platz kämpft, ist der Rang genauso wichtig. Sportkommissare müssen jeden Vorfall mit den gleichen Ellen messen.

Früher wurde viel mehr zugelassen, es gab mehr spektakuläre Duelle. Muss nicht das das Ziel sein?
Wir mussten früher mehr durchgehen lassen – zwangsläufig. Wir hatten damals schlicht all die Angaben nicht. Als ich als Sportkommissar begann, hätten wir solche Dinge gar nicht mitbekommen. Wir sahen die Szene wohl am Fernseher, hatten aber keine Möglichkeit, den Vorfall zu rekonstruieren. Mit dem technischen Fortschritt wurde es automatisch eingeschränkter.

Können sich die Fahrer deshalb auch weniger wehren nach einem Urteilsspruch?
Ich sage immer: Die Fahrer sind arme Kerle. Früher konnten wir sie zu uns zitieren und fragen: Was hast du gemacht? Sie konnten jede Ausrede haben. Heute gibt es keine Ausrede mehr. Kommt ein Fahrer zu den Kommissaren, wissen die schon alles. Er kann nicht sagen, er hätte ein Problem gehabt mit dem Auto, mit den Bremsen, mit den Reifen. Die Kommissare können entgegnen: Dein Bremsdruck war zu dem Zeitpunkt so und so, die Reifen waren in gutem Zustand – sie sehen alles. Die Formel 1 ist durch und durch gläsern.

Ist das gut für den Sport?
Für die Fairness, ja. Für die Show vielleicht weniger.

Alles in der Formel 1 scheint überreguliert. Müssten die technischen Möglichkeiten eingeschränkt werden?
Wenn ich einen Fan frage, der einfach guten Rennsport sehen will, sagt er Ja. Auf der anderen Seite steht aber die Frage nach der Fairness.

Müssten die Regeln gelockert werden?
Die Regeln haben immer existiert. Nur werden sie heute mit all den Hilfsmitteln besser durchgesetzt.

Wie fanden Sie Vettels emotionales Verhalten nach dem Rennen?
Er fuhr ein langes Rennen mit einem Puls von 140, mit viel Adrenalin, da kann so etwas passieren. Das ist menschlich, das ist doch gut.

Der frustrierte Sebastian Vettel erklärt sich zum Sieger. Video: SRF

Ein anderer emotionaler Fahrer war Michael Schumacher. Sie waren Kommissar, als er 1997 beim letzten Rennen in Jerez Jacques Villeneuve von der Piste rammen wollte. Er wurde erst hinterher bestraft. Weshalb?
Wir waren uns alle einig: Wir lassen sie das Rennen fahren, wir lassen das durch, schliesslich hat ja der Richtige gewonnen, der andere war draussen, fertig. Erst danach gab es eine riesige Opposition – vor allem von den Medien. Deshalb wurden Schumacher hinterher sämtliche WM-Punkte aberkannt.

Hätten Sie mit den Mitteln von heute anders entschieden?
Sicher. Es wäre einfach gewesen, zu sehen, was passiert war.

Erstellt: 12.06.2019, 20:43 Uhr

Paul Gutjahr war von 1995 bis 2017 Formel-1-Kommissar. (Bild: Andreas Blatter)

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